26. Juni 2008 Es gibt Momente auf Reisen, da bleibt man stehen, weil irgend etwas nicht stimmt - aber man weiß nicht, was es ist. Sind es die Proportionen, sind es die Farben, sind es die Einzelteile der Architektur, die hier seltsam verquer kombiniert wurden? Am besten macht man ein Foto und schaut sich die Sache später zu Hause an, in aller Ruhe - und nicht in der Hektik des Urlaubs und der Stadtbesichtigungen im Sturmschritt.
So etwa, denkt man beim ersten Blättern, könnten auch die Fotografien von Frank Kunert entstanden sein. Es sind Ansichten, die zunächst von der Tristesse öder Vor- und verwaister Kleinstädte zu berichten scheinen. Aber kann in einem solchen Ort wirklich ein Metzger so viel Begeisterung für die Pop-Art aufbringen, dass er gleich einer Claes-Oldenburg-Skulptur ein haushohes Schlachtermesser durch seinen Laden rammt? Wieso fehlen dort den Balkonen die Türen? Und welche straßenplanerische Vorgeschichte mag das Autobahnschild der A5 haben, das in der engen Durchfahrt zwischen zwei Wohnblocks angebracht ist?
Die Vorgeschichte ist immer dieselbe: Sie führt in ein Frankfurter Hinterhofatelier, in dem Kunert mit kleinen Modellen die Welt auf den Kopf stellt. Alles wirkt echt; aber nichts würde in Wirklichkeit funktionieren. Manchmal mit satirischer Schärfe, manchmal mit einem Hauch von Melancholie inszeniert Kunert Verwirrspiele, in denen er die Absurditäten unseres Alltags auf die Spitze treibt. "Hinter jeder Trostlosigkeit steht der Wunsch nach Trost", sagt er. Dass bisweilen schon ein Augenzwinkern weiterhilft, belegt er mit seiner Reise in verkehrte Welten. (F.L.)
"Verkehrte Welt" von Frank Kunert. Hatje Cantz Verlag, Stuttgart 2008. 72 Seiten, 28 Fotos. Gebunden, 14,80 Euro.
Buchtitel: Verkehrte Welt
Buchautor: Kunert, Frank
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.06.2008, Nr. 147 / Seite R4