Von Dirk Laabs
03. Juni 2007 Eine Seitenstraße in Genuas Innenstadt. Proteste am Rande eines G-8-Gipfels. Ein Landrover der Carabinieri entfernt sich von einem größeren Trupp Polizisten. Plötzlich ist der Jeep von Demonstranten umringt. Steine fliegen. Ein Demonstrant scheint einen Feuerlöscher in den Wagen schleudern zu wollen - im Inneren zieht ein Polizist seine Dienstwaffe und schießt dem Mann in den Kopf. Anschließend überrollt der Polizeijeep zweimal den getroffenen Aktivisten. Der Mann - ein 23 Jahre alter Student - stirbt. Gipfel der schweren Ausschreitungen am Rande der G-8-Konferenz und der bislang einzige Tote bei einer Anti- G-8-Demonstration.
Sechs Jahre später. Hamburg, am vergangenen Wochenende. Proteste gegen das Asem-Außenminister-Treffen, Probelauf für den G-8-Gipfel von Heiligendamm. Ein Mannschaftswagen der Polizei fährt neben dem Demonstrationszug her. Demonstranten umringen den Wagen und reißen die Ladetüren auf; der Fahrer hatte sein Fahrzeug nicht zentral verriegelt. Die Protestler springen in den Wagen und erbeuten Plastikschutzschilde. Der Fahrer gerät in Panik, verlässt das Fahrzeug. Sofort wird er mit Farbbeuteln und Steinen beworfen. Der Beamte zieht seine Pistole und zielt in die Luft.
Vorbereitung heißt Nachbereitung
Es sind Momente wie diese, die Polizeistrategen momentan besonders fürchten. Denn gerade in der Umgebung von Heiligendamm werden selbst die schmalsten Feldwege, die zu dem zwölf Kilometer langen Zaun rund um den G-8-Tagungsort führen, von der Polizei bewacht - meist durch einen einzelnen Mannschaftswagen und seine Besatzung. Der schlimmste Fall: ein Angriff auf ein solches isoliertes Ziel mit anschließender Überreaktion der Polizisten vor laufenden Fernsehkameras.
Die Schwachstelle können vor allem einzelne Beamte sein, die dem psychischen Druck nicht standhalten. Deshalb setzt die Polizei inzwischen auf die psychologische Vorbereitung und Begleitung einzelner Beamter, um Übergriffe zu vermeiden. Vorbereitung heißt im Polizeialltag vor allem: Nachbereitung. Das betont der Polizeiseelsorger Andreas Schorlemmer, Bruder des DDR-Bürgerrechtlers, der seit fast zehn Jahren Polizisten betreut.
Niemand hat Lust auf Gewalt
Auch in Mecklenburg-Vorpommern haben die Beamten fast jede Woche irgendwo einen Einsatz auf einer Demo, so Schorlemmer. Jede Aktion der Polizei wird von Demonstranten oder den Medien gefilmt - an die Aufmerksamkeit sind die Polizisten gewöhnt. Erfahrung haben sie meist genug, doch lange hat es an der Aufarbeitung des Erlebten gemangelt und an einem Ventil, den erlebten Frust loszuwerden. Die Nachbereitung soll vermeiden, dass ein Beamter aller Erfahrung zum Trotz unüberlegt handelt und überreagiert.
Lange war es unter den Beamten verpönt, in dem Machojob Polizist Schwäche zu zeigen. Das hat sich geändert. Nach einer rauhen Demonstration gegen Neonazis in Greifswald hat Schorlemmer eine Gesprächsrunde zwischen linken Demonstranten, Polizeiführung und Polizisten organisiert. Das Fazit: Alle haben während der Demo gelitten, sagt Schorlemmer. Niemand habe Lust auf Gewalt, auch die Polizisten nicht. Die Beamten litten oft unter dem Zwang, Gewalt anwenden zu müssen, um den Willen des Gegenübers, des Demonstranten, brechen zu können.
Die meisten Demos sind wie Monopoly
Doch diese Art der psychologischen Nachbereitung stecke noch in den Kinderschuhen, sagt Schorlemmer. So kann sich bei vielen Polizisten der Frust aufstauen. Dieser Frust ergreift dann von den Polizisten Besitz, weil sie sich nur noch in den Frusträumen der Gesellschaft aufhalten. Ihr Blick verengt sich zunehmend, das Gegenüber, der Protestler, wird nur wie ein Schatten wahrgenommen. Wie bei manchem Arzt, der nicht den Patienten, sondern die Wand hinter ihm anguckt. Anders, so Schorlemmer, ließen sich der Druck und die verbalen Beleidigungen für manche Beamte nicht mehr ertragen.
Von den 16.000 Polizisten, die den G-8-Tagungsort schützen, seien die meisten Profis, die Abläufe von Demonstrationen in- und auswendig kennen würden. Das Bild von der Horde Polizisten, die nur darauf warten, loskloppen zu können, ist völlig falsch, sagt Schorlemmer. Die meisten von ihnen haben tausend Antennen und wissen genau, was vor sich geht. Darunter fällt die Erkenntnis, dass die meisten Demos Gesellschaftsspiele geworden seien, so Schorlemmer. Wie Monopoly - da geht es nur noch darum, wer welche Straße erobert.
Die Steinewerfer können wir nicht mehr erreichen
Bei diesem Gesellschaftsspiel entscheiden Details darüber, ob die Lage eskaliert oder nicht. Die Helme müssen so lange wie möglich abgesetzt bleiben, die Polizei darf nicht zu martialisch wirken. Die Mannschaftswagen dürfen nicht zu schnell an den Demonstranten vorbeifahren. An Kleinigkeiten kann sich Gewalt entzünden, jede kleine Geste kann als Provokation der anderen Seite empfunden werden. Entscheidend sei bei den Demonstranten nicht, wer mit der Gewalt anfängt, so Schorlemmer, sondern wer mitmacht.
Genau hier setzen auch die Anti-Konfliktteams an, die rund um Heiligendamm von der Kriminalhauptkommissarin Bianca Glöe geleitet werden. Sie versucht mit ihren Teams, Konflikte auf Seiten der Protestler zu entschärfen. 60 sogenannte Konfliktmanager werden in 20 Teams während der Proteste eingesetzt: Die Steinewerfer können wir nicht mehr erreichen. Wir wollen verhindern, dass die Gewalttäter andere Demonstranten mit hineinziehen, denn das ist ja genau ihr Ziel.
Die Rebel Clown Army im Visier
Mit grellen, neongelben Westen, ohne Helm und ohne Schlagstock gehen die Konfliktmanager auf die Menge zu. Sie sollen offen, gesprächsbereit, freundlich wirken. Timing ist dabei alles, erklärt Silke Janke, eine Konfliktmanagerin aus Wismar. Manchmal ist es ganz gut, wenn die erst mal Dampf abgelassen haben, dann kann man besser reden, nicht während sie sich gerade aufregen. Dann laufen die Gespräche wie bei einem Verkaufsgespräch oder bei einer Therapie, erklärt Bianca Glöe: Wir hören aktiv zu, sprich: Der Protestler darf erst mal reden. Dann geben wird dem Gegenüber ein gutes Ich-Gefühl.
Wenn sich größere Gruppen aufschaukeln, suchen sich die Konfliktmanager die potentiellen Anführer aus, sprechen sie direkt an und schmeicheln so deren Ego. Keinesfalls sollte man etwa die Übermacht oder die Ausrüstung der Polizei eingangs erklären oder rechtfertigen. Verständnis zeigen steht an erster Stelle - Basis-Psychologie. Im Übrigen gilt: Probleme müssen rechtzeitig erkannt werden. Bianca Glöe hat vor allem die Rebel Clown Army im Visier.
Keiner weiß, was ihn genau erwartet
Die Aktivisten versuchten immer wieder, Polizisten zu provozieren. Vor allem würden Rebel Clowns gerne schauspielern und simulieren, etwa eine Verletzung durch einen Polizeiübergriff. Dann moderieren wir eine Demo auch und erklären den anderen Demonstranten, was wirklich gerade passiert ist, so Glöe.
In Lehrgängen wurden die Konfliktmanager auf die G-8-Proteste vorbereitet, in Rollenspielen Stresssituationen durchgespielt. Doch weder die Polizeiführung noch die Polizisten und Konfliktmanager wissen, was sie genau erwartet: Wie viele gewaltbereite Protestler kommen? Wie viele Demonstranten? Aus welchen Ländern? Die Unsicherheit ist spürbar.
Nie wieder einen größeren Einsatz
Vor den Demonstrationen in Rostock hat man deshalb vor allem eines trainiert: sich selbst zu schützen. Jeder Konfliktmanager ist vorschriftsmäßig mit seiner Dienstwaffe bewaffnet. In erster Linie sind sie Polizisten, die den Job als Konfliktmanager nebenbei erledigen. Besonders das Zusammenspiel mit den übrigen Polizisten wurde geübt - denn im Prinzip sind wir ja als Streifenpolizisten alle im Alltag sowieso schon Konfliktmanager, sagt der Beamte Daniel Schmidt, 25 Jahre alt, der am Wochenende seinen großen Einsatz hat. Durchgespielt wird vor allem, wann die Konfliktmanager zu gehen haben und die Stöcke eingesetzt werden.
Inzwischen freuen sich die anderen Beamten, wenn sie sehen, dass wir als Erste auf die Protestler zugehen. Denn unsere Arbeit bedeutet, dass sich das Risiko für die Schutzpolizisten verringert, sagt Bianca Glöe. Die Polizei habe sich in den letzten Jahren sehr gewandelt. Um die Demonstrationen zu entspannen, setzt die Polizeiführung möglichst viele Frauen in den ersten Reihen ein, auch das ein Symbol der Deeskalation. Früher sei es vor allem darum gegangen, die größten Beamten vorne zu positionieren.
Doch die beste Vorbereitung mindert nicht die psychische Belastung für die Polizisten. Dass sie derzeit rund um Heiligendamm besonders unter Druck stehen, bestätigt auch Polizeiseelsorger Schorlemmer: Die meisten wissen natürlich, dass sie in ihrem Leben nie wieder einen größeren Einsatz haben werden. Als er vergangene Woche zum Gottesdienst einlud, erschien die komplette Einsatzleitung der Polizei, trotz eines Unwetters. Offen wurde über Ängste und Sorgen vor dem Gipfel gesprochen. Ein Polizeioberer bat um höheren Beistand und darum, dass den Demonstranten nichts geschieht.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.06.2007, Nr. 22 / Seite 31
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS
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