Ach, wie schön

22. Oktober 2009 Eine flüchtige Skizze der Künstlerin, die sich mit einer Zigarette im Mund zu einem Angelausflug aufmacht, steht im Widerspruch zum lieblichen Charakter ihrer Londoner Aquarelle, die jetzt, angereichert durch Bildmaterial der viktorianischen und eduardianischen Zeit, in einem nostalgischen Band wiederaufgelegt werden. Rose Barton wirkt in ihrer Tweed-Kleidung robust und bodenständig - mehr Miss Marple als die feminine Malerin, die ihre Bilder suggerieren. Die Szenen der Hauptstadt des Empire hingegen, die diese bei einem Pariser Salonmaler der impressionistischen Schule ausgebildete Irin 1904 in dem Band "Familiar London" veröffentlichte, vermitteln vor dem Hintergrund der brodelnden Metropole eine vornehme Aura von großstädtischem Flair, von behandschuhten Damen, Droschken, Offizieren und geschniegelten und gebügelten Kindern, die von ihren Nannies spazieren geführt werden. Rose Barton porträtiert eine heile Gesellschaft, die nichts zu wissen scheint von dem in Gehweite liegenden Elend, das uns aus den Romanen von Charles Dickens vertraut ist. Nur gelegentlich, wie in dem Gedränge der Ansicht von Ludgate Hill im Herzen der Londoner City, schimmert eine Ahnung von der Schattenseite des viktorianischen Booms durch.

Mit den französischen Impressionisten teilte die 1856 geborene Anwaltstochter aus der Grafschaft Tipperary die Faszination für atmosphärische Effekte. Sie fängt das scheckige Sonnenlicht, die verregneten Straßen und die feuchtkalte Luft ebenso ein wie den dumpfen Strahl der Gaslichter, die gegen den berüchtigten Londoner Nebel ankämpfen. Männer erzählten hingerissen von Bergentfernungen und Luftperspektiven, aber was könne eindrucksvoller sein als der blaugraue Nebel, der das Ende einer Londoner Straße geheimnisvoll und schön erscheinen lasse, der Gegenwart den Hauch der Unsicherheit über die Zukunft gebe und den gewöhnlichsten Häusern einen poetischen Nimbus verleihe, erklärte Rose Barton und beschrieb damit den Grundimpuls ihrer künstlerischen Tätigkeit.

Den elegischen Szenen ist freilich auch ein Sinn für das Anekdotische abzulesen, und die Darstellung der Menge, die sich vor einem Zeitungsgebäude am Strand versammelt hat, um den Ausgang der Wahl des Jahres 1892 zu erfahren, verrät Rose Bartons Anteilnahme an der damals aktuellen politischen Auseinandersetzung um die Selbstverwaltung für ihr Heimatland. Im Ganzen aber porträtiert sie ein London, wie es sich aus der Warte der im feinen Knightsbridge lebenden Künstlerin ausnimmt, die sie war.

"Spaziergänge durch das alte London - Historische Gemälde, Postkarten, Fotografien und Stadtpläne". Mit 61 Gemälden von Rose Barton, einer Einführung von Mary Anne Evans sowie Texten von Colin Inman, David Boyle und Susie Green. Bassermann Verlag, München 2009. 176 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Gebunden, 19,95 Euro.

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Spaziergänge durch das alte London - Historische Gemälde, Postkarten, Fotografien und Stadtpläne
von Barton, Rose
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Buchtitel: Spaziergänge durch das alte London - Historische Gemälde, Postkarten, Fotografien und Stadtpläne
Buchautor: Barton, Rose

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.10.2009, Nr. 245 / Seite R12

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