Nur noch eine Träne im unendlichen Ozean

26. November 2009 Wer hätte das gedacht? Nach Hunderten und Tausenden, ja gefühlten Millionen von Abbildungen, die Dampfer, Schiffsvolk und ferne Küsten zeigen, kann einer, der schon als Kind sehnsuchtsvoll maritime Bilder betrachtet haben mag, diese wunderbare weite Welt jetzt noch einmal neu erleben. Ausgerechnet etwas, das man natürlich wahrgenommen, aber als Nebensächlichkeit meist überblättert hatte, erscheint auf einmal als die tiefere Wahrheit. Ausgerechnet Reklame.

Der riesengroße Bildband "Schiffsplakate" von Gabriele Cadringher mit Texten von Anne Wealleans nimmt sich in sorgfältigstem Druck der Außenwerbung jener Reedereien an, die in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts begannen, den Passagierdienst über den Atlantik und zu Orten entlang der Pazifikküsten in großem Stil zu organisieren und zu betreiben. Plakate aus der frühen Zeit zeigen detailgenaue Abbildungen der Dampfer, nennen Routen und Ziele und wollen dem Betrachter weismachen, dass eine Ozeanüberquerung keine anstrengende und schon gar keine gefährliche Unternehmung sei. Mit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts verlieren die Plakate ihre kommunikative Bravheit, sie werden künstlerisch kühner, schöner, erzählerisch, schwärmerisch. Der Jugendstil prägt freundlich die Darstellung, und es kommt die heroische Darstellung des Schiffes auf als Bezwinger der Meere, als gewaltigste Schöpfung von Menschenhand. Tief liegt der Beobachtungspunkt, es schäumt die Gischt der vom mächtigen Bug geteilten Wellen, der Dampfer stürmt über den Ozean.

Dieses einfache Thema hält lange Zeit vor, viele Jahrzehnte. Es wird freilich nie langweilig, weil es immer wieder neue Möglichkeiten von Kunst und Gebrauchsgraphik gibt, sich seiner anzunehmen. In den späten zwanziger und dreißiger Jahren gibt es Beispiele, die nur noch den stilisierten Umriss von Bug und Kommandobrücke zeigen. Es ist eine Zeit, in der Schiffsnamen wie "Bremen", "Europa", "Île de France" oder "Normandie" jedermann geläufig waren.

Im Kontrast zur Verherrlichung der Technik, des Dampfers als einer Art Gott der Bewegung (eines der Riesenschiffe hieß "Leviathan"), lassen sich wunderbar lyrische Plakate betrachten mit fernöstlichen und tiefsüdlichen Landschaften. Davor liegen die Schiffe auf Reede. Wir, die glücklichen Betrachter, werden zu Passagieren, sind von diesem weißen, vornehm proportionierten Dampfer an diese palmengesäumte Küste gebracht worden, wir sehen, vielleicht einen exotisch-bunten Drink in der Hand, zurück auf unser Schiff in glatter See. Wir werden am Abend zurückkehren.

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Schiffsplakate 1873-1962
von Cadringher, Gabriele
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In den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts war die Zeit der Passagierschiffe im Liniendienst vorbei. Die vierstrahligen Jets öffneten einen neuen Markt, der den alten für immer zerstörte. Mit den Zeiten und Preisen der Düsenfliegerei konnten die Schiffe nicht konkurrieren. Die Plakatkunst der fünfziger Jahre, als sich die Reedereien noch gegen die neue Konkurrenz zu wehren versuchten, hebt Größe und Sicherheit der Schiffe hervor und will durch Farbgebung und Atmosphäre auch Heiterkeit und Bequemlichkeit einer Überfahrt suggerieren. Das letzte Plakat dieses prächtigen Bandes zeigt die "SS France", eine vergleichsweise kleine kunstlose Zeichnung vor den riesigen Flaggen Frankreichs und der Compagnie Générale Transatlantique. Alle, die die "France" kannten, sagen, sie sei wundervoll gewesen. Aber halt doch nicht zu vergleichen mit der "Normandie". Der Untergang war nicht mehr aufzuhalten.

"Schiffsplakate 1873-1962" von Gabriele Cadringher und Anne Wealleans. Hirmer Verlag, München 2009. 200 Seiten, 159 Farbabbildungen. Gebunden, 75 Euro.

Buchtitel: Schiffsplakate 1873-1962
Buchautor: Cadringher, Gabriele

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.11.2009, Nr. 275 / Seite R10

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