Christina wohnt hier nicht mehr

25. Juni 2009 Vielleicht ist kein Gemälde der amerikanischen Kunst in Amerika bekannter als "Christinas Welt" von Andrew Wyeth. Geheimnisvoller jedenfalls ist kaum eines - und selbst wenn man weiß, dass die Farmerstochter Christina Olson, die auf dem Bild in bizarr verrenkter Haltung auf einer Wiese kauert, in ihrer Kindheit durch eine Polioinfektion verkrüppelt wurde, nimmt es dem Bild, das heute im Museum of Modern Art in New York hängt, nichts von seiner unheimlichen Dramatik. Denn es ist ja kein Dokument eines körperlichen Gebrechens, sondern der Versuch, mit dem weiten Feld, Halm für Halm minutiös auf die Holztafel gesetzt, einem stattlichen Farmhaus am Horizont und der liegenden Rückenfigur vorne, die Landschaft Neu-Englands und vielleicht sogar das Wesen ebendieser Region in einem Bild zu bannen: das puritanische Dilemma von Aufbau und Zerstörung, von einer Vision und ihrem Scheitern. Aber vermittelt das Gemälde nicht - von Andrew Wyeth im Jahr 1948 gemalt, also nach dem Krieg und vor dem weltweiten wirtschaftlichen Aufschwung - mit seinem zarten Silberstreif am schmalen Himmel ein Moment von Hoffnung?

Sechzig Jahre später zog der Fotojournalist Eugene Richards durch die Provinz Amerikas, und was er fand, gibt keinen Grund mehr für Optimismus. Dort, wo in Wyeth' Komposition Christina sich im Gras abstützt und Richtung Wohnhaus schaut, liegt in einer der beklemmendsten Farbaufnahmen von Richards ein totes Kalb im Hafer. Und die Farmhäuser, die Richards vorfand, sind nur noch Ruinen, allesamt verlassen, bestenfalls von Heuschrecken oder Küchenschaben bewohnt - oft genug aber liegen sogar die Insekten halbverwest im Spülstein.

Dreieinhalb Jahre war Richards für seine Bildserie "The Blue Room" auf Nebenstraßen im Nichts der amerikanischen Landschaft unterwegs, um Spuren des Scheiterns festzuhalten. Doch keineswegs die Härte des Fotoreporters bestimmt seinen Blick, vielmehr konzentriert sich Richards immer wieder auf Details, hinter denen sich eine Lebensgeschichte verbirgt: hier die bunte Tapete eines Kinderzimmers, dort festliche Kleidung, da aussortierte Schwarzweißfotos aus dem Familienalbum. Es ist, als wolle Richards von diesen Häusern das Leichentuch fortziehen. Und nicht etwa, um einen Blick auf den Verstorbenen zu werfen, legt er in den Zimmern fast wie ein Archäologe Schicht für Schicht eines früheren Lebens frei, sondern um den Tod zu vertreiben. Manchmal meint man sogar zu spüren, dass Richards die Menschen kannte, die in diesen Häusern wohnten, und dass er ihnen mit diesem so bezaubernden wie verstörenden Bildband eine Art Denkmal setzen will, ein Denkmal des Pioniergedankens und des Trotzes. Denn dass alles vergebens gewesen sein soll, gesteht sich selbst in der armseligen Welt der abgelegenen Orte Amerikas niemand gerne ein.

"The Blue Room" von Eugene Richards. Phaidon Verlag, London 2008. 168 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Gebunden, etwa 60 Euro.

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The Blue Room
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Buchtitel: The Blue Room
Buchautor: Richards, Eugene

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.06.2009, Nr. 144 / Seite R10

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