09. Juli 2008

Wissenschaftliches Arbeiten

Die Form muß stimmen - der Inhalt auch!

Von Tobias Wiethoff




06. Dezember 2004 
Kurse zur Technik wissenschaftlichen Arbeitens stehen an deutschen Hochschulen nicht gerade hoch im Kurs. Die Studenten halten sich lieber an den Stoff und denken, daß alles Weitere von selber kommt. Vielen Hausarbeiten und Referaten mangelt es deshalb am Entscheidenden: am Erkenntnisinteresse.

Daß man einem Entscheider in der Personalabteilung nicht mit Kenntnissen in politischer Theorie oder mit den späten Dramen Heiner Müllers kommen sollte, versteht sich von selbst. Wenn Geistes- oder Sozialwissenschaftler ihre Tauglichkeit für die Privatwirtschaft nachweisen wollen, heben sie also lieber ihre universellen Schlüsselqualifikationen hervor: soziale Kompetenz etwa oder die Fähigkeit zu analytischem Denken und selbständigem Arbeiten. Das ist es dann nämlich auch, was von einem Studium ohne unmittelbaren Berufsbezug häufig nur übrigbleibt: eine bestimmte intellektuelle Konditionierung, Methodenkompetenz. Aber auch in den Wirtschafts-, Rechts- oder Naturwissenschaften verhält es sich letztlich nicht anders: Die Inhalte wechseln, die methodische Herangehensweise bleibt.

"Seminare zum wissenschaftlichen Arbeiten sind nicht sehr beliebt, weder bei den Studenten noch bei den Dozenten."

In gewissem Widerspruch dazu und zur Selbstvermarktung vieler Bewerber steht die Wirklichkeit an den deutschen Universitäten. Die Neigung der Studenten, sich mit drögen Grundlagen aufzuhalten, ist begrenzt. Die meisten lassen sich im ersten Semester erklären, wie man korrekt zitiert und welcher Seitenrand bei einer Hausarbeit einzuhalten ist, und gehen dann lieber zu Spannenderem über: zum Inhaltlichen. "Seminare zum wissenschaftlichen Arbeiten sind nicht sehr beliebt, weder bei den Studenten noch bei den Dozenten", sagt Norbert Franck, der gerade im Fischer Taschenbuch Verlag ein mehr als 300 Seiten dickes Handbuch zu dem Thema vorgelegt hat (siehe Interview). "Die Ausbildung ist an deutschen Hochschulen stofflastig. Das Erlernen des wissenschaftlichen Arbeitens hat keinen hohen Stellenwert."

Die Folgen sind paradox: Wissenschaftlichkeit wird durch Pseudo-Wissenschaftlichkeit ersetzt, durch das sklavische Befolgen von Formvorgaben. Schriftlichen Arbeiten mangelt es zwar zumeist nicht an Umfang, Zitaten, bibliographischen Nachweisen und Imponiervokabeln, dafür aber oft genug an etwas eminent Entscheidendem: an wissenschaftlicher Neugier, Esprit, einem Erkenntnisinteresse. "Wenn ich weiß, wie ich zitiere, weiß ich noch nicht, warum ich zitiere", unterstreicht Franck. Hat unter einer ziel- und meinungslosen Hausarbeit nur der Dozent zu leiden, ist es bei einem Referat das versammelte Auditorium. Viele Seminare werden so zu trostlosen Fortsetzungsveranstaltungen, in denen statt wissenschaftlichem Eifer nur eines regiert: die Langeweile. "Viele Studenten lernen nicht, ihre Schülerhaltung abzulegen", klagt Franck. "Daß man sich einer Arbeit mit einer konkreten Frage nähern muß, ist zum Beispiel bei vielen BWLern gar keine Dimension des Denkens." Die Politologin Marion Rieken, Vizepräsidentin der Universität Oldenburg, hat an ihren Studenten ähnliche Defizite ausgemacht: "Es kann doch nicht nur darum gehen, aus Büchern anderer abzuschreiben. Die kreative Leistung besteht darin, eine eigene Frage zu entwickeln und diese Frage dann auch zu beantworten. Nur so kann auch Begeisterung für die Wissenschaft entstehen."

Während Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften gegen den Verdacht ankämpfen, Subjektives mit vorgeschobenen Methoden objektivieren zu wollen, gelten die Naturwissenschaften als Hort reiner Wissenschaftlichkeit. Wo alles meßbar ist, können auf klare Fragen klare Antworten gegeben werden. Und doch ist es gerade die Präzision der Methoden, die auch in diesen Fächern oft genug den Blick für das Wesentliche verstellt. "Die Naturwissenschaften werden extrem von den Methoden dominiert", konstatiert Christiane Beck vom Max-Planck-Institut in München. "Aber der hohe technische Standard birgt auch eine Gefahr: Überall wird brav und solide alles Mögliche gemessen. Aber es fehlt oft an der Vision, was man mit diesen Erkenntnissen überhaupt bezweckt - übrigens auch unter Professoren." In den USA sei es umgekehrt: Dort werde zuerst gefragt und dann gemessen. Die Indifferenz beginne hierzulande schon in der Schule, wo in den Naturwissenschaften stures Auswendiglernen im Vordergrund stehe, und setze sich bei der Studienwahl fort: "Die wenigsten beschäftigen sich doch intensiv mit der Frage, warum sie ein Fach studieren wollen und welcher Lehrstuhl für ihr spezielles Interesse geeignet sein könnte", kritisiert Beck.

"Ein kostenpflichtiger Download suggeriert, daß dafür auch Qualität geliefert wird. Das ist aber häufig nicht der Fall."

Wenn schon die eigene Haltung zum Fach derart unentschlossen ist, kann sich so etwas wie wissenschaftliches Ethos nur schwer entwickeln. Mogeleien sind an der Tagesordnung, und das auf allen Ebenen. Kürzlich machte der Fall zweier preisgekrönter Mediziner Schlagzeilen, die ein Beweisfoto statt aus ihrem Labor aus dem Internet bezogen hatten. Studenten haben sich zu wahren Virtuosen in der Technik entwickelt, das mühsame Erstellen von Hausarbeiten oder Referaten online-gestützt abzukürzen (siehe dazu den Artikel auf Seite 42). Mit wenigen Mausklicks lassen sich im unerschöpflichen Datenpool des Internets Vorlagen selbst zu entlegenen Themen aufstöbern. Abgesehen davon, daß inzwischen auch die Dozenten eine gewisse Findigkeit im Enttarnen solcher Fremderzeugnisse entwickelt haben, rät Buchautor Franck schon aus praktischen Gründen von Täuschungsversuchen ab: "Ein kostenpflichtiger Download suggeriert, daß dafür auch Qualität geliefert wird. Das ist aber häufig nicht der Fall."

Immerhin haben sich im elektronischen Zeitalter auch die Bedingungen für seriöses wissenschaftliches Arbeiten verbessert. Während man sich zur Literaturrecherche noch vor wenigen Jahren durch Zettelkästen kämpfen mußte, geht das heute dank elektronischer Datenbanken deutlich schneller und unabhängig von den Öffnungszeiten der Unibibliotheken. So findet man etwa auf der Website des Hochschulbibliothekszentrums Nordrhein-Westfalen eine Zusammenstellung aller deutschen Bibliotheken, die Dienste im Internet anbieten. Bei Dienstleistern wie Subito, einer Initiative des Bundesbildungsministeriums und der Länder entsprungen, kann man online Bücher ausleihen oder Kopien von Zeitschriftenaufsätzen bestellen. Die Lieferzeit beträgt zwischen einem und drei Tagen.

Um die gängigen Adressen im Internet sollte man freilich bei der Recherche lieber einen Bogen machen: um Suchmaschinen wie Google, Lycos oder AltaVista. "Die mögen hilfreich bei der Suche nach einem Schnäppchen sein", sagt Franck. "Eines kann man damit aber nicht: wissenschaftlich arbeiten."

Text: Hochschulanzeiger Nr. 75, 2004
Bildmaterial: C. Fellehner, Labor