06. Dezember 2004
Die Kunst des Referatehaltens wird im Studium oft nicht genug geübt. Studenten drücken sich semesterlang erfolgreich darum herum - und Professoren sehen sich mehr als Wissenschaftler denn als Rhetoriklehrer. Dabei gehört der gelungene mündliche Vortrag zu den wichtigsten Schlüsselqualifikationen für den späteren Beruf.
Leichte Schweißperlen auf der Stirn. Ein letztes Räuspern: "Äh, ich fang dann mal an, ja?" Der Dozent nickt aufmunternd. Und der Referent legt los. Er weiß, er hat nur 30 Minuten, um alles von sich zu geben, was er sich zu seinem Thema zusammengelesen hat. Also redet er so schnell er kann, ohne den Blick von seinem Manuskript zu wenden, und wenn er den Faden verliert, legt er eine neue Folie auf den Overhead-Projektor. Weil er das Thema nicht genau verstanden hat, benutzt er möglichst viele wissenschaftliche Fachtermini. Und als er endlich zum Schluß kommt, haben seine Kommilitonen längst abgeschaltet. Der Applaus ist herzlich - voller Dankbarkeit, daß der Vortrag endlich beendet ist. Zeit zur Auswertung gibt es keine, denn die beiden nächsten Referenten wollen auch noch drankommen.
"Alles sagen zu wollen, ist das Geheimnis der Langeweile."
"Viele Studenten wissen im Hauptstudium noch immer nicht, wie man ein Referat hält", kritisiert Lothar Mikos, Professor für Fernsehwissenschaft an der Berliner Hochschule für Film und Fernsehen. Wie viele seiner Kollegen klagt auch er über mangelnde Fähigkeiten seiner Studenten, eigene Gedanken oder die Gedanken anderer klar und verständlich darzulegen. "Viele haben mit großer Nervosität zu kämpfen, kriegen hektische rote Flecken, kommen ins Stottern." Außerdem seien Studierende oft nicht in der Lage, aus einem komplexen Sachverhalt die wesentlichen Punkte zusammenzufassen. Die Folge: Thesenpapiere von sechs Seiten Länge, ausufernde Referate ohne "roten Faden". Schuld an dieser Entwicklung tragen in seinen Augen jedoch nicht die Studierenden allein, sondern auch die Hochschulen, die zu wenig für die Vermittlung tun. Oft bleibe die Anleitung für das Halten eines Referates auf ein Handout zu Beginn des Studiums beschränkt.
Von den Studierenden als lästige Pflicht am liebsten gemieden, wird das Referat von vielen Dozenten oft nur als formale Anforderung für die Scheinvergabe angesehen. Vor allem der Inhalt zählt - die Art und Weise der Präsentation ist Nebensache und wird auch nicht mit bewertet. Dabei gehört gerade die Technik des mündlichen Vortrags zu den wichtigsten Schlüsselqualifikationen, die im Studium vermittelt werden können. Bei deutschen Unternehmen steht die Präsentationstechnik als Qualifikation für einen Job in der Wirtschaft ganz oben auf der Liste. Sven Weickert von der Vereinigung der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg rät Studierenden daher, jede Möglichkeit zu nutzen, mündlich ein Thema zu präsentieren. "Wenn man im Beruf das erste Mal an einer Powerpoint-Präsentation sitzt und nicht weiß, wie das funktioniert, oder so aufgeregt ist, daß einem der Stift aus der Hand fällt, hat man schon verloren."
Wie aber hält man ein gutes Referat? Norbert Franck, Buchautor und Dozent in der universitären Weiterbildung, nennt die Grundregeln. Zunächst: Der Referent sollte sich bewußt machen, daß er für ein Publikum spricht, das er nicht langweilen darf. "Aufmerksamkeit und Interesse stellen sich nicht von selbst ein. Ein Thema ist nicht an sich interessant - es muß vielmehr interessant gemacht werden", schreibt Franck in seinem jüngst erschienenen "Handbuch Wissenschaftliches Arbeiten". Ein Vortrag sollte zudem unbedingt eine eigene Fragestellung und ein selbst formuliertes Ziel haben. Viele Referate, so Franck, seien nach dem Grundsatz aufgebaut: Was ich weiß, bringe ich auch darin unter. Doch weniger ist oft mehr: "Alles sagen zu wollen, ist das Geheimnis der Langeweile", hatte schon Voltaire erkannt.
Das Referat sollte gut strukturiert und klar und verständlich formuliert sein. Für die Zuhörer ist es sehr hilfreich, wenn Zwischenschritte erklärt und benannt werden, wesentliche Punkte deutlich herausgearbeitet werden - und dabei das Ziel, die Fragestellung, nicht aus den Augen gerät. Konkrete Beispiele, Vergleiche oder eine Prise Humor machen einen Vortrag anschaulicher und kurzweiliger. Und schließlich: Ein Blick über den Tellerrand ist nicht nur erlaubt, sondern dringend erwünscht. Vor allem Studierende der ersten Semester trauten sich häufig nicht, über das hinauszugehen, was in der Literatur steht, klagt Franck. Doch ein Bezug auf aktuelle politische Ereignisse, oder bei historischen Themen ein Vergleich mit der Gegenwart zeige, daß man Wissen anwenden und übertragen kann - und beweist darüber hinaus den Zuhörern den Nutzen der eigenen wissenschaftlichen Ausführungen.
"Unsicherheit, eine fragende Haltung oder absichernde Formulierungen lassen die Zuhörer am Inhalt des Vortrages zweifeln."
Besonderes Augenmerk legt Franck auf den Anfang und den Schluß eines Referates. "Der Anfang ist die Hälfte des Ganzen", sinnierte bereits Aristoteles ganz unmathematisch. Der Start muß sitzen: Der Redner hat zu Beginn nur wenige Minuten, um das Interesse seiner Zuhörer zu gewinnen. Schafft er es nicht, schweift die Aufmerksamkeit ab, und noch so interessante Ausführungen im Hauptteil können die verlorene Strecke nicht wieder aufholen. Der Anfang muß also überraschen, motivieren, provozieren oder einen aktuellen, persönlichen Bezug herstellen, der die Zuhörer aufhorchen läßt. Möglich ist auch, eine scheinbar widersprüchliche Eingangsthese zu formulieren, etwa den Satz "Wir wissen immer mehr und werden immer dümmer." Eine solche Aussage weckt Neugier nach der Begründung, hält also die Zuhörer weiter bei der Stange. Wie der Anfang muß auch der Schluß stimmen: Was zuletzt gesagt wird, hinterläßt in der Regel einen bleibenden Eindruck. "Taking-home-message" nennt Franck das, und gemeint ist ein kerniger Satz, der mit wenigen Worten die Hauptthese des Vortrags auf den Punkt bringt.
Mindestens ebenso wichtig wie der Inhalt des Referats ist das Wie des Vortragens. Der Psychologe Albert Mehrabian hat empirisch ermittelt, daß Sympathie zu 55 Prozent über Körpersprache, vorwiegend über den Gesichtsausdruck, vermittelt wird. Zu 38 Prozent ist die Stimme beteiligt, und nur zu 7 Prozent die gesprochenen Worte. Nun muß ein Referent nicht unbedingt die Sympathien seines Publikums erwerben - aber ob und wie das Gesagte bei den Zuhörern ankommt, dafür lassen sich diese Ergebnisse ohne weiteres übertragen. Medienwissenschaftler Lothar Mikos rät seinen Studenten daher, während des Referats unbedingt zu stehen, mit Gestik das Gesagte zu unterstreichen und, als wichtigsten Punkt, die eigenen Gedanken mit Selbstsicherheit vorzutragen. Die Gesten sollten jedoch nicht vorher einstudiert werden: "Unsicherheit, eine fragende Haltung oder absichernde Formulierungen lassen die Zuhörer am Inhalt des Vortrages zweifeln", so Mikos.
Daß Studierende sich beim Vortragen nicht an die Zeitvorgaben halten, oft überziehen, ist einer seiner Hauptkritikpunkte. Doch nicht nur das Referat selbst ziehe sich oft unnötig in die Länge, sondern auch die Vorbereitungszeit. Für die ersten Seminarstunden sei es oft schwierig, überhaupt Referenten zu finden. Gegen Ende des Semesters dagegen türmten sich die Referate regelrecht. Fehlende Übung, wachsende Nervosität ließen die Hürde immer größer werden - und den Zeitpunkt des Referats immer weiter nach hinten rücken. "Viele Studenten scheitern an ihrem eigenen hohen Anspruch", bedauert Mikos. Auch Franck warnt vor der Erwartung, man müsse gleich als rhetorischer Superstar die Seminarbühne betreten. Ein anschauliches und verständliches Referat zu halten, müsse gelernt und geübt werden. "Wer von sich verlangt, es können zu müssen, überfordert sich und blockiert Lernprozesse."
"Ein guter Vortrag hat einen interessanten Anfang und einen gelungenen Schluß.
Immerhin - wie wichtig das Erlernen der Vortragstechnik für Wissenschaft und späteren Beruf ist, dessen sind sich die Studierenden in zunehmendem Maße bewußt. Entsprechende Kurse von privaten Anbietern haben Hochkonjunktur, und vielerorts schließen sich Studenten nach englischem Vorbild in sogenannten "Debattierclubs" zusammen, in denen die rhetorischen Fähigkeiten geübt werden können. Doch auch die Universitäten machen ihre Hausaufgaben: An der Berliner Humboldt-Universität etwa hat sich die ehemalige Studentenverwaltung in "Career-Center" umbenannt und bietet Seminare in Rhetorik, Kommunikation, Zeitmanagement und Umgang mit Streßsituationen an. Ähnliche Angebote gibt es auch an anderen Hochschulen. In den Bachelor-Studiengängen sollen derartige "berufsfeldbezogene Zusatzqualifikationen" künftig gar ein Sechstel des Studienumfangs ausmachen. Wem das alles noch zu wenig ist, der halte sich bei seinem nächsten Referat an Mark Twain: "Ein guter Vortrag hat einen interessanten Anfang und einen gelungenen Schluß. Anfang und Schluß sollten dicht beieinander liegen."