30. April 2008 Wer den Fotografen Dirk Reinartz kannte, schildert ihn als fröhlichen, lebenlustigen Menschen, und wer es darauf anlegte, könnte in den überlieferten Porträts zwischen seinem dicken Schnauzbart und dem wirren Lockenkopf einige Lachfalten entdecken. Wie anders dagegen sein fotografisches Werk. Reinartz schien wie magisch angezogen von jeglicher Form der Tristesse. "Kein schöner Land" nannte er seinen beklemmenden Deutschland-Bildband aus dem Jahr 1989, der fast ohne Menschen auskommt und sich stattdessen in trübsinnig-grauem Ton trostlosen Fassaden und leeren Großparkplätzen widmet und in dem immer wieder Mauern, Zäune und Gitter gezeigt werden, von denen man nicht recht weiß, ob sie jemanden einsperren sollen oder aussperren. Dass es sich dabei stets auch um die Darstellung von Seelenlandschaften handelte, legte der Folgeband im Jahr 2003 durch seinen Titel "Innere Angelegenheiten" zumindest nahe. Die Motive waren ganz ähnlich wie zuvor, bloß diesmal in Farbe. Es war immer noch zum Heulen.
Dirk Reinartz, 1947 in Aachen geboren und in den späten sechziger Jahren Student bei Otto Steinert, hatte 1971 als der jüngste Fotoreporter je bei der Illustrierten "Stern" begonnen. Seine Arbeiten jedoch wirkten von Beginn an wie einem Alterswerk entnommen. Sie waren mit Bestimmtheit komponiert. Und sie waren von Skepsis geprägt. Lebenslust buchstabiert man anders; auch in der Fotografie. Nicht einmal für die großartige New-York-Serie, die 1974 während privater Reisen nach Amerika entstand, ließ sich Reinartz vom pulsierenden Leben Manhattans infizieren, sondern fand überall nur Beispiele für einen Alltag in Schwermut, vielleicht auch in Bedrängnis.
Der öffentliche Raum, wie Dirk Reinartz ihn zeigt, ist keine Bühne für Selbstdarsteller. Er gleicht vielmehr einem Ort der Gefahr. Als sei die Evolution vor drei Millionen Jahren stehengeblieben, wirken nicht wenige der Passanten in den breiten Avenues geradeso, als hätten sie eben erst auf zwei Füßen zu stehen gelernt und schauten nun zum ersten Mal in ihrem Leben skeptisch über das Steppengras hinweg. Wer der Feind ist, bleibt dabei offen: die mächtigen Fenster und Tore, die aussehen wie aufgerissene Mäuler; die vorüberhuschenden Gestalten, die sich aus dem Dampf der U-Bahn-Schächte schälen; die allgegenwärtigen Autos, damals noch riesige Limousinen, die mal wie Raubtiere aussehen, im Schatten versteckt, zum Sprung bereit, und die mal wie in großen Herden zu grasen scheinen - oder ist am Ende der Fotograf die Gefahr? Mehr als einmal jedenfalls wird dessen Annährung mit skeptischen, sogar bösen Blicken erwidert.
Straßenfotografie, erklärte der New Yorker Straßenfotograf Joel Meyerowitz bei Gelegenheit, sei der Versuch, im Alltag Illustrationen für die eigenen Sehnsüchte und Konflikte zu finden, Entsprechungen für eine Lebensauffassung. Und dann entdeckt man zwischen Reinartz' melancholisch stimmenden New-York-Aufnahmen wenigstens ein paar skurrile Momente - etwa wenn es aussieht, als habe ein Mann sein Pferd vor der Zelle angebunden, während er telefoniert, oder wenn ein Blitzlicht die nackte Brust einer Schaufensterpuppe zum Strahlen bringt.
Vor vier Jahren hatte Reinartz begonnen, das alte New-York-Material für ein eigenes Buch zu sortieren, die Auswahl halbwegs festgelegt und in einem gewissen Umfang sogar die Reihenfolge der Bilder bestimmt. Dann starb er unerwartet. Nun hat seine Frau Karin das Werk beendet. Es wurde zum Denkmal für einen Grübler. Vielleicht für einen Grübler mit Humor. Es ist ein großartiges Denkmal.
"New York 1974" von Dirk Reinartz. Steidl Verlag, Göttingen 2007. 144 Seiten, 64 Schwarzweißfotografien. Gebunden, 42 Euro.
Buchtitel: New York 1974
Buchautor: Reinartz, Dirk
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.04.2008, Nr. 101 / Seite R8
