Von Peter Carstens, Rostock
07. Juni 2007 Uwe 100 ist ziemlich erledigt. Auch Uwe 200 macht einen leicht erschöpften Eindruck. Umgehend Abmarschbereitschaft herstellen!“, schnarrt es über die Funkgeräte in den Fahrzeugen der Einsatzhundertschaften. Im Ton des Hundertschaftsführers liegt eine ungewohnte Schärfe, die aber von Polizeihauptkommissar Ternes in einem der Autos sogleich als Ironie gedeutet wird. Sekunden später verlässt eine lange Kolonne von Polizeifahrzeugen mit Blaulichtern den Parkplatz vor dem Gasthaus Nasse Ecke“. Die Beamten eilen einer kurzen Ruhepause entgegen.
Dreizehn Stunden waren die Einsatzhundertschaften Uwe 100“ und Uwe 200“ als Uelzen unterwegs in der Umgebung von Heiligendamm. Sie sollten gemeinsam mit etwa 16 000 Kollegen den G-8-Gipfel sichern. Tatsächlich haben sie den ganzen Tag an einem verschwenderischen Katz-und-Maus-Spiel teilgenommen, das ihnen Gewohnheitsdemonstranten unter Vorspiegelung politischer Motive aufzwingen.
Mit dem Cabrio zur Kuhlen Wampe
Schon gegen sieben Uhr morgens sieht man beispielsweise einen alten Politikprofessor aus Berlin mit einigen jungen Protestlern im BMW-Cabrio über staubige Feldwege ins Lager Wichmannsdorf rumpeln. Dort, fünf Kilometer vom Schutzzaun entfernt, macht sich bald darauf der antifaschistische Motorrad-Club Kuhle Wampe“ auf den Weg ins Gelände. Am Rande des Lagers schminken sich die Mitglieder der Clowns-Army“, die diesen schönen Sommertag damit vergeuden wollen, die Polizei lächerlich zu machen. Einige Mitglieder des Schwarzen Blocks lassen sich auf die Unterarme Telefonnummern des Legal Teams“ malen, einer Art Anwaltsvereinigung der Protestierer.
Etwa zur selben Zeit hat die Einsatzhundertschaft Uwe 100“ ihre provisorischen Unterkünfte verlassen. Die Männer und Frauen aus Norddeutschland haben kleine Gebirge von Käse- und Marmeladenbrötchen vertilgt, Filterkaffee getrunken und Verpflegungstüten eingepackt. In langer Kolonne fahren die Polizeiautos bei Rostock auf die Autobahn. Jeweils vier Polizisten sitzen in einem VW-Bus, auf dem Fußboden stehen gekühlte Getränke, im Kofferraum türmen sich Schutzkleidung, Helme, Schlagstöcke. Noch auf dem Weg durch Kornfelder und Wälder rund um Heiligendamm wird den Polizisten über Funk mitgeteilt, dass anonym unvergessliche Ereignisse“ angekündigt worden seien.
Braut sich was zusammen?
Auch vor Messern und vor Angriffen auf Polizeiautos mit Säuren wird gewarnt. Die Hundertschaft verteilt sich mit ihren Fahrzeugen zunächst rund um den Ferienort Bad Doberan. Eine Gruppe mit drei VW-Bussen postiert sich an einem Bahnübergang in der Nähe der Ortschaft Reddelich. Die zehn Beamten fühlen sich hier nicht besonders wohl. Denn nur wenige hundert Meter entfernt liegt ein weiteres Camp von 4000 bis 5000 Gipfelgegnern. Und die machen sich soeben fast vollzählig auf den Weg in Richtung Stadt.
Die Gruppenführerin lässt Posten aufstellen, denn der kleine Trupp möchte ungern aus dem Hinterhalt attackiert werden. Immer wieder ergründet sie per Funk die Situation, sogar vorbeikommende Autofahrer werden befragt, ob sich im Rücken der Beamten etwas zusammenbraut. Eine Weile noch regeln sie in ihren schwarzblauen Kampfanzügen den Verkehr an der Bundesstraße 105. Immer mehr Demonstranten strömen zu Fuß an ihnen vorbei, um sich ein paar hundert Meter weiter zur ersten größeren Straßenblockade des Tages niederzusetzen.
Der Schreck vom letzten Samstag sitzt tief
Als mitgeteilt wird, dass sich aus dem Zeltlager möglicherweise linke Gewalttäter, zum Teil mit Molotow-Cocktails ausgerüstet, in Bewegung setzen, gibt die kleine Polizeigruppe ihren Standort fast eilig auf. Der Schreck vom letzten Samstag sitzt doch tief, als schwarzgekleidete und vermummte Autonome unversehens einen Streifenwagen mit Pflastersteinen angriffen und innerhalb von Sekunden sämtliche Fensterscheiben zertrümmerten, worauf sich die Besatzung in wilder Flucht retten musste. Während die Gruppe zusammenpackt, trifft die Nachricht ein, dass mehrere Tausend Demonstranten von der Bundesstraße aus in die Felder und Wälder marschiert seien und sich auf die Sperrzone und den Zaun zubewegten.
Einige Minuten später trifft die Gruppe am Bahnhof von Bad Doberan ein. Soeben ist der Zugverkehr unterbrochen worden. Viele Jugendliche, die gern per Bahn zum Demonstrieren weiterreisen würden, sitzen erst einmal fest. Doch binnen kurzer Zeit fahren Busse vor, gelenkt von recht einsilbigen Mecklenburgern, die sich anfangs mit ihrer kunterbunten Fracht nicht anfreunden wollen und erst nach gutem Zureden durch Bahn-Mitarbeiter in Richtung Rostock entschwinden. Währenddessen geben die Bundespolizisten Auskünfte, einer Radfahrerin, mit Rucksack und Schlafsack bepackt, wird der Weg gewiesen, ein schon stark angetrunkener Jüngling wird von Polizeihauptkommissar Bebensee mit Engelszungen davon überzeugt, dass die Bundespolizei ihm keine Fahrkarte verkaufen kann.
Ein bisschen früh gelingt der erste Durchbruch
In der Luft schwebt ein tiefes Dröhnen, zum Beobachtungshelikopter gesellen sich nun ein Dutzend schwerer Puma-Hubschrauber, deren jeweils zwei 1500-PS-Rotoren pro Stunde etwa so viel Sprit verbrauchen wie 110 VW-Golf. Die Pumas ziehen weite Kreise über die Felder bei Reddelich, dann setzen sie ihre Fracht ins Korn, jeweils zwanzig Bereitschaftspolizisten, die gemeinsam ein weiteres Vordringen der Gipfelgegner zum Zaun verhindern sollen.
Die Demonstranten feiern dennoch ihren ersten großen Erfolg. Als gegen Mittag der Führer der Hundertschaft, Hans-Joachim Holz, am Bahnhof eintrifft, ist seinen Worten eine Mischung aus Ärger und Anerkennung zu entnehmen. Ein bisschen früh, gemessen am Schutzaufwand, findet er, sei den Gipfel-Gegnern der Durchbruch gelungen. Bald darauf fällt das 2:0 für die Demonstranten, die es schaffen, mehrere Zufahrten nach Heiligendamm zu blockieren, ebenso die Strecke der Miniatureisenbahn Molli, mit der Journalisten und Proviant von Kühlungsborn nach Heiligendamm transportiert werden sollte. Die Journalisten werden von jetzt ab mit Barkassen über See transportiert, der Nachschub für die Politiker kommt per Helikopter nach Heiligendamm.
Tut das weh?
Draußen, am Bahnhof von Bad Doberan, treffen immer mehr Fahrzeuge der Hundertschaft Uwe 100 ein, Holz sammelt seine Leute. Einzelne schlendern zum Bahnhofsbistro, um dort Würstchen zu kaufen. Auch die ersten schwarzmaskierten Demonstranten kehren aus Feldern und Wäldern zurück, an ihren Gürteln hängen schwarze Vermummungstücher, an den Unterarmen, kaum noch zu lesen, die Telefonnummern des Legal Team. Ziemlich lehmig und schweißnass stehen einige in einer Warteschlange mit den Polizisten. Vor dem Bockwurststand werden alle gleichermaßen freundlich versorgt.
Gegen halb zwei, inzwischen sticht die Sonne aus dem Mittagsdunst, biegen drei wuchtige Ungetüme um die Ecke. Es sind Wawe I, II und III, die Wasserwerfer der Hundertschaft. 9000 Liter passen in ihre Tanks, genug, um eine halbe Stunde lang mit bis zu 20 Atü Druck Wasser durch zwei drehbare Rohre zu pressen. Bei Bedarf kann zwischendurch Tränengas zugemischt werden. Tut das weh?, fragen ein paar Doberaner Jungs. Weiß nicht, sagt einer der Polizisten, ich stand noch nie davor. Die Bundespolizisten tragen nun ihre vollständigen Schutzausrüstungen, die in der Hitze noch schwerer wiegen als sonst. Während die Polizeiversammlung sich am Bahnhof und später am Doberaner Münster zu einem kleinen Heerlager auswächst, fliegen nordwestlich des Städtchens Steine und Polizeiknüppel.
Bremsmanöver auf Digitalkamera gebannt
Die Uelzener Hundertschaften werden ins Geschehen geworfen. Mit 120 Sachen rasen ihre Kolonnen über die Landstraßen. An einer Kreuzung in Doberan springen immer wieder bitterböse dreinblickende Clowns vor die Autos und zwingen sie zu gefährlich scharfem Bremsen. Eltern und Kinder fotografieren mit Digitalkameras das Geschehen. Immer wieder eilt die Einheit in den nächsten Stunden zu tatsächlichen oder angeblichen Brennpunkten. Öfters müssen die Fahrzeuge urplötzlich wieder wenden und werden in andere Richtungen geschickt. Die Mühe, die Gedanken der Einsatzzentrale in Rostock zu durchschauen, scheint eher vergeblich.
Bei Wittenbeck, zwischen Ferienwohnungen und Einfamilienhäusern, wird von einer norddeutschen Polizeieinheit eine größere Demonstrantengruppe eingekreist, die Bundespolizisten kommen zur Unterstützung. Die dabei Festgenommenen stammen aus allerlei Ländern, aber die norddeutschen Beamten sprechen ziemlich holperfreies Englisch und beginnen in der Spätnachmittagssonne damit, Protokolle auszufüllen und Rucksäcke mit orangen Nummernschildchen zu bekleben. Niemand soll später etwas vermissen müssen.
Nicht an den Haaren reißen!
In Klein Bollhagen gilt es kurz darauf, Störer und Blockierer am Einsickern zu hindern, welche die Straßenblockade vor der Heiligendamm-Zufahrt vergrößern wollen. Die Hundeführer von Uwe 200 durchsuchen mit ihren Tieren ein verwildertes Gelände mit zerfallenden DDR-Ferienwohnungen nach Materiallagern der Autonomen. Vergeblich.
Bei Klein Bollhagen spritzen am frühen Abend Wasserwerfer. Hunderte blockieren die Zufahrt zum Tagungsort. Sobald Polizisten Sitzblockierer berühren, schreien diese in meist gespielter Verzweiflung los und brüllen Sachen wie: Nicht an den Haaren reißen!, obschon niemand die Absicht dazu erkennen ließ. Die Blockade aufzulösen gelingt nicht oder wird nicht ernstlich versucht. Deeskalation heißt noch immer die Grundhaltung der Polizei. Uwe 100 und Uwe 200 sind seit dreizehn Stunden unterwegs. Viele telefonieren mit besorgten Freunden oder Freundinnen. Gleich kommt die Ablösung. Die Nacht werden sie in einem ehemaligen DDR-Kinderferienlager verbringen. Morgen früh sind sie wieder im Einsatz.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.-Greser&Lenz, Kai Nedden / F.A.Z.
