Kommentar

Die Gewalt der Kapuzenmänner

Von Stefan Dietrich

Für die Polizei war es schwer, den Überblick zu behalten

Für die Polizei war es schwer, den Überblick zu behalten

04. Juni 2007 Nahezu tausend Verletzte in Rostock. Wenn das der angekündigte „friedliche Auftakt“ zu den G-8-Demonstrationen war, wie werden dann erst die friedlichen Straßenblockaden aussehen, die zur Wochenmitte folgen sollen? Die Polizei hat ihre Deeskalationsstrategie, die offensichtlich auch darin bestand, möglichst wenig martialisch aufzutreten, mit hohen Verletzungsraten bezahlt. Sie darf ihren Beamten eine solche Taktik nicht ein zweites Mal zumuten.

Selten ist so augenfällig geworden wie in Rostock, dass die Globalisierungskritiker in zwei ungleich große Gruppen zerfallen: Die Mehrheit ergreift aus durchaus idealistischen Motiven Partei für humanitäre und ökologische Forderungen; der Minderheit ist jeder Anlass recht, den Staat herauszufordern.

Nach der seit Monaten im Internet laufenden Mobilmachung der „autonomen“ Szene für Heiligendamm konnte das Auftreten der Kapuzenmänner allerdings für niemanden eine Überraschung sein. Immerhin hat es noch nie eine so deutliche Distanzierung der mit friedlichen Absichten gekommenen Demonstranten von der Gewaltszene gegeben.

Das lässt für die Zukunft hoffen. Nur die unter wechselnden Namen auftretende Linkspartei, die seit 17 Jahren im Schafspelz einer demokratiekonformen politischen Kraft herumläuft, zeigte sich wieder einmal in ihrer Wolfsgestalt als Verteidigerin und Verbündete der Straßenkämpfer. Auch das sollte man sich merken.

Von denen, die ihren Wunsch nach einer „anderen Politik“ gewaltfrei vortragen, wird man aber gleichfalls eine Klärung ihres Verhältnisses zur Politik verlangen müssen. Niemand hindert sie daran, sich am demokratischen Willensbildungsprozess zu beteiligen und selbst für Mehrheiten zu kämpfen. Statt dessen stellen sie Forderungen an Politiker, mit denen diese zumindest heute keine Wahl gewinnen könnten.

Insbesondere die Forderung, Hunger und Krankheit in Afrika zu bekämpfen, verträgt sich ausgesprochen schlecht mit dem gleichzeitig vorgebrachten Vorwurf, der G-8-Gipfel bevormunde die Entwicklungsländer. Wenn der Westen helfen soll, dann müsste er zuerst die Despoten und Warlords entmachten, die in erster Linie für Armut und Elend verantwortlich sind. Und die Zustände sind so, weil wir aus guten Gründen gerade vor solcher Einmischung zurückschrecken.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, REUTERS

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