Bilanzierung

IFRS fassen Fuß im Mittelstand

01. August 2004 Zumindest im Mittelstand Nordrhein-Westfalens erfreuen sich die internationalen Bilanzregeln schon recht großer Beliebtheit. Wie eine Studie der Fachhochschule Münster in Zusammenarbeit mit dem Prüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG zeigt, haben sich mehr als 40 Prozent der befragten Mittelständler bereits für eine Bilanzierung nach IFRS (International Financial Reporting Standards) entschieden. Weitere 24 Prozent denken über eine IFRS-Bilanzierung nach. Dabei ist dieser Kreis keineswegs auf Unternehmen, die den Kapitalmarkt in Anspruch nehmen, beschränkt - auch zwei Drittel der nichtkapitalmarktorientierten Unternehmen wenden die internationalen Regeln bereits an oder denken zumindest über eine Umstellung nach.

An der Untersuchung haben sich 300 Unternehmen des gehobenen Mittelstandes (mehr als 20 Millionen Euro Umsatz, ohne Banken, Versicherungen und andere Finanzdienstleister) in Nordrhein-Westfalen beteiligt. Die vergleichsweise große Begeisterung für die IFRS läßt sich auch dadurch erklären, daß es sich bei vielen der IFRS-Bilanzierer um Konzerngesellschaften handelt. Mehr als drei Viertel der Unternehmen, die IFRS bereits anwenden, gehören entweder einem ausländischen Konzern oder einem deutschen, bereits nach IFRS bilanzierenden Mutterunternehmen an. Zudem ist die Bilanzierung nach internationalen Regeln bisher in erster Linie ein Thema für Kapitalgesellschaften. Sämtliche börsennotierte AGs, 79 Prozent der privaten Aktiengesellschaften sowie 74 Prozent der GmbHs ziehen eine IFRS-Bilanzierung zumindest in Betracht. Dagegen will die Hälfte der Personengesellschaften vorerst hierauf verzichten.

Immer wieder ist zu hören, Banken würden einen IFRS-Bilanzierer beim internen Rating mit einer besseren Bewertung honorieren. Demnach wäre eigentlich zu erwarten, daß unter den Unternehmen, die sich einem solchen Rating unterziehen, besonders viele IFRS-Bilanzierer tummeln. Die Studie bestätigt dies jedoch nicht - mit 38 Prozent haben sich überdurchschnittlich viel intern geratete Unternehmen sogar gegen eine IFRS-Bilanzierung entschieden. "Anders als erwartet hat sich gezeigt, daß die Banken zumindest bisher von ihren Kunden einen IFRS-Abschluß nicht zwingend fordern", sagt Isabel von Keitz, Professorin an der Fachhochschule Münster. Künftig würden sich die Banken dem Thema IFRS-Bilanzierung aber wohl stärker widmen, erwartet von Keitz. Allerdings denken solche Firmen, die sich einem externen Rating durch eine Ratingagentur unterzogen haben beziehungsweise dies planen, wesentlich häufiger über eine Bilanzierung nach internationalen Regeln nach, ergab die Studie weiter. Mit 59 Prozent liegt ihr Anteil deutlich über dem Durchschnitt.

Die internationalen Bilanzregeln sind komplex und umfangreich. Eine Vereinfachung des Regelwerks für die Belange des Mittelstands würde die Akzeptanz der IFRS insbesondere unter den bisher noch Unentschlossenen merklich steigern, ergab die Studie weiter. 78 Prozent der Unternehmen, die sich heute noch nicht schlüssig sind, ob sie künftig nach IFRS bilanzieren sollen, würden dies tun, wenn es erleichterte Vorschriften für Mittelständler gäbe. Das International Accounting Standards Board (IASB) arbeitet derzeit an einem entsprechenden Projekt.

Trotz der großen Bedeutung, die das neue Regelwerk in den Augen der Mittelständler hat, sind die Kenntnisse hierüber in den Unternehmen offenbar noch eher bescheiden. Lediglich 12 Prozent der Befragten gaben an, sich gut in der Materie auszukennen, 40 Prozent haben nach eigener Einschätzung geringe und 9 Prozent überhaupt keine Kenntnisse über die neuen Bilanzregeln.

Aus der IFRS-Anwendung ergeben sich einige Vor- und Nachteile für die betreffenden Unternehmen. Aus allgemeiner Perspektive sehen die Befragten im leichteren und schnelleren Zugang zu weiteren, möglicherweise auch internationalen Kapitalgebern den größten Vorzug der IFRS-Bilanzierung. Es folgen "besseres Rating", "erleichterte Konsolidierung" sowie "besserer Branchenvergleich". Letzterer Punkt ist aus Sicht des eigenen Unternehmens der wichtigste Vorteil für die Befragten, gefolgt von der erleichterten Harmonisierung des internen mit dem externen Rechnungswesen.

Als wichtigste Nachteile nennen die Mittelständler die hohe Komplexität der Vorschriften, die einmaligen Kosten der Umstellung, den negativen Einfluß auf das Steuerrecht sowie eine zu positive Darstellung der eigenen wirtschaftlichen Lage. Hinsichtlich der Umstellungskosten ist das Meinungsbild unter den Befragten gespalten. Unternehmen, die eine Umstellung auf IFRS nicht erwägen, scheuen zu einem großen Teil (42 Prozent) die hohen Kosten. Diejenigen, die bereits umgestellt haben, sehen in den Kosten in der Mehrheit kein schwerwiegendes Problem - nur 15 Prozent dieser Unternehmen gaben an, die Einführungskosten seien hoch gewesen. (nr.)



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.08.2004, Nr. 177 / Seite 16

 
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