26. Juli 2005 Ein möglicher Zusammenhang zwischen den Londoner Terroranschlägen und dem Irak-Krieg hat am Dienstag die öffentliche Debatte in Großbritannien beherrscht. Nach einer Umfrage der Times glauben zwei von drei Wählern, daß der Irakkrieg das Terror-Risiko für London verstärkt hat.
Premierminister Tony Blair mußte sich von einem Journalisten vorhalten lassen, die Intelligenz des britischen Volkes zu beleidigen, wenn er eine Verbindung weiter bestreite. Das Thema dominierte den Großteil einer 90 Minuten dauernden Pressekonferenz Blairs. Der Premier blieb jedoch bei seiner Sicht, daß der Irak nur ein Vorwand für die Terroristen sei. (Siehe auch Blair: Attentäter benutzen Irak als Vorwand)
Die beiden Terroristen, die am Montag von der Londoner Polizei identifiziert worden waren, stammen nach britischen Presseberichten aus dem nordostafrikanischen Land Somalia. Sie hätten in London seit mehr als zehn Jahren von staatlicher Unterstützung gelebt, berichteten am Dienstag übereinstimmend die Zeitungen Daily Mail und The Sun. Eine offizielle Bestätigung dafür gab es jedoch nicht.
Große Menge Sprengstoff versteckt
Ein Abgeordneter eines Londoner Stadtteilrates bestätigte, daß die beiden sechs Jahre lang von staatlicher Unterstützung gelebt haben. Nach Informationen der Sun bekam Omar in dieser Zeit 35.000 Euro Wohngeld. In seiner Wohnung in einem Hochhaus im Norden Londons fand die Polizei bei einer Durchsuchung am Dienstag möglicherweise eine große Menge Sprengstoff. Ibrahim und Omar sind ebenso wie ihre beiden noch nicht identifizierten Komplizen untergetaucht. Sie hatten am 21. Juli versucht, Bomben in drei U-Bahnen und einem Bus zu zünden, was aber nicht funktionierte. Eine fünfte Bombe wurde später in einem Londoner Park gefunden.
In den Zeitungsberichten wurde ein Nachbar zitiert, der vor kurzem gesehen haben soll, wie Yasin Hassan Omar und Muqtar Said Ibrahim etwa 50 Kisten in ihre Wohnung trugen: Ich habe sie gefragt, was sie da nach oben schleppten, und sie haben gesagt: Tapeten-Entferner. Im Nachhinein betrachtet könnte das etwas ganz anderes gewesen sein.
Größte Fahndung in der Geschichte Londons
In London läuft nach Angaben der Polizei inzwischen die größte Fahndung in der Geschichte der Stadt. Bei dem Anschlag vom 7. Juli kamen mehr als 50 Menschen ums Leben, bei dem versuchten Anschlag vom 21. Juli hätte es ähnliche Opferzahlen geben können, wenn der verwendete Sprengstoff explodiert wäre.
Am Montag hatte die Londoner Polizei die Namen von zwei der mutmaßlichen Attentäter veröffentlicht, die wegen der gescheiterten Anschläge vom 21. Juli gesucht werden. Man hoffe nun auf weitere Hinweise aus der Bevölkerung, sagte der Leiter der britischen Terror-Abwehr, Peter Clarke.
Wettlauf gegen die Zeit
Clarke informierte am Montag zudem über die Route, welche die beiden anderen Hauptverdächtigen auf ihrer Flucht durch die Stadt genommen haben sollen. Eine Polizeisprecherin warnte, die Attentäter könnten wieder zuschlagen. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Es gebe keinen Grund zu glauben, die Männer hätten Großbritannien verlassen. Sie könnten in vorbereiteten Verstecken untergetaucht sein.
Innenminister Charles Clarke verteidigte abermals den Schießbefehl auf mutmaßliche Selbstmordattentäter, dem am Freitag ein unschuldiger Brasilianer zum Opfer gefallen war. (Siehe auch: Brasilianer irrtümlich erschossen: Das ist eine Tragödie)
Eltern fordern Leichnam zurück
Die Eltern des irrtümlich von der Londoner Polizei erschossenen Jean Charles de Menezes haben die sofortige Überführung des Leichnams ihres Sohnes gefordert. Sein Vater Matosinho Otoni da Silva sagte einem lokalen brasilianischen Fernsehsender, er verlange er Erklärungen von den britischen Behörden.
Der 27 Jahre alte Menezes, ein Elektriker, war am vergangenen Freitag bei einer Observation durch Londoner Zivilpolizisten irrtümlich unter Terrorverdacht geraten. Die Beamten verfolgten Menezes bis in den U-Bahnhof Stockwell, wo er in einen wartenden Zug stolperte und am Boden liegend mit mehreren Schüssen getötet wurde. Zuvor hatte er nicht auf Rufe der Polizisten reagiert.
Seine Eltern, die in der Nähe des kleinen Dorfes Gonzaga im ostbrasilianischen Bundesstaat Minas Gerais leben, erfuhren über das Fernsehen vom Tod ihres Sohnes. Seine Mutter, Maria Otoni, erlitt daraufhin einen Zusammenbruch und wurde in ein Krankenhaus eingeliefert. Die Dorfbewohner von Gonzaga gedachten des Toten mit einem Trauermarsch und einer Schweigeminute. (Siehe auch Video: Trauer in Brasilien)
Text: FAZ.NET mit Material von Reuters
Bildmaterial: AP