Miteinander reden

18. Juni 2009 Was für ein Leben. Die längste Zeit war er auf der Flucht. Vor dem Stock des Vaters, vor der Knute eines absolutistischen Despoten, dessen Prunksucht Württemberg an den Rand des Staatsbankrotts brachte. Vor der strengen Militärakademie, vor Schreibverbot und Zensur, vor dem Absturz in die Armut. Als er endlich ein geregeltes Auskommen gefunden hat, haben die harten Lebensumstände seine Gesundheit bereits zerstört. Von der Grand Tour durch Südeuropa oder von einem längeren Rom-Aufenthalt kann Friedrich Schiller zeitlebens nur träumen. Nicht einmal die Alpen hat der Dichter des schweizerischen Nationalepos je gesehen. Seine einzige längere Reise führte ihn von Jena aus zwischen August 1793 und dem Mai 1794 noch einmal in seine schwäbische Heimat, um die Familie, Freunde und ehemalige Lehrer zu besuchen. Viel mehr hat er von der Welt nicht gesehen. Die Stationen des Dichters in Baden-Württemberg stellt der Autor in diesem wunderbaren Buch ausführlich vor. Es ist mehreres zugleich: eine flott skizzierte Biographie, die mit eingestreuten Texten Schillers sehr lebendig geraten ist; eine kleine kulturgeschichtliche Darstellung von Land und Zeit; ein schön ausgestatteter Bildband; mit den beigegebenen Ortsplänen nicht zuletzt ein praktischer Reiseführer. Zur Illustration beschränkte man sich auf historische Abbildungen, das macht einen weiteren Reiz aus: Mit dem Buch lässt sich des Dichters Einst im Jetzt nachspüren. Mögen die stimmungsvollen Veduten auch etwas anderes suggerieren: Dass die Jahre im protestantischen Kleinbürgermief mit Zucht und Züchtigung für den lebhaften Fritz kein Zuckerschlecken waren, beschreibt der Autor ausführlich und legt dar, dass hinter vielfach kolportierten Anekdötchen eine erschreckende Kindheit steckt. Auch in der fortschrittlichen Carlsschule auf der Solitude gehörten zum Stundenplan neben Horaz und Vergil Prügel und Dressur. Noch vor seiner "Schwabenreise" vergewissert sich Schiller sogar, dass er von Herzog Carl Eugen nichts mehr zu befürchten habe, bevor er einen Fuß auf württembergisches Hoheitsgebiet setzt. Zu den Fakten stehen die Artefakte der religiös-nationalen Schiller-Verehrung im eigentümlichen Kontrast. Der Autor führt zu heroischen Denkmälern, salbungsvollen Gedenktafeln, zu Schiller-Eichen und Schiller-Grotten. Für den bizarren Kult hat er eine Erklärung: Findige Schwaben kreierten im vorletzten Jahrhundert diese Weihestätten, um mit Schillers Namen den Fremdenverkehr anzukurbeln und Kasse zu machen.

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"Mit Schiller von Ort zu Ort. Lebensstationen des Dichters in Baden-Württemberg" von Wilfried Setzler. Silberburg-Verlag, Tübingen 2009. 200 Seiten, 115 farbige Abbildungen. Gebunden, 19,90 Euro.

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Mit Schiller von Ort zu Ort - Lebensstationen des Dichters in Baden-Württemberg
von Setzler, Wilfried
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Buchtitel: Mit Schiller von Ort zu Ort - Lebensstationen des Dichters in Baden-Württemberg
Buchautor: Setzler, Wilfried

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.06.2009, Nr. 138 / Seite R10

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