Madagaskar

Hoffnung für ein bettelarmes Land

Von Thomas Scheen

Afrikanische Begrüßung

Afrikanische Begrüßung

30. Mai 2007 Marc Ravalomanana scheint ständig unter Strom zu stehen. "Schnell" müsse die Transformation seines Landes vonstatten gehen, sagt der Mann im roten Polohemd und den schwarzen Cowboystiefeln, und "sehr schnell" müsse das dazu nötige Geld in Form von Auslandsinvestitionen nach Madagaskar gelockt werden. Dann grinst der trotz seiner 57 Jahre immer noch jugendlich wirkende madagassische Präsident, als sei sein Plan das einfachste Ding auf der Welt.

Sein "Plan", das ist der nach seiner Wiederwahl im Dezember 2006 vorgelegte "Madagascar Action Plan" (Map), der aus dem zweitärmsten Land der Erde langfristig einen modernen Staat machen soll. Ungewöhnlich an diesem Plan sind die präzisen Zielvorgaben, an denen sich Ravalomanana in fünf Jahren messen lassen wird. So soll bis 2012 das jährliche Wirtschaftswachstum von gegenwärtig 5 Prozent auf bis zu 12 Prozent gesteigert werden. Zudem will die Regierung die nur spärlich fließenden ausländischen Direktinvestitionen von 84 Millionen Dollar (2005) durch zahlreiche Vergünstigungen auf 500 Millionen Dollar steigern. Die Armut soll deutlich gesenkt werden, und zudem will Madagaskar bis 2012 den schlechten Ruf loswerden, für Geschäftsgründer eines der teuersten Länder zu sein. Nach Berechnungen der Weltbank belegt Madagaskar von 155 bewerteten Ländern Platz 133, was die Fixkosten für produzierendes Gewerbe angeht. Vor allem die völlig marode Energieversorgung treibt die Kosten in die Höhe. In fünf Jahren, so Ravalomanana, werde Madagaskar auf dieser Liste Rang 100 einnehmen.

Ultraliberale Wirtschaftspolitik

Motor dieser Entwicklung soll die seit Ravalomananas Amtsantritt verfolgte ultraliberale Wirtschaftspolitik sein. Der Präsident, der nebenher der größte Unternehmer der Insel ist, lässt sich dabei von der Maxime lenken, dass es dem Staat automatisch gutgehe, wenn es der Privatwirtschaft gutgeht. Ravalomanana führt Madagaskar, wie er seine Firmengruppe Tiko führt: Nur Ergebnisse zählen. Die Zahl der Minister, die er in fünf Jahren verschlissen hat, ist Legion. Sein gegenwärtiges Kabinett besteht überwiegend aus Technokraten, darunter auffallend viele ehemalige Tiko-Manager. Zudem hat sich der Präsident nicht um den früher verklärten Proporz zwischen Ministern aus dem Süden und dem Norden der Insel geschert, sondern nur die besten berufen. Ihr Job ist es, Rahmenbedingungen für ausländische Investitionen zu schaffen.

Madagaskar bietet tatsächlich zahlreiche Investitionsmöglichkeiten. Bergbau (unter anderem Chrom, Eisenerz, Gold, Uran sowie zahlreiche Edel- und Halbedelsteine), Dienstleistungen, Landwirtschaft und nicht zuletzt der Tourismus sind völlig unterentwickelt. Speziell der Tourismus soll Geld ins Land bringen, wobei der Regierung eine Art exklusiver und entsprechend teurer Öko-Tourismus vorschwebt. Madagaskar gilt nicht umsonst als eines der schönsten Länder der Welt. Doch wie in allen Staaten, die sich nach jahrzehntelanger Misswirtschaft neu erfinden müssen, trägt auch Madagaskar schwer am Erbe seiner Vergangenheit. So scheiterten beispielsweise zahlreiche Tourismusunternehmen am Grunderwerb. Es gibt schlichtweg kein funktionierendes Katasteramt in Madagaskar, dementsprechend schwierig ist die Ermittlung von Grundbesitzverhältnissen. Immerhin hat die Regierung mittlerweile sogenannte Investitionszonen für Landwirtschaft und Tourismus geschaffen, in denen Grunderwerb mit staatlicher Garantie möglich ist. Bedingung aber ist eine Mindestinvestition von 500 000 Dollar.

„Langsam, langsam“

Hinzu kommt eine schlafmützige Verwaltung, der in 30 Jahren Operetten-Sozialismus sowohl Kompetenz als auch Eigeninitiative ausgetrieben wurden, und eine Arbeitsmentalität, die sich mit dem Landesmotto "Mora, mora" (langsam, langsam) von selbst erklärt. Ein Beispiel ist das Finanzamt. Lediglich 10 Prozent des Staatsbudgets werden durch Steuern finanziert, ein selbst für afrikanische Verhältnisse inakzeptabel niedriger Wert. Ohnehin ist Madagaskar trotz seines dynamischen Präsidenten auf lange Sicht ein Patient am Tropf: Zwei Drittel der gegenwärtigen Investitionen, die sich vor allem auf die Wiederherstellung der Infrastruktur konzentrieren, sind geberfinanziert; ein Drittel des Staatshaushalts stammt aus der Entwicklungshilfe.

Schlussendlich ist der Präsident selbst, oder besser gesagt: seine Tiko-Gruppe ein ernstzunehmendes Problem. Die Unternehmensgruppe ist in der Produktion von Getränken, Milchprodukten und Reis sowie Straßen- und Hochbau engagiert und in all diesen Bereichen außer dem Straßenbau Marktführer. Zudem gehören Ravalomanana zwei Tageszeitungen und ein Fernsehsender, deren Aufgabe es ist, die Botschaft ihres Herrn zu verbreiten. Ravalomanana neigt bei aller Kompetenz zu autokratischem Verhalten und reagiert unwirsch auf Kritik. Es gibt Unternehmen auf Madagaskar, die sich aus den Bereichen, in denen die Tiko-Gruppe tätig ist, fernhalten. Nicht, weil der Präsident Sonderbehandlung für seine Gruppe beansprucht, sondern weil - so die Vermutung - die Verwaltung etwa bei Ausschreibungen in einer Art vorauseilendem Gehorsam ohnehin zur Tiko-Gruppe neige.

Bergbaukonzerne investieren

Gleichwohl ist fraglich, ob diese Furcht einen berechtigten Hintergrund hat. Vielmehr scheint die Regierung Ravalomananas Parole des "quick money" bedingungslos zu folgen, wie die Beispiele der beiden Bergbaukonzerne QMM (QIT Madagascar Minérals S.A.) und Dynatec zeigen, denen ausgesprochen günstige Bedingungen eingeräumt wurden. Die zum anglo-australischen Rio-Tinto-Konzern gehörende QMM wird im Süden des Landes Mineralsand fördern und plant, 600 Millionen Dollar zu investieren. Die kanadische Dynatec wiederum fördert zusammen mit koreanischen und japanischen Partnern Nickel im ganz großen Stil und will 2,5 Milliarden Dollar investieren.

Von dem geschätzten QMM-Jahresgewinn von 100 Millionen Dollar aber erhält die madagassische Regierung nach Auskunft der Weltbank weniger als ein Viertel, nämlich 21 Millionen Dollar. Dynatec wiederum einigte sich auf Zahlungen von 1 Prozent der ursprünglichen Investitionssumme pro Jahr: 25 Millionen Dollar. Und keines der beiden Unternehmen musste sich auf die mittlerweile übliche Formel verpflichten, dass eine bestimmte Zahl der künftigen Belegschaft madagassisch sein muss. Das klingt wirtschaftspolitisch verlockend, kann aber sehr schnell zu sozialen Spannungen führen.

Inflation angeheizt

Die Investitionen der Bergbaukonzerne haben zudem einen anderen, unwillkommenen Effekt zur Folge gehabt: Der starke Zufluss an Devisen hat die Landeswährung Ariary gegenüber Dollar und Euro deutlich aufgewertet und die Inflation angeheizt, die in diesem Jahr vermutlich bei 14 Prozent liegen wird. Abgesehen von einer dramatischen Verteuerung von Grundnahrungsmitteln, die wieder einmal die Ärmsten der Armen treffen wird, drohen solche Entwicklungen jede Form von inländischer Existenzgründung abzuwürgen. Bei Kreditzinsen weit jenseits von 20 Prozent muss der Traum von der eigenen Existenz Traum bleiben.

Text: F.A.Z., 30.05.2007, Nr. 123 / Seite 14
Bildmaterial: AP, CINETEXT, dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS

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