06. Dezember 2004
Mindestens jeder vierte Student hat schon einmal abgeschrieben, Tendenz steigend. Egal ob bei der Seminararbeit oder gar bei der Doktorarbeit - vor allem das Internet macht es leicht, auf Plagiate zu setzen. Aber die Dozenten geben nicht auf und setzen alles daran, den Moglern das Handwerk zu legen.
Glaubt man einer Studie aus Großbritannien, geht der Trend an Unis zum Plagiat: Jeder vierte Student hat schon einmal bei einer schriftlichen Arbeit von anderen abgekupfert. Sanktionen müssen die Gedankenräuber aber kaum fürchten, die Aufklärungsrate ist niedrig. Einsam im Kämmerchen die grauen Zellen martern, bis ein mit dem eigenen Gehirnschmalz getränktes Werk aus dem Drucker kommt? Dieser Grundsatz akademischen Arbeitens mag zwar noch als hehres Ideal existieren, entspricht aber nicht mehr ganz den studentischen Vorstellungen von Arbeitsökonomie.
Hand aufs Herz: Haben Sie bemerkt, daß dieser erste Absatz ein Plagiat ist? Ein ziemlich plumpes sogar, nämlich ein wortwörtliches, zudem aus einer frei im Internet verfügbaren Quelle: Spiegel-Online. Trotzdem würden es die meisten Leser nicht merken. Und wenn, dann nur, weil es kursiv gekennzeichnet ist. Immer mehr Studenten machen sich diese Schwachstelle zunutzen. Laut einer Studie der britischen Anwerbe-Firma Freshminds, auf die sich der zitierte Absatz bezieht, hat jeder vierte Student in schriftlichen Arbeiten schon einmal Erkenntnisse von anderen verwendet, ohne sie als solche zu kennzeichnen. Die Ergebnisse der Graduierten-Befragung waren aufsehenerregend genug, um im British Medical Journal diskutiert zu werden: 16 Prozent der Teilnehmer gaben an, sie hätten mehr als einmal abgekupfert, weitere neun Prozent antworteten, sie hätten sich einmal aus fremder Quelle bedient. Das Erschreckende dabei: Während jeder Vierte schon einmal gemogelt hatte, war dabei lediglich jeder 33. Versuch aufgeflogen. Wissenschaftliche Untersuchungen von Paul Grimes und Don McCabe haben sogar ergeben, daß rund 70 Prozent der von ihnen befragten Schüler und Studenten andere beim Schummeln beobachtet haben.
Der Deutsche Hochschulverband, die Berufsorganisation von über 20.000 deutschen Universitätsprofessoren, hat das "zunehmende Problem der Plagiate in studentischen Prüfungsarbeiten" bereits vor zwei Jahren erkannt und in einer "Resolution zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis" deutlich adressiert. Das Abschreibe-Unwesen existiere zwar nicht erst seit dem Erscheinen von Computern und Internet, durch die zunehmende Digitalisierung von Texten sei es aber heute bedeutend leichter geworden, Plagiate zu erstellen. Eine bereits historische Studie der University of California in Berkeley belegte bereits in der Anfangszeit des Internets, daß die Mogelquote drastisch angestiegen war: Allein zwischen 1994 und 1997 hatten die Amerikaner eine Versiebenfachung der Täuschungsversuche festgestellt - eine Tendenz, die sich mit der immer größeren Verbreitung des Internets noch verstärkt haben dürfte.
"Mit dem Kopieren' fremder Arbeiten begeht Ihr eine Urheberrechtsverletzung und macht Euch strafbar!"
So ist die Zahl der Online-Anbieter von Haus-, Seminar-, Diplom- und Doktorarbeiten längst unüberschaubar geworden. Allein beim Marktführer hausarbeiten.de sind zurzeit 38.381 Texte aus 383 Fächern verfügbar, davon fast die Hälfte sogar kostenlos. Und der Diplomarbeiten-Anbieter Diplomica hat auf seiner Website aktuell 7.825 Studien im Angebot. "Es gibt leider keine verläßlichen Zahlen darüber, wie viele Studenten betrügen", klagt Kristijan Domiter, Sprecher des Hochschulverbandes. Er verweist auf eine Umfrage von hausarbeiten.de, der zufolge vier Prozent der Nutzer die heruntergeladenen Arbeiten zum Schummeln benutzen.
"Mit dem Kopieren' fremder Arbeiten begeht Ihr eine Urheberrechtsverletzung und macht Euch strafbar!", appelliert der hinter der Website stehende Grin-Verlag zwar ausdrücklich; der Hinweis allein helfe indes wenig, meint Deutschlands Plagiat-Bekämpferin Nummer eins, Debora Weber-Wulff: "Wer liest das schon?" Die Amerikanerin, die an der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft forscht und lehrt, hat sich vor drei Jahren auf einen unerbittlichen Kreuzzug gegen die Verrohung der Sitten des wissenschaftlichen Arbeitens begeben. Als sie beim Korrigieren einer Seminararbeit krank im Bett lag, hatte sie viel Zeit, sich einige Ungereimtheiten in den Hausarbeiten unter der Lupe anzusehen. "Teils fand ich eine Häufung englischer Fachbegriffe, teils Ausdrücke wie zum Beispiel Regalbauers Alptraum'", erzählt Weber-Wulff. "Das ist ein typischer Ausdruck, wie er in der Zeitschrift Der Spiegel vorkommt - so was rieche ich auf 1.000 Meter!" Vielleicht hätte die Plagiats-Wächterin sogar den einleitenden Absatz dieses Artikels entlarvt. Noch im Krankenbett musterte die Professorin für Medieninformatik fünf Arbeiten ganz genau, von denen sich prompt zwei als Fälschungen herausstellten, bei einer ergab der Test per Suchmaschine sogar, daß es sich um eine Eins-zu-eins-Kopie aus hausarbeiten.de handelte. "Ich fühlte mich schwer getäuscht", erinnert sich die Professorin. Als sie ihren Studenten nach ihrer Krankheit mit ernsten Konsequenzen drohte, fanden sich zehn weitere reuige Sünder, die teils unter Tränen ihre Fälschungen gestanden. Am Ende stellte sich heraus, daß zwölf der 34 Seminararbeiten Teil- oder Voll-Plagiate waren.
Gelegenheit macht Ideen-Diebe. Über die Gründe der Mogel-Epidemie kann nur spekuliert werden. Manche Psychologen sehen die harte Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt und einen Zwang zu guten Noten als Auslöser der Schummel-Welle. Weber-Wulff hingegen hält das Internet für sehr verführerisch, "gerade seitdem das Studium an der Massen-Uni für viele nur noch als Zweitbeschäftigung neben dem Geldverdienen gilt". Auto, Wohnung, Handy und Ausgehen hätten oft eine höhere Priorität als die unentgeltliche wissenschaftliche Arbeit.
Um der Unsitte entgegenzuwirken, hat sie in Eigeninitiative eine Lehreinheit zum Aufspüren von Plagiaten entwickelt, die im Internet zugänglich ist. Forschungsgelder bekommt sie für ihre Mühen keine. Der Online-Kursus "Fremde Federn finden" soll Lehrern dabei helfen, den Fälschern auf die Schliche zu kommen. Der erste Schritt lautet "Verdacht schöpfen". Danach geht es darum, verdächtige Stellen einer Arbeit auszumachen, und diese dann in gängige Online-Suchmaschinen einzugeben. "Gute Kandidaten dafür sind Verschreiber, oder Substantive, die einer verdächtigen Stelle entnommen sind", erläutert Weber-Wulff. Auch wörtliche Zitate oder Eigennamen führen demnach oft zu Ergebnissen. Bei den folgenden zehn Test-Aufsätzen ("Plagiat oder nicht?") wird schnell deutlich, daß die Kontrolle ohne erhebliche Mehrarbeit für den Dozenten nicht vonstatten geht.
"Gefälschte Seminararbeiten sind wirklich übel, aber kein strafrechtlich relevanter Tatbestand.
Die ersten Plagiat-Testprogramme hält die Expertin nämlich noch für "herausgeschmissenes Geld". Die einzige deutschsprachige Software auf dem Gebiet, der Plagiarism-Finder der Paderborner Mediaphor (98 Euro), findet jedoch auch unter Weber-Wulffs strengen Augen Anerkennung. Im Test konnte die Software acht der zehn Probeaufsätze als Plagiate enttarnen. Sollte das Programm in sein- er praktischen Form als USB-Stick in Kollegien und Fakultäten Einzug halten, könnte so vermutlich wenigstens den dreistesten Betrügern Einhalt geboten werden. Über den reinen Internetabgleich des Plagiarism-Finders hinaus geht der internationale Marktführer Turnitin. Der Einreichdienst erweitert den Plagiatstest nach eigenen Angaben um "Millionen von Seminararbeiten, die bei Turnitin eingereicht wurden". Der Clou liegt dabei darin, daß die Dozenten die Studierenden dazu zwingen, ihre Arbeiten der Datenbank zur Verfügung zu stellen. Der Haken dabei: "In Deutschland stehen die Urheber unter der Unschuldsvermutung", erläutert Weber-Wulff, "man kann die Studenten also gar nicht zum Aufbau einer solchen Datenbank zwingen. Außerdem kostet die Nutzung rund 500 Dollar pro Jahr plus 60 Cents pro Student."
"Jetzt kommen gekaufte Titel aus einigen neuen EU-Ländern hinzu, da gibt es keinerlei Kontrolle, und die Titel sind bei uns anzuerkennen."
Auf der Suche nach praktikableren Lösungen schaut die wissenschaftliche Gemeinschaft inzwischen verstärkt auf die Handhabe der härtesten Fälle: "Gefälschte Seminararbeiten sind wirklich übel, aber kein strafrechtlich relevanter Tatbestand. Der entsteht in der Regel nur, wenn jemand eine akademische Würde erlangt, die ihm nicht zusteht", sagt Sprecher Domiter vom Hochschulverband. So verlangen die meisten Unis zur Doktorarbeit schon lange eine eidesstattliche Erklärung, und immer mehr Hochschulen deklinieren diese Handhabe hinunter bis zur Diplom- oder Magisterarbeit. An manchen Universitäten, so zum Beispiel in Mainz, werden derzeit Schritt für Schritt die Studienordnungen der Fakultäten dahingehend ergänzt, daß solche Erklärungen auch Seminararbeiten zugrunde gelegt werden. Dazu kommt ein klarer Strafenkatalog, der dem vermeintlichen "Kavaliersdelikt" durch Abschreckung vorbeugen soll - bis hin zum Ausschluß von weiteren Prüfungen.
Die dezentrale deutsche Hochschullandschaft verlangsamt den Prozeß jedoch und macht es quasi unmöglich, einheitlich gegen Mogler vorzugehen. "Bei 16 Kultusministern ist ja nicht einmal ein zentrales Promotionsregister durchsetzbar, an dem man wenigstens die Doktorarbeiten abgleichen könnte", sagt Manuel Theisen, Autor des Standardwerks "Wissenschaftliches Arbeiten". Seit 20 Jahren kämpft er von seinem Lehrstuhl an der LMU München aus wie ein akademischer Don Quichotte gegen Titelhandel und Plagiats-Unwesen. Auch Geldstrafen seien keine geeignete Hürde. Das Fälscherwesen sei wie ein Flächenbrand: "Die Zahl der sogenannten Berater, die in Wahrheit oft Ghostwriter oder Titelhändler sind, wird immer größer", mahnt Theisen und ergänzt: "Jetzt kommen gekaufte Titel aus einigen neuen EU-Ländern hinzu, da gibt es keinerlei Kontrolle, und die Titel sind bei uns anzuerkennen." Während somit überall neue Brennpunkte an der Fälscherfront aufflackern, wird an deutschen Fakultäten noch trefflich über das passende Strafmaß für Fälscher gestritten. "Wir sind eben nicht für den Sanktionsknüppel", sagt Domiter. Die Lösung sei eine andere: "Je mehr Geld und je mehr Stellen da sind, desto weniger können unsere Studenten schummeln."
Was ist ein Plagiat?
"Aus einem Buch abschreiben ist ein Plagiat; aus zwei Büchern abschreiben ist ein Essay; aus dreien abschreiben, ist eine Kompilation; aus vieren kopieren, eine Dissertation."
Wilson Mizner, US-Drehbuchautor (1876 - 1933)
Weitere Informationen unter:
Der Verlag von hausarbeiten.de zum Thema Plagiate:
http://www.grin.com/hilfe.html#3
Debora Weber-Wulffs Lerneinheit:
http://plagiat.fhtw-berlin.de/ff
Spürnasen-Programme:
http://plagiarism-finder.de
http://www.turnitin.com