10. Juli 2008 Es ist krank, das Herz. Es ist leer. Es ist alt, abgekämpft, verbraucht. Es schlägt nur noch schwach. Es blutet langsam aus. Es bietet kaum mehr Hoffnung. Ach, Amerika, wie konnte es so weit kommen? Dort, wo der Neue Mensch seiner Utopie von einer Neuen Welt entgegenstrebte, im Schweiße seines Angesichts, aber immer im Bewusstsein, bei der Arbeit auf dem eigenen Stück Boden keines Herren Diener zu sein, dort, wo die Luft schon nach Freiheit duftete und der Horizont sich in eine unendliche Weite zurückgezogen hatte, dort im ländlichen Amerika, im Herzen der Nation, in ihrem mythischen "Heartland" wollen die schweren Zeiten nicht mehr enden. Angebrochen waren sie, als der Ackerbau sich als industrielle Wirtschaftsform wiedererfand. Und die benötigt immer weniger Helfer und schon gar keine freien, nur auf sich selbst gestellten Menschen.
Also ziehen die Jungen in die Stadt, während den Alten nichts anderes übrigbleibt, als ihrem angestammten Platz die Treue zu bewahren, weil ihnen auch die städtische Zukunft nicht viel verspricht. Darüber wird das Wort vom "Heartland" zu seiner Karikatur. Washingtoner Politiker führen es dennoch gern im Munde, vor allem wenn sie meinen, ihre Wähler an die Urwerte des Landes erinnern zu müssen, an Arbeitsethos, Pioniergeist, Individualismus, Beherztheit angesichts aller Not, mag sie auf die Natur oder die Mitmenschen zurückzuführen sein. Die Wahrheit über die Wirklichkeit aber hat sich längst herumgesprochen. Das wahre Herz Amerikas ist eine Illusion, vom Herzland allein nur schwer zu bewahren. Statt eines Herzens gibt es nun viele, und ein paar werden wohl auch noch im Landesinnern pochen, in größeren und ab und zu einigen kleineren Orten, die einen Weg gefunden haben, mit neuartigen Technologien und altmodischem Einfallsreichtum dem Niedergang landwirtschaftlicher Familienbetriebe zu trotzen.
Wer den Puls Amerikas fühlen will, muss sich jedoch an seine beiden Küsten begeben. Die Küstenbewohner sind sich ihrer Macht und Stellung durchaus bewusst. Sie klagen vielleicht, wenn das Landvolk wieder einmal Zünglein an der Waage spielen darf und einen Präsidenten ins Amt wählt, der vom "Heartland" schwadroniert, um damit seine Ratlosigkeit gegenüber allem urbanen Freidenkertum zu vertuschen. Sonst aber strafen die Küstenbewohner ihre ländlichen Landsleute allzu oft mit Nichtachtung. Es sind für sie "fly over people", Leute, über welche die Flugzeuge von New York nach Los Angeles und von Seattle nach Miami hinwegdonnern. Aus zehn Kilometer Höhe sind allenfalls die Bewässerungskreise zu besichtigen, die der industrielle Ackerbau auf die grenzenlosen Flächen gemalt hat. Menschen sind nirgendwo zu erkennen.
Der Fotograf Andreas Horvath hat sie besucht, die wenigen, die noch geblieben sind. Sie sitzen im Gerümpel auf einer verrosteten Hollywoodschaukel und warten, sie sitzen im Diner und warten, sie sitzen auf der Veranda eines verfallenden Holzhauses und warten, überall scheinen sie zu warten. Oder haben sie schon aufgehört mit dem Warten und sitzen bloß noch da? Manche haben historische Gewänder und Uniformen angelegt, um glorreiche Pioniertage wiederaufleben zu lassen. So verscheuchen sie zumindest einen Morgen oder Nachmittag lang die Leere um sich herum und in ihren Köpfen. Horvath aber richtet seine Kamera auch immer wieder auf menschenleere Orte, auf Straßen und Wiesen und Felder, deren Leere von Schildern verstärkt wird, die mit Gott drohen und neben ihm nur noch den Glauben an die Nation und ihren Ruhm zulassen, auch wenn die Umgebung ein einziges Dementi ist.
Es sind düstere, kaum jemals auch nur von einem zarten Hoffnungsschimmer aufgehellte Bilder. Wie der legendäre Robert Frank, der "The Americans" einst als Verlorene in einem verirrten Land porträtierte, wird sich auch Horvath den Vorwurf einhandeln, nur für die Schattenseiten des "Heartland" ein Auge zu haben. Das wäre immerhin das Vorrecht des Künstlers. Auf der Suche nach Wahrheit braucht er nicht auf Ausgewogenheit zu achten. Aber Horvath nennt sein Buch "Heartlands", er wählt den Plural, wohl auch um anzudeuten, dass er nicht auf Vollständigkeit aus ist, dass er vielmehr Skizzen vorlegt, deren jede für sich selbst spricht. Nur ganz wenige aber deuten in ihrer Melancholie an, was hätte sein können.
"Heartlands - Sketches of Rural America" von Andreas Horvath. Fotohof Edition, Salzburg 2007. 144 Seiten, zahlreiche Fotos. Gebunden, 29 Euro.
Buchtitel: Heartlands - Sketches of Rural America
Buchautor: Horvath, Andreas
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.07.2008, Nr. 159 / Seite R6