Kommentar zum G-8-Gipfel

Überraschungen in Heiligendamm

Von Klaus-Dieter Frankenberger

08. Juni 2007 Die Ostseeluft wirkt offenbar entspannend, jedenfalls auf diejenigen hinter dem Zaum. Denn es kommt mindestens einer rhetorischen Deeskalation gleich, was der russische Präsident dem amerikanischen Präsidenten vorgeschlagen hat. Eine gemeinsam zu betreibende Radaranlage in Aserbaidschan soll an die Stelle des von Moskau so wild und drohend bekämpften Raketenabwehrschilds Washingtons in Mitteleuropa treten.

Von den technischen Einzelheiten und von der Kommandofrage abgesehen, ist die Überraschung groß: Hatte nicht Putin bisher die Gefahr einer Bedrohung durch Raketen aus Staaten vom Kaliber Irans rundheraus bestritten und wider besseres Wissen behauptet, ein solcher Schild würde Russlands strategische Lage einschneidend verändern? Aber offenkundig musste er der wiederholten Einladung Bushs, der im Übrigen den wachsenden Autoritarismus des Kreml vergleichsweise milde kritisiert hat, etwas Positives entgegensetzen. Putin hat sich verkalkuliert: So richtig ist es ihm nicht gelungen, mit dem Thema Raketenabwehr einen Keil zwischen Europa und Amerika zu treiben.

Was ist bloß mit Bush geschehen?

Aber das ist nicht die einzige „gute“ Nachricht von Gipfeltreffen der acht in Heiligendamm: Es gibt sogar eine Einigung in der Klimapolitik. Bis zum Jahr 2050 soll der Ausstoß der Treibhausgase halbiert werden. Auch der störrische amerikanische Präsident will bei diesem fernen Ziel mitmachen; und er will die Afrika-Hilfe um 30 Milliarden Dollar erhöhen. Was ist bloß mit Bush geschehen? War es der Einfluss der Kanzlerin, der ihn einlenken ließ?

Die Antwort ist einfach: Weder wollte Bush, der schon zuvor in die Offensive gegangen war und dessen Afrika-Politik vernünftiger ist, als das hierzulande zugegeben wird, Frau Merkel einen Erfolg verbauen - die enge Zusammenarbeit mit Berlin ist der Eckstein seiner Europa-Politik -, noch konnte und wollte sich die Kanzlerin der Wirklichkeit entziehen: Ohne Mitwirkung Amerikas und der Aufsteigerländer, der großen Schadstoffproduzenten von heute und morgen, kann die Erderwärmung nicht auf das Maß begrenzt werden, das sie und die EU für akzeptabel halten. Also muss man Brücken bauen und akzeptieren, dass angesichts unterschiedlicher Perspektiven und Interessen Dogmatismus nicht zum Erfolg führt. Dieses Ergebnis von Heiligendamm kann sich sehen lassen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, REUTERS

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