26. Juni 2008 Manchmal scheint es, als sprenge dieses Buch alle üblichen Kategorien und besetze des Raum zwischen Phantasie und Wirklichkeit, Abenteuerroman und Erlebnisbericht - eben zwischen "fiction" und "non fiction", denn ungewöhnlich ist alles: das Thema, die Person des Autors und die Form. Da ist zunächst das Thema. Mehr als verwegen mutet es an, Afghanistan allein zu Fuß zu durchqueren, ein Land, das zurzeit so gequält wird durch einen heimtückischen Bombenkrieg, durch Mord und durch Totschlag, und das selbst in Friedenszeiten - sofern es sie hier jemals gab - als heißes Pflaster galt. Dann ist da die Person des Autors. Mit seinem Unternehmen steht er in der Tradition des britischen Reisenden des neunzehnten Jahrhunderts, die überall auf der Welt extreme Herausforderungen suchten und sich dabei bemühten, sich dem Exotischen und Fremden nicht von außen, sondern von innen anzunähern. Sie allerdings zeichneten sich durch Bescheidenheit aus, und nie hätten sie gesagt, was Rory Stewart äußert: "Ich war oft verärgert über die Leute und die Gastfreundschaft in den Dörfern", als sei es eine Selbstverständlichkeit, einem buchstäblich: hergelaufenen Fremden umsonst Kost und Logis zu geben. Schließlich ist da die Form. Vielleicht ist es unvermeidlich, dass sich bei dieser Wanderung durch Afghanistan die Situationen wiederholen, aber nach einer Weile wirkt der Bericht doch ziemlich ermüdend. Und dazu kommt, dass das, was unter dem läppischen deutschen Titel "So weit die Knie tragen" firmiert - treffender heißt das englische Original "The Places in Between" - einige Stellen enthält, die ein wenig misstrauisch machen. So trifft der Autor etwa zwischen Jam und Chaghcharan einen Arzt, dessen Bruder bei einem Überfall schwer verletzt worden sein soll, zwei Seiten später ist ebendieser Bruder erschossen worden; an einem Tag will Rory Stewart nach neun Stunden Fußmarsch, während denen er nur einen Armeekeks gegessen hat, noch einmal in zwei Stunden fünfzehn Kilometer durch Schlamm und Schnee zurückgelegt haben; und am Ende seines langen Marsches bewältigt er gar - einschließlich einer Schlägerei mit einem bewaffneten Kontrollposten - mit einem schweren Rucksack und über zwei viertausend Meter hohe Pässe hundertfünfzig Kilometer in vier Tagen. Nichts anderes lässt sich daraus schließen, als dass der Autor Übermenschliches leistet. Spannend allerdings ist das Buch, abgesehen von dem völlig unverständlichen Kapitel "Tony Blair und der Koran", in dem sich Stewart aufs politische Glatteis begibt. Aber das hymnische Lob, das auf den letzten Seiten zitiert wird, hat es auch nicht verdient.
tg
"So weit die Knie tragen - Mein Fußmarsch durch Afghanistan" von Rory Stewart. Malik/Piper Verlag, München 2007. 400 Seiten, 26 Fotos, eine Karte. Gebunden, 22,90 Euro.
Buchtitel: So weit die Knie tragen - Mein Fußmarsch durch Afghanistan
Buchautor: Stewart, Rory
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.06.2008, Nr. 147 / Seite R7