06. Dezember 2004
Zu hohe Ansprüche an sich selbst und das Chaos im Kopf sind die häufigsten Ursachen für Schreibblockaden. Dabei ist wissenschaftliches Schreiben ein Handwerk, das sich erlernen läßt. Vor allem hilft dabei ein genauer Zeitplan.
Jeder Student kennt ihn, den Spülberg, der sich in der Küche türmt, gerade wenn es höchste Zeit ist, mit einer Hausarbeit für die Universität zu beginnen. Alternativ können es auch die Schuhe sein, die dringend geputzt werden müssen - die Ablenkungsmanöver sind variabel. Im Hintergrund steht dabei das immer gleiche Phänomen: die Angst vor dem leeren Blatt. Edith Püschel arbeitet bei der Psychologischen Beratung der Freien Universität Berlin und bietet seit zwölf Jahren Seminare an, die Studierenden dabei helfen sollen, diese Angst zu überwinden und das Schreiben von Seminararbeiten pragmatisch anzugehen. "Viele Studenten wissen gar nicht genau, was von ihnen erwartet wird. Hinzu kommen zu hohe Ansprüche an sich selbst. Damit steigt die Gefahr einer Schreibblockade", erläutert die Psychologin.
Viele Studenten scheitern demnach nicht in erster Linie an stilistischen Fragen, sondern an dem Chaos im Kopf. Hinter dem Gefühl, sich nicht richtig ausdrücken zu können, steckt meist etwas anderes: Unklarheit, was man eigentlich sagen will. Deshalb sollte zunächst das Thema eingegrenzt werden. Am Anfang jeder Arbeit steht eine konkrete Fragestellung. Um diese zu formulieren, reicht es, sich zunächst einen groben Überblick zu verschaffen. Viele Studenten machen den Fehler, sich viel zu lange einzulesen, bevor sie mit der Arbeit beginnen. Sobald ein Ziel definiert ist, fällt das Schreiben leichter. Im zweiten Schritt, sollte man eine Gliederung erstellen, die nicht der Reihenfolge nach abgearbeitet werden muß, sondern an den verschiedenen Stellen ergänzt werden kann.
Ein weiterer Fehler besteht auch darin, zu spät mit dem Schreiben anzufangen. Dieser Prozeß beginnt eigentlich schon beim Exzerpieren von Zitaten und Argumenten. Bereits dieses schriftliche Auswerten führt zum Erkenntnisgewinn und bildet nicht nur einfach vorhandene Gedanken ab. Texte entstehen in mehreren Arbeitsschritten. "Kein Satz ist für die Ewigkeit", betont Professor Theisen. Der Wunsch, komplexe Gedanken auf Anhieb inhaltlich logisch und sprachlich brillant zu Papier zu bringen, führe zwangsläufig an die eigenen Grenzen. Der Mut zum Fehler im ersten Schritt, so der Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität München, sei besser als ewiges Hinauszögern. Erst nach mehreren Bearbeitungs- und Verbesserungsrunden könne man ein Ergebnis erwarten, das sich sehen lassen kann. Um den komplexen Prozeß des Schreibens in kleine Schritte zu unterteilen, sollte man einen Zeitplan aufstellen. Das verhindert, daß man sich zu lange mit einer ausufernden Materialschlacht oder der perfekten stilistischen Ausdrucksweise aufhält. Apropos Ausdruck: Wissenschaftliches Schreiben ist durch Präzision und Sachlichkeit gekennzeichnet, was einen persönlichen, engagierten Ton nicht ausschließt. Der Anspruch, besonders witzig, ironisch oder verschachtelt zu schreiben, sollte freilich lieber in der Studentenzeitung ausgelebt werden.
"Viele Studierende haben während ihres gesamten Studiums mit keinem Dozenten darüber gesprochen, wie man eine Hausarbeit plant und schreibt.
Während deutsche Studenten mit ihren Versagensängsten weitgehend alleingelassen werden, gehören sogenannte Writing Labs in den USA zum Unialltag. Speziell geschulte Lehrkräfte, sogenannte Preceptors, kümmern sich schon während der Collegezeit darum, daß die Studenten das Schreiben als wichtige Schlüsselqualifikation erlernen. Aber auch Studenten höherer Semester können je nach Bedarf auf entsprechende Seminarangebote zurückgreifen. In deutschen Universitäten fristet das Thema "Wissenschaftliches Schreiben" im regulären Lehrprogramm ein Schattendasein. "Viele Studierende haben während ihres gesamten Studiums mit keinem Dozenten darüber gesprochen, wie man eine Hausarbeit plant und schreibt. Dabei könnte jeder eine praktische Einführung gebrauchen", kritisiert Edith Püschel. Doch inzwischen gibt es auch hierzulande Bemühungen, nach dem Vorbild der USA Schreibwerkstätten an den Unis zu etablieren. Sie sollen vor allem Examenskandidaten helfen, die unter der Last ihrer Arbeiten zu zerbrechen drohen.
Ein Beispiel dafür ist das 1997 an der Universität Köln gegründete Schreibzentrum, das seit 2003 dauerhaft beim Kölner Studentenwerk etabliert ist. "Ich habe lange Jahre Studierende betreut und kenne die typischen Schreibprobleme", sagt Helga Esselborn, Gründerin des Kölner Schreibzentrums. "Diese Probleme häufen sich bei den Studenten meist von Semester zu Semester an und sind oft ein entscheidender Grund für überlange Studienzeiten oder gar für einen Studienabbruch." Wichtig ist laut Esselborn vor allem ein studienbegleitendes Seminarangebot, damit die Studierenden gar nicht erst in die Krise kommen. Außer Köln bieten auch die Universitäten Bielefeld, Bochum, Essen, Mainz, Chemnitz und Dortmund Schreibwerkstätten an, die sich an alle Studierenden richten. Die Workshops enthalten immer auch kreative und spielerische Übungen, die Spaß am Schreiben vermitteln sollen. Das Wichtigste dabei jedoch ist, den Studierenden ein Gefühl dafür zu vermitteln, was Schreiben eigentlich ist, nämlich vor allem eine Methode des Denkens. Erst beim Schreiben klären sich die Dinge - oder eben auch nicht.