Gegeneinander kämpfen

18. Juni 2009 Island ist reich an Geschichten. Sie ranken sich um Hügel und Felsvorsprünge, räkeln sich in Tälern und Buchten. Sie sind so zahlreich und vielfältig, dass der dänische Autor Paul Vad einmal schrieb, eine Reise nach Island sei immer auch eine "Wallfahrt zur Literatur". Beginnend mit Reykjavík, der größten und einzigen großen Stadt Islands, führt der isländische Radiojournalist und Moderator Arthúr Bollason den Leser angeregt plaudernd und dorthin und dahin weisend auf sechs literarischen Exkursionen durch sein Land und hält immer wieder inne an den literaturträchtigen Orten, von denen es beinahe so viele zu geben scheint wie Schafe und Islandpferde. Er führt den Leser an der Südküste entlang durch Wüsten- und Gletscherlandschaften, durch den Norden vom Dettifoss bis zum Skagafjörður, entlang der abgeschiedenen Fjorde im Nordwesten und rund um die Halbinsel Snæfellsnes, schließlich in den Südwesten nach Reykholt und Þingvellir. Elfen und Trolle spielen auf dieser Reise wider Erwarten eine eher geringe Rolle, eine beträchtliche dafür die Helden der isländischen Sagas. Da ist zum Beispiel Gunnar von Hlíðarendi, der sein Schwert so schnell schwingen konnte, dass man drei davon in der Luft zu sehen meinte, und der in voller Kampfausrüstung genauso schnell vorwärts wie rückwärts sprang. Oder der ungestalte Skalde Egil, der mit acht Jahren seinen ersten Mord beging und schon im Alter von drei Jahren ein erstes viel bewundertes Gedicht verfasste. Gunnar, Egil und all die anderen herausragenden Gestalten der im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert auf Kalbshaut notierten Sagas sind, so erfährt der Leser, in Island nach wie vor sehr populär, immer noch identifiziert man sich mit ihnen, liebt oder verachtet sie. Nur so sei es übrigens auch zu erklären, dass Hallgerður, der treulosen Frau Gunnars, im Sagaviertel der Hauptstadt keine Straße gewidmet sei. Nach all den Jahrhunderten hat man ihr den Verrat am Ehemann offenbar noch immer nicht verziehen. Natürlich sind Vielfalt und Buntheit der isländischen Literatur und ihre Bezüge zur isländischen Landschaft in einem schmalen Taschenbuch kaum erschöpfend darzustellen, es sind nur Stippvisiten, die der Autor unternimmt, die allermeisten Berge, Buchten, Täler und die sie umrankenden Geschichten müssen unerwähnt bleiben. Aber auch schon nach diesen Kürzesteinblicken würde wohl kaum noch einer bezweifeln wollen, dass "das ganze Land bebt von literarischer Überlieferung", wie wiederum der isländische Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness es einmal beschrieb.

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"Island" von Arthúr Bollason. Erschienen in der Reihe: "Ein Reisebegleiter". Insel Verlag, Frankfurt am Main 2008. 220 Seiten, einige Fotos. Broschiert, 10 Euro.

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Island
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Buchtitel: Island
Buchautor: Bollason, Arthúr

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.06.2009, Nr. 138 / Seite R10

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