Lautlos vor dem Tore

12. Juni 2008 Die touristische Traumkarriere Berlins verdankt sich einem Trugschluss: Jeder hält die Hauptstadt für die rastlose, atemlose, haltlose Metropole, die sie in den röhrenden zwanziger Jahren für kurze Zeit tatsächlich war, jeder denkt an das Berlin aus Walter Ruttmanns Film "Symphonie einer Großstadt". Doch in Wahrheit ist sie das genaue Gegenteil: unter allen großen Hauptstädten die gemächlichste, bedächtigste, langsamste, ein ideales Pflaster für Touristen also, die hier - anders als in wirklichen Weltstädten wie London oder Paris - nicht ständig im Weg herumstehen, sondern ungestört mitschwimmen können im großen, ruhigen Fluss. So ist es ein Dienst an der Wahrheit, dass dieses Buch den stillen Winkeln Berlins ein Loblied singt. Schon ein Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt, dass sie keine Augen des Orkans, keine Schlupfwinkel im Getriebe einer allgegenwärtigen Hektik, sondern selbst an den prominentesten Plätzen im Überfluss zu finden sind - am Brandenburger Tor, am Hauptbahnhof, an der Humboldt-Universität. Andere stille Winkel liegen etwas weiter abseits und eher auf der Hand, etwa der Viktoriapark in Kreuzberg oder der Müggelsee. Zu allen Orten erzählt der Autor in einem angemessen unaufgeregten Ton nette Anekdoten, wundert sich über die bedrohliche Abwesenheit aller Geräusche in den öffentlichen Hochtechnologie-Toiletten oder beschreibt einfach nur das kleinstädtische Idyll in den Hinterhöfen der Mietshäuser - eben ein Berlin, wie es wirklich ist: Kammermusik, nicht Symphoniekonzert.

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"Stille Winkel in Berlin" von Michael Bienert. Ellert und Richter Verlag, Hamburg 2008. 128 Seiten. Gebunden, 12,95 Euro.



Buchtitel: Stille Winkel in Berlin
Buchautor: Bienert, Michael

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.06.2008, Nr. 135 / Seite R4

 
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