Terrorverdächtiger Daniel Martin S.

„Radikalisierungsprozess im Zeitraffer“

Von Thomas Holl, Wiesbaden

20. September 2007 Deutsche Sicherheitsbehörden haben den aus dem Saarland stammenden deutschen Konvertiten Daniel Martin S. schon früher als bisher bekannt beobachtet. Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung besuchte ein Beamter des saarländischen Landesamtes für Verfassungsschutz S. im Frühjahr 2007 sogar und sprach mit ihm, nachdem sich die Mutter und andere Familienangehörige besorgt an die Sicherheitsbehörden gewandt hatten.

Vor drei Jahren war der aus einem bürgerlichen Elternhaus stammende 22 Jahre alte Mann den Ermittlern, die seit geraumer Zeit eine Gruppe von Islamisten im Raum Neunkirchen im Saarland beobachtet hatten, zum ersten Mal aufgefallen. Seit 2003, so die Erkenntnis der Behörden, bewegte sich der in seiner Kindheit katholisch erzogene deutsche Muslim in dieser radikalen Islamistenszene. Auch seinen Dienst bei der Bundeswehr in Saarlouis 2004 und 2005 leistete S. anscheinend schon als radikaler Islamist.

„Zum Massenmord fest entschlossen“

Jene Gruppe von gut einem Dutzend militanter Islamisten im Kreis Neunkirchen, die der saarländische Verfassungsschutz beobachtet, besteht aus jungen Männern zwischen 20 und 30 Jahren. Der Gruppe gehören nach Angaben aus Ermittlerkreisen Deutsche, Personen aus Einwandererfamilien und in Deutschland lebende Ausländer an. Sie teilten eine bestimmte Grundeinstellung, seien aber nicht alle potentielle Terroristen. Die Moschee in Neunkirchen, die alle zum Beten besuchten, werde jedoch nicht als Treffpunkt genutzt.

Daniel Martin S., der nach Einschätzung der Ermittlungsbehörden „absolut fanatisch“ und „zum Massenmord fest entschlossen“ war, lebte in den Monaten vor seiner Verhaftung am 4. September in der Petrusstraße im Saarbrücker Stadtteil Herrensohr. Dort teilte er sich eine neben der Omar-Moschee gelegene Wohnung mit dem ebenfalls zum Islam übergetretenen Deutschen Eric B. Der 21 Jahre alte Mann aus dem Raum Neunkirchen ist vor zwei Wochen untergetaucht.

„Drei Radikalisierungsschübe“

Der ebenfalls aus einer Mittelstandsfamilie stammende und von der Bundesanwaltschaft noch nicht als Beschuldigter geführte B. wird nach Informationen der F.A.Z. von den Sicherheitsbehörden in Ägypten vermutet, wo er sich zu Koranstudien aufhalten soll. Die Ermittler befürchten, dass er wie andere Verdächtige von dort aus weiter zu einem Terroristen-Ausbildungslager der Islamischen Dschihad-Union in Pakistan weiterreisen könnte. „Sein Radikalisierungsprozess im Zeitraffer besorgt uns“, heißt es in Sicherheitskreisen. Bei seiner Wiedereinreise nach Deutschland werde man sich intensiv mit ihm unterhalten.

Die deutschen Sicherheitsbehörden haben anhand von Lebensläufen wie dem von Daniel S. und Eric. B. inzwischen drei Radikalisierungsschübe in Deutschland lebender Muslime auf dem Weg zu möglichen islamistischen Terroristen ausgemacht.

In der ersten Phase besuchten spätere Terrorverdächtige Islamseminare wie etwa in dem inzwischen geschlossenen „Multi-Kultur-Haus“ in Neu-Ulm. Dort kämen sie vor allem mit dem fundamentalistischen Islam wahhabitischer Prägung in Berührung, berichten Ermittler.

Die zweite Phase bestehe in dem Besuch von Lehrgängen im arabischen Ausland zum Studium des Korans, etwa in Damaskus oder Kairo.

Der dritte und gefährlichste Schub komme dann nach einer längeren Pause durch den Aufenthalt in einem terroristischen Ausbildungslager in Pakistan. Auch Daniel Martin S. wurde Ende 2006 wegen eines Grenzvergehens in Pakistan verhaftet und kehrte nach Intervention der Deutschen Botschaft und des Auswärtigen Amtes im Frühjahr 2007 ins Saarland zurück.

„Labile Persönlichkeit“

Als eines der Hauptmotive für das Abdriften in die islamistische Terrorszene vermuten die Ermittler im Fall von Daniel Martin S. das Auseinanderbrechen der Familie, das den Jugendlichen aus der Bahn geworfen habe. 1996 trennten sich die Eltern, 2001 erhielt der Vater nach langem Streit das Sorgerecht für Daniel S. und dessen Bruder. Der junge, sportbegeisterte Mann, der in der 12. Klasse des Gymnasiums trotz guter Leistungen die Schule abbrach, habe aufgrund seiner „labilen Persönlichkeit“ Halt in einer festen Gruppe und in einem geordneten Weltbild gesucht: „Er hätte auch Neonazi oder Scientologe werden können. Es war nur die Frage, wer ihn zuerst anspricht.“ Der Kontakt zu dem mutmaßlichen Anführer der Gruppe, dem deutschen Konvertiten Fritz G., entstand nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden durch den gemeinsamen Besuch eines Islam-Lehrgangs in Neu-Ulm.

Dass ausgerechnet die in Usbekistan gegründete und bis dahin eher unbekannte Terrorgruppe Islamische Dschihad-Union bei den deutschen Islamisten agitierte, hat auch die Ermittler überrascht. „Das ist eine Gruppe, die das Terrornetz Al Qaida in seinen Anfängen imitiert.“ Nach dem Sturz der Taliban in Afghanistan verfüge Al Qaida nicht mehr über Ausbildungslager. Solche Camps stelle nun die Islamische Dschihad-Union in Pakistan zur Verfügung, heißt es in Sicherheitskreisen. Dort glaubt man, dass es noch mehr Terrorzellen wie die im Sauerland ausgehobene in Deutschland gibt. (Siehe auch: Islamische Dschihad-Union: Aus Usbekistan nach Europa)



Text: F.A.Z.

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