Glossar der Krise
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Glossar der Krise

Chance

Von Uwe Ebbinghaus

Die Wörter Krise (links) und Chance (rechts) als chinesische Schriftzeichen

Die Wörter Krise (links) und Chance (rechts) als chinesische Schriftzeichen

05. Juli 2009 Während die deutsche Wirtschaft einbricht, erlebt in den Reden politischer und ökonomischer Akteure eine rhetorische Formel Konjunktur. Sie lautet: „Wir müssen die Krise als Chance begreifen“, lässt sich auf Horst Köhler und Benedikt XVI. zurückführen und wird von der asiatischen Schriftsprache unterstützt, in der das Zeichen für Krise sich aus Teilzeichen für „Gefahr“ und „Chance“ zusammensetzt.

Und doch fragt man sich, ob das überhaupt geht, den Zustand der Krise als Chance zu begreifen. Kann man die Armut als Chance für den Reichtum interpretieren oder die Arbeitslosigkeit als Chance für einen Arbeitsplatz? Mit etwas Phantasie gelingt das schon, aber nur, und das ist der entscheidende Punkt, wenn man erfolgreiche, um nicht zu sagen geniale Maßnahmen gedanklich vorwegnimmt. Was aber sind erfolgreiche Maßnahmen gegen Armut oder Arbeitslosigkeit in Zeiten des Mangels? Logisch und semantisch besehen, gibt der Chance-Slogan wenig her, er lässt mehr Fragen offen, als er beantwortet.

Die Chance zur Trennung

Diffus ist seine Botschaft auch auf pragmatischer Ebene, unter Sprechhandlungsaspekten. Zwar möchte derjenige, der ihn ausspricht, eine positive Stimmung, meist unter beunruhigten Arbeitnehmern, verbreiten – ein netter Zug –, doch kann er nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine Krise nicht durch Worte, also performativ, beendet werden kann. Und manchmal ist sogar ein gegenläufiger Subtext herauszuhören, der die Krise als Chance auffasst, sich von Mitarbeitern oder Unternehmensteilen zu trennen.

Gegen den blinden Zukunftsoptimismus des Chance-Slogans feit der folgende Praxis-Fragetest: Wird es nach der Krise mehr oder weniger bezahlte Arbeit geben? Eröffnet die Krise Chancen, die es vorher nicht gab? Ist es nicht vielmehr so, dass die Wirtschaftskrise uns und unseren Kindern Chancen (auf mehr Bildung oder weniger Schulden) nimmt, die vorher noch bestanden haben, so dass die gerechte Verteilung von verbliebenen Chancen eigentlich das entscheidende Thema ist? Täuscht der Eindruck, dass die jüngsten Verbreiter des Chance-Slogans ihre Ratlosigkeit zu delegieren versuchen? Oder, schlimmer noch: Sie übertragen die notorische Chancenorientiertheit, welche die Krise ausgelöst hat, auf diese selbst. Dabei sind nicht einmal die Finanzmärkte besser reguliert als früher.

Die Krise lässt sich nicht schönreden, sie bleibt hässlich. Kann man sie ganz ohne Zweckoptimismus meistern? Mit Lichtenberg könnte man zurückfragen: „Was hilft aller Sonnenaufgang, wenn wir nicht aufstehen.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Helmut Fricke

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
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