25. Juli 2008

Powerpoint

Die Verkürzung ist Programm

Von Julie Schrader




06. Dezember 2004 
An der Präsentations-Software Powerpoint scheiden sich die Geister. Die einen meinen, daß sich die Qualität von Vorträgen dadurch verbessert habe, die anderen beklagen zunehmende Verflachung. In jedem Fall ist es für Studenten nützlich, sich mit dem Tool rechtzeitig vertraut zu machen, denn spätestens im Berufsleben ist die Probephase vorbei.

Besonders kreative Professoren hantierten früher mit farbigen Filzstiften, um Folien für den Overhead-Projektor zu beschriften. Heute steht anstelle des Projektors ein Beamer im Seminarraum, der Computercharts an die Wand wirft. Weltweit werden jeden Tag 30 Millionen Powerpoint-Vorträge erstellt. Auch an den Universitäten sind Präsentationen mit dem Software-Programm aus dem Hause Microsoft vor allem an den naturwissenschaftlichen und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten eine Selbstverständlichkeit geworden. "Die Qualität der Vorträge ist dadurch deutlich besser geworden", befindet Michael Kleinaltenkamp vom Institut für Marketing der Freien Universität Berlin. Dadurch, daß die Studenten bei ihren Powerpoint-Präsentationen wenige Stichworte verwendeten, seien sie gezwungen, von vornherein eine klare Struktur für den Vortrag zu erarbeiten und frei zu reden. Der Student, der mit Hilfe seiner Charts eine schwungvolle Rede hält und seine Kommilitonen in Bann schlägt, ist jedoch ein selten erreichtes Ideal. Viele machen den Anfängerfehler, sich zu sehr an die notierten Punkte zu halten und die verkürzten Aussagen als Inhalt ihres Vortrags zu präsentieren.

"Powerpoint ist das Tool der Beraterbranche."

Dennoch haben Studenten, die sich schon während des Studiums mit den Tücken und Vorteilen des Programms vertraut machen, einen großen Vorteil: Der sichere Umgang mit dem Programm ist später im Berufsleben unerläßlich. "Powerpoint ist das Tool der Beraterbranche", bestätigt Thomas Zervos, Strategy Consultant bei der Hamburger Agentur BBDO Interone. Eine Präsentation in der Werbebranche, aber auch in den großen Wirtschaftsunternehmen ist ohne Zuhilfenahme von Powerpoint heute undenkbar. Dabei gilt: Weniger ist mehr, sowohl beim Inhalt als auch bei der graphischen Gestaltung. "Komplexe Sachverhalte, komplette Sätze und detailreiche grafische Darstellungen gehören nicht in eine Präsentation", fordert Jürgen Barthel, Director of Communications bei Siemens. Wenige unterschiedliche Schriftarten und Formen sowie ein sparsamer Einsatz von Farben und Animationen bewirkten mehr als eine überladene Präsentation. "Wenn Ihr Schaubild in schwarzweiß nichts sagt, wird Farbe daran wenig ändern", bringt es Gene Zelazny in seinem Standardwerk "Wie aus Zahlen Bilder werden" auf den Punkt. Auch die Möglichkeit, Animationen in den Vortrag zu integrieren, sollte gut dosiert werden: Ein nichtssagendes Stichwort, das in dreifacher Umdrehung von unten links einfliegt oder zeichenweise von oben ins Bild fällt, stiftet mehr Verwirrung als Nutzen. Mit einem schlichten Einblenden des Begriffes ist der Vortragende besser beraten.

"Reduktion aufs Wesentliche, präzise Aussagen, eingängige Struktur."

Powerpoint sollte vor allem für den Zweck eingesetzt werden, für den es geschaffen wurde: die mediale Begleitung eines Vortrags. Was eine gute Präsentation ausmacht, ist insbesondere eine klare inhaltliche Struktur. "In Unternehmen gilt, daß die zentrale Aussage bei einer Präsentation zuerst genannt werden muß, sonst hört nach zwei Minuten keiner mehr zu", so Christian Lang von der Abteilung für Konzernentwicklung der Deutschen Bahn. Dieses sogenannte Pyramidenprinzip wird häufig gerade von Berufsanfängern vernachlässigt, die an der Uni gelernt haben, die Auswertung der Ergebnisse immer an den Schluß zu stellen - bei Powerpoint-Präsentionen in Unternehmen gilt es also, an dieser Stelle umzudenken. Ebenso entscheidend ist die gesamte Dramaturgie eines Vortrags. Die einzelnen Folien sollen inhaltlich aufeinander aufbauen und eine "Story" erzählen, die die Anfangsthese untermauert.

Die Forderungen "Reduktion aufs Wesentliche, präzise Aussagen, eingängige Struktur" klingen zwar auf den ersten Blick wie eine überzeugende Erfolgsformel. Dennoch bringt die beste Präsentation wenig, wenn der Redner auf Nachfragen keine Antwort mehr weiß. Die Verflachung der Inhalte ist ein zentraler Kritikpunkt, dem Microsoft mit seiner Präsentations-Sofware immer wieder ausgesetzt ist. Eine vernichtende Analyse des Programms kommt von Edward Tufte, der in den USA als Guru des Informationsdesigns gilt. Er vergleicht Powerpoint mit Aufführungen von Schultheatergruppen: "Sehr laut, sehr langsam und sehr schlicht". Auch Jürgen Barthel von Siemens warnt davor, bereits bei der Vorbereitung des Referats in den Kategorien von Powerpoint zu denken. Bei einer Präsentation sollte die Verkürzung des Inhalts erst am Schluß erfolgen, denn "viele Gedanken entwickeln sich ja erst beim Reden, Schreiben, bei der Abschweifung oder Verästelung", so Barthel. Er empfiehlt, Handouts zu verteilen, die das Thema vertiefen. Praxis ist an deutschen Universitäten inzwischen, daß die Präsentations-Charts bereits vor der Vorlesung zum Download bereitstehen. Das spart Zeit, und es wird sichergestellt, daß alle im Auditorium die gleichen Mitschriften vorliegen haben. "Leider verlockt es auch dazu, nicht mehr ganz so genau zuzuhören", sagt Anna Lutterbach von der Fachschaft BWL der Universität Mannheim.

Letztlich gilt für Powerpoint-Präsentationen dasselbe wie für altmodische Referate mit dem Projektor: "Die Folien sind nur ,Folien', vor denen der persönliche Vortrag steht", betont Jürgen Barthel. Der Referent und nicht die Software entscheidet über die Qualität eines Vortrags.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 75, 2004
Bildmaterial: C. Fellehner, Labor