Vergesst nie die Vergangenheit!

26. Juni 2008 Auf dem Platz des Himmlischen Friedens herrscht gespenstische Stille. Dutzende Oberschüler kauern unter Straßenlaternen wie heimatlose Nachtfalter, angelockt vom gleißenden Licht, schweigend, lesend, lernend, gierig die Buchstaben ihrer Hefte verschlingend, Halbverhungerte, deren Geist nach Nahrung schreit. In den düsteren achtziger Jahren versammelten sich die jungen Leute nachts in Scharen auf dem riesenhaften Platz in Peking, weil sie zu Hause viel zu beengt hausten, um in Ruhe studieren zu können, und weil es der einzige öffentliche Ort in der Hauptstadt war, an dem es genügend Licht zum Lesen gab. Es ist ein Foto von Gnaden der kommunistischen Zensoren, das wahrscheinlich den unstillbaren Wissensdurst der großartigen chinesischen Jugend dokumentieren soll - und doch etwas ganz anderes bewirkt: nicht Bewunderung, sondern Mitleid mit den Wissensverdurstenden, und Empörung über die Dilettanten in der Kommunistischen Partei, die mit ihrem Versagen und ihrer Mangelwirtschaft die armen Studenten nachts auf die Straße treiben.

Das Schöne an der Geschichte ist ihr Sinn für Gerechtigkeit. Sie sorgt dafür, dass sich Propaganda mit dem Abstand weniger Jahre selbst an den Pranger stellt und sich ihre böse Absicht ins Gegenteil verkehrt: Sie täuscht nicht mehr, sie entlarvt sich selbst. Das ist der Trost und zugleich die Beklemmung dieses kolossalen Bildbandes, der nichts weniger sein will als die visuelle Geschichte der Volksrepublik China und dabei unerbittlich zeigt, wie kurz die historische Halbwertszeit von Propaganda ist. Die öffentlich gedemütigten Parteifunktionäre, die sich Narrenkappen aufsetzen und selbstbezichtigende Schilder um den Hals hängen müssen, rufen beim Betrachter keine Abscheu oder Verachtung hervor, sondern Mitgefühl. Das Bild des verängstigten Kleinkindes, das die rote Bibel in die Höhe reckt und "Lang lebe der Vorsitzende Mao" ruft, ist erschütternd anrührend, wie ein dressiertes Schoßhündchen wirkt das Kind, das kaum Stehen kann und vielleicht ein Dutzend Wörter spricht. Vom Triumph des Kollektivismus sollen die Massen künden, die den Großen Kaiserkanal sanieren, eine Million Intellektuelle und Arbeiter wurden in der schrecklichen Zeit des "Großen Sprungs" abkommandiert zur heroisch-proletarischen Erdarbeit - doch was zeigt das grobkörnige Foto: Zwangsarbeiterkolonnen im Schlamm, Menschen, die ihrer Würde beraubt wurden im Dienst einer dubiosen höheren Sache. Wann kommt die Revolution, die sie befreit?

Die knapp sechzig Jahre währende Geschichte der Volksrepublik China, deren Machthaber schon früh die Macht der Fotografie als Manipulationsmittel der Massen erkannten, illustriert der Bildband mit Hunderten Aufnahmen von achtundachtzig Fotografen. Sie lassen keinen Zweifel daran, dass die meisten Jahre hartes Brot waren, wenn nicht blanker Hunger. Es war ein Kampf gegen das Elend des Lebens und den Wahnsinn der Partei, die etwa in den fünfziger Jahren das Volk in den kollektiven Kampf gegen die "vier Plagen" führte. Ratten, Fliegen, Stechmücken, Spatzen waren damals die Übeltäter; 1958 konnte die "Volkszeitung" triumphierend vermelden, dass allein in Peking an einem einzigen Tag 83240 Spatzen gefasst worden seien. Später merkte man, dass Spatzen Würmer fressen, also gar nicht so schädlich sind, ersetzte die Vögelchen durch Flöhe als vierte Plage und dachte sich den nächsten Irrwitz aus. Das Volk ertrug es mit unendlicher Duldsamkeit - und man glaubt in den Gesichtern auf den Fotografien trotz des propagandistisch befohlenen Strahlens immer auch die Schwermut stummen Leidens zu sehen. In glückliche Augen blickt man kaum einmal.

So geht das Jahr für Jahr, bis man irgendwann eine Seite umblättert und plötzlich von einer blendend schönen, splitternackten Frau angeschaut wird, deren primäre und sekundäre Geschlechtsteile eine Louis-Vuitton-Handtasche notdürftig verdeckt - die laszive Heroldin des neuen China, in Autobusgröße hingeräkelt auf einem Werbeplakat, eine Sirene mit Schlafzimmerblick, die das Land aus der schwarzweißen Trostlosgikeit lockt. Schlagartig wird einem klar, wie jung der Boom Chinas ist, wie ungeheuerlich sein Epochenwandel und die Kraftanstrengung dieses großartigen Landes, wie bewundernswert sein Kampf für ein besseres Leben. Jetzt weiß man, woraus die Chinesen ihre unfassbare Energie schöpfen. Ganz am Ende dieses Bildbandes steht es noch einmal in einem chinesischen Sprichwort geschrieben: "Unvergessene Vergangenheit ist eine Anleitung für die Zukunft."

JAKOB STROBEL Y SERRA

"China - Porträt eines Landes", herausgegeben von Liu Heung Shing. Taschen Verlag, Köln 2008. 424 Seiten, zahlreiche Schwarzweißabbildungen und Farbfotos. Gebunden, 39,99 Euro.



Buchtitel: China - Porträt eines Landes
Buchautor: Liu Heung Shing

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.06.2008, Nr. 147 / Seite R8

 
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