29. Oktober 2009 Es gibt Frauen, die nachts allein auf der Straße den Kragen hochschlagen und den Kopf einziehen. Die junge Dame, die mit Véronique Vial in Paris unterwegs war, wählte den entgegen gesetzten Weg: Sie riss sich die Kleidung vom Leib und streckte ihren spindeldürren langen Körper über Parkbänke und Brückengeländer, umarmte Lampenpfosten oder lehnte am Zaun der Basilique. Stets allein, stets eher mit sich selbst als einem Zuschauer beschäftigt - nur die Fotografin war Zeuge.
Die Idee von der Frau, die nackt durch Straßen stöckelt, reicht in der Literatur weit zurück, ist in der Malerei nicht nur den Surrealisten ein Thema gewesen und hat schon einmal einen Fotografen zu dem Buch "Chicago Exhibition" inspiriert. Bei Véronique Vial, die vor allem bekannt wurde durch die frech-erotischen Aufnahmen ihres Bildbands "Women before 10 a.m.", kommt nun der Zauber von Paris hinzu. Ihr Fotoband ist ein Spaziergang durch die nächtliche Stadt. Hier der Eiffelturm, dort Notre Dame, da die Pyramide des Louvre, werden ihr die Sehenswürdigkeiten allerdings eher zur Kulisse für die selbstverliebten lasziven Posen des Models, als dass sie ihnen andere als die erwartbaren Reize abgewinnen würde.
Mit den düsteren Gassen rund um den Montmartre oder am Kai des Canal Saint-Martin ist das anders. Dort entlockt Véronique Vial dem Schummerlicht der Laternen die schwüle Stimmung einer halbseidenen Welt, die man seit Brassaïs Bildern aus dem Rotlicht-Milieu nicht schöner gesehen hat - und Paris wird zur Stadt der gefährlichen Liebe. (F.L.)
"Paris Naked" von Véronique Vial. Mit einem Text von Marc Levy. Schirmer/Mosel Verlag, München 2009. 112 Seiten, 78 Fotos. Gebunden, 39,80 Euro.
Buchtitel: Paris Naked
Buchautor: Vial, Véronique
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.10.2009, Nr. 251 / Seite R4