Von Christoph Ehrhardt
06. September 2007 Die Missionare des Islam werden lauter. Und die muslimischen Prediger haben Erfolg. Die Zahl der Konvertiten in Deutschland hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Zwar sind bei weitem nicht alle, die sich bekehren lassen, von Wut oder Hass getrieben. Doch die Sicherheitsbehörden warnen: Extremisten versuchen gezielt deutsche Konvertiten zu locken und zu radikalisieren. Männer wie der am Mittwoch festgenommene Fritz. G. sind unauffällig und nur schwer zu fassen.
Pierre Vogel trägt bei seinen Auftritten oft traditionelle islamische Mode. Kaftan, Häkelkappe, Vollbart. Er spricht wie ein Moderator aus dem Musikfernsehen, nicht wie ein Geistlicher. Schon gar nicht wie ein Missionar. Dann hoffen wir - Inscha Allah - dass Du in den Islam reinkommst, sagt er mit rheinischem Akzent. Der junge angehende Muslim mit dem Bürstenhaarschnitt neben ihm, er ist etwa zwanzig Jahre alt, scheint etwas nervös zu sein. Vogel atmet demonstrativ durch. Und dann - Inscha Allah - bist Du auf dem Weg ins Paradies.
Der frühere Boxer, der sich Abu Hamza nennt, assistiert bei der Schahada, dem islamischen Glaubensbekenntnis: Es gibt keinen Gott außer Gott; Mohammed ist der Gesandte Gottes. In fließendem Hocharabisch spricht er vor. Der Konvertit spricht nach, mit deutschem Akzent. Ein dreifaches Allahu Akbar im Anschluss, dann folgt eine lange Reihe von Umarmungen. Die Gemeinschaft der Muslime heißt ein neues Mitglied willkommen. Im Hintergrund ertönt der getragene Gesang eines Muezzins.
Einflussreiche Figur der Konvertitenszene
Pierre Vogel ist eine der prominentesten - und nach der Einschätzung der Sicherheitsbehörden auch einflussreichsten - Figuren der deutschen Konvertitenszene. Spuren seiner Missionsarbeit finden sich zuhauf auf Videos im Internet: Junge Menschen beim Übertritt zum Islam, junge Menschen, die ihren Weg zum Islam beschreiben.
Pierre Vogel studierte in Deutschland Islamwissenschaften. Das reichte ihm nicht. Er ging nach Saudi-Arabien an die Universität von Mekka, dorthin, wo ein puritanischer, der wahhabitische Islam gelehrt wird. Das Sendungsbewusstsein Vogels konzentriert sich ganz auf Konversionswillige und Gleichgesinnte. Mit Journalisten rede er nicht, sagt er, da habe er keine Lust zu, die verdrehten immer alles, man kenne das ja.
Immer mehr Konvertiten
Ist der Prediger so selbstbewusst, weil er den Zeitgeist auf seiner Seite weiß? Bei den Deutschen tut er sich noch verhältnismäßig schwer. Polen und Italiener ließen sich leichter bekehren, sagt er. Als kürzlich aber eine Studie des vom Bundesinnenministerium unterstützten Islam-Archivs in Soest an die Öffentlichkeit kam, war die Aufregung dennoch groß. Die Zahl der Konvertiten in Deutschland, hieß es da, habe sich 2005 im Vergleich zum Vorjahr vervierfacht. Rund 4.000 seien es gewesen, hieß es in der Studie, unter ihnen zunehmend solche, die sich nicht wegen der Hochzeit mit einem Muslim, sondern aus purer Überzeugung dem Islam zuwendeten.
Tendenz steigend. 2006 sind es laut dem Soester Institut schon 14 300 Konvertiten gewesen. Ende des Jahres würden es noch deutlich mehr sein. Die Zahlen werden jedoch angezweifelt - Verfassungsschützer sagen, das Islamarchiv arbeite mit Auskünften der islamischen Verbände, die nicht als König ohne Kleider dastehen wollten und deshalb lieber mehr als weniger ehemalige Christen zur Gemeinde der rund 3,5 Millionen Muslime in Deutschland rechneten.
Selbstbewusster und aggressiver
Die Sicherheitsbehörden sind trotzdem auf der Hut. Nach dem 11. September 2001 gab es eine gewisse Schamgrenze in Deutschland, was die Missionierung zum Islam angeht. Damit ist es anscheinend vorbei, sagt ein Islamfachmann des Verfassungsschutzes. Die Missionare würden lauter. Jetzt wird selbstbewusster und aggressiver denn je für den Islam geworben. Christian Troll, Islamfachmann der Deutschen Bischofskonferenz, sieht es ähnlich: Es tut sich was. Das ist eine Herausforderung für unsere Kirche. Es ist eine Anfrage an das Christentum.
Der Islam wartet nicht auf eine Anfrage. Seine Herausforderung heißt Daawa, die Einladung zum Islam. Laut Koran ist sie religiöse Pflicht. Sie besteht darin, den Islam zu erklären und Überzeugungsarbeit zu leisten - für einen unumkehrbaren Übertritt. Dafür wird in ausgesprochen weltlich anmutenden Slogans geworben. Etwa damit, dass der Islam ganz einfach die richtige Entscheidung für Diesseits und Jenseits sei.
Manchmal sind es tatsächlich auch noch ganz diesseitige Motive, die hinter einer Konversion stehen. Es ist auch schon vorgekommen, dass ein Deutscher zum Übertritt motiviert wurde, weil ihm von einem Imam in Aussicht gestellt wurde, dass ihm eine Frau vermittelt wird, sagt ein Beobachter der Szene beim Verfassungsschutz. Nicht nur deshalb hätten die deutschen Bischöfe mit Predigern wie Pierre Vogel wohl so ihre Schwierigkeiten.
Jesus ist nicht der Sohn Gottes
Wichtig sei, verkündet Abu Hamza in einem seiner Internetvideos, dass man mit dem islamischen Glaubensbekenntnis auch sage, dass es falsch ist, Jesus anzubeten. Jesus ist nicht der Sohn Gottes. Schließlich sei der Koran nach der Überlieferung ausdrücklich eine Berichtigung der in der Christen-Bibel verfälschten Offenbarung: Man sagt, es gibt einen allmächtigen Gott, und der schickt ein Buch, dann muss das Buch von dem allmächtigen Gott, wenn es nicht verändert worden ist, doch richtig sein. Und wenn es verändert worden ist, dann muss der allmächtige Gott ein neues Buch schicken.
Das sind Ansichten, die wenig Raum für eine textkritische Koranauslegung zulassen, wie sie von islamischen Reformern gefordert wird. Der Übertritt zum Islam ist hier ein Übertritt in eine elitäre Gemeinschaft der Wissenden. Troll will sich davon nicht abhalten lassen. Die Kirche müsse mehr denn je und gezielter auf Muslime zugehen. Dialog bedeute nicht nur verstehen und zuhören, sondern auch Fragen stellen, Interesse wecken. Es gibt Tage der offenen Moschee, zu denen Christen eingeladen werden, man sollte auch Muslime zu Tagen der offenen Kirche einladen.
Wenn einer tot ist, ist er tot
Pierre Vogel würde wahrscheinlich nicht kommen. Aber vielleicht Mohammed Herzog. Obwohl auch er nicht per Zufall im Islam landete. Herzog, Imam der deutschsprachigen Muslime in Berlin, befreite sich mit seiner Konversion von seinem Ärger über die christliche Trinitätslehre. Auch die christliche Überlieferung von Kreuzigung und Auferstehung Jesu waren für Herzog nicht greifbar. Wenn einer tot ist, ist er tot.
Ihm sagten die absoluten Positionen zu, die der Islam einnehme. Ein Lob, das man auffällig oft von deutschen Bekehrten hört. Herzog war einmal Diakon, er arbeitete für den evangelikalen Baptistenprediger Billy Graham, der einst den amerikanischen Präsidenten Bush erleuchtete und ihn vom Alkohol abschwören ließ. Er war ein strenggläubiger Christ - bis er im Koran las. Er glaubte, was er las. Für Herzog ist Religion - wie für viele andere Konvertiten auch - Privatsache, auch wenn er öffentliche Auftritte für die Sache seines Glaubens nicht gerade meidet.
Konvertiten als Brückenbauer?
Er trat in einer Fernsehsendung für Autofreunde auf, die sich der Frage widmete, ob man Musliminnen verbieten solle, den Führerschein zu machen; schließlich behindere das Kopftuch die Sicht. Herzog gab auch schon den Imam in einer Fernseh-Seifenoper - vor mehreren Millionen Zuschauern. Dabei kehrt er gerne seine berlinerische Bodenständigkeit heraus. Er gibt dem Zuhörer das Gefühl, er rede mit dem Wirt einer Charlottenburger Eckkneipe und nicht mit einem Imam. Dat ick Muslim jeworden bin, liecht bestimmt nich' an den Muslimen. Das sage er denen auch immer. Die seien ihm oft zu verbohrt.
Er meine es ernst mit dem Dialog mit anderen Religionen, er nennt Selbstbewusstsein im gleichen Atemzug mit Offenheit als muslimische Tugenden. Gerade Konvertiten könnten Brückenbauer sein, weil sie beide Seiten kennten. Dass sich in der Wahrnehmung der deutschen Öffentlichkeit zunehmend ein Bild festsetzt, wonach der Islam und die westliche Welt im Kulturkampf aufeinanderprallen, wirkt auf Konversionswillige offenbar nicht abschreckend.
Größtmögliche Abgrenzung
Im Gegenteil: Der Übertritt wird bisweilen zur größtmöglichen Abgrenzung, zum Ausbruch. Entfremdung von der Mehrheitsgesellschaft führen Konvertiten immer wieder als Grund für ihren Wandel an. Die deutsch-islamische Gemeinschaft der Bekehrten ist voller schillernder Figuren - sei es der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Ayyub Axel Köhler, oder der frühere deutsche Botschafter in Algerien und Marokko, Murad Winfried Hoffmann. Oder Abu Bakr Rieger.
Bevor er 1990 zum Islam übertrat, hieß er Andreas. Dann wurde er nach dem ersten islamischen Kalifen benannt. Heute ist er Herausgeber der Islamischen Zeitung. Zusammen mit seinem Mentor, dem Führer der vom sufistischen Islam inspirierten Murabitun-Sekte Scheich Abdalqadir (ein schottischer Schauspieler, der einmal Ian Dallas hieß), erklärte er 1995 den orientbegeisterten Goethe in einer Fatwa, einem islamischen Rechtsgutachten, zum Muslim. In den neunziger Jahren versuchte Rieger mit anderen erfolglos, eine islamische Kommune in Thüringen einzurichten: das Dar al Islam Siedlungsprojekt.
Neues umfassendes Lebensmodell
Dinare und Dirhams, die Ersatzwährung, die der Überlieferung des Propheten entspreche, seien schon geprägt worden, heißt es in einem Werbeprospekt. Eine blühende Gemeinde in blühender Thüringer Landschaft wird darin versprochen - ein Stadtplan zeigt die Moschee im Zentrum. Ein Amir, wie Mohammed Herzog einer ist, sollte die Politik bestimmen, unabhängige Richter Streitfälle sofort und unbürokratisch klären.
Nach dem Fall des Kommunismus und der folgenden Enttäuschung über den Kapitalismus sind die Menschen einem neuen umfassenden Lebensmodell gegenüber aufgeschlossen, und ein solches Modell ist, wie wir Muslime wissen, nur im Islam verwahrt, heißt es in dem Prospekt. Auf solche Gedanken kommen deutsche Konvertiten nur selten über das Erlebnis der deutschen Einheit.
Rückkehr - radikalisiert und ideologisiert
Normalerweise kehren sie damit von Studienaufenthalten aus Saudi-Arabien zurück. Viele erhalten dort wie Pierre Vogel Stipendien. Dutzende kämen radikalisiert und antiwestlich ideologisiert zurück, berichten Staatsschützer. Oft würden sie zunächst mit Köderliteratur - einfach gestrickten Erbauungsschriften auf Hochglanzpapier - für den Islam gewonnen und dann im zweiten Schritt radikalisiert. Salim Abdullah, Direktor des Soester Islam-Archivs, hält deshalb die eingewanderten Muslime in der dritten Generation für viel offener als die deutschstämmigen Neu-Muslime. Das sieht auch der Bundesinnenminister so.
Für Wolfgang Schäuble hat die Zahl der Übertritte in Deutschland etwas Bedrohliches. Er warnte davor, dass der so genannte Home-grown-Terrorismus zunehmend zum Problem werde. Konvertiten sind unauffällig, im Besitz eines heimischen Passes und daher schwer zu fassen. Trotzdem kenne sie sich mit dem kulturellen Gegebenheiten im islamisch geprägten Ausland gut aus. Inzwischen werden sie gezielt von militanten Islamisten gelockt, sagt der Präsident des baden-württembergischen Verfassungsschutzes, Schmalzl. Bei den Sicherheitsbehörden kursiere schon lange das Bild vom übereifrigen deutschen Muslim, dessen Kadavergehorsam in religiösen Fanatismus überschlage. (Siehe auch: Von militanten Islamisten gelockt)
Muslimischer Zauberlehrling
Verfassungsschützer erzählen an dieser Stelle gerne die wahre Geschichte von dem jungen Mann aus Baden-Württemberg, der an Goethes Zauberlehrling erinnert: Der Mann ist auf Einladung der saudiarabischen Regierung in die Stadt des Propheten, nach Medina, gekommen. Er soll dort zum Imam ausgebildet werden, anschließend nach Deutschland zurückkehren, fällt aber nach einiger Zeit wegen seines Fanatismus so auf, dass selbst die dortige gestrenge Geistlichkeit irritiert ist. Also wird er von den arabischen Sicherheitsbehörden überwacht.
Am Ende verschlüsselt er sogar seinen Schriftverkehr: Er schreibt schwäbischen Dialekt - mit arabischen Buchstaben.
Text: F.A.Z
Bildmaterial: AFP, picture-alliance/ dpa