Von Sascha Lehnartz
28. Januar 2008 Deutsche-Dissen ist ein übelst angesagter Trendsport. Jedenfalls unter Jugendlichen mit MH. MH steht im Behördendeutsch für Migrationshintergrund. Seit zwei Jugendliche mit türkischem und griechischem MH einen urdeutschen Rentner in der Münchner U-Bahn brutal zusammenschlugen und ihn dabei als Scheiß-Deutscher titulierten, steht die Frage im Raum, ob es mitten in Deutschland Deutschenfeindlichkeit gibt.
Leute, die sich schon heute täglich an den Schnitt- und Bruchstellen der deutschen Gesellschaft von morgen bewegen, neigen dazu, die heikle Frage zu bejahen. Andreas Wolter etwa, Leiter jenes Intensivtäter-Kommissariats in der Berliner Kripo, das für die Bezirke Neukölln und Kreuzberg zuständig ist, sagt, Deutsche fielen tatsächlich in wachsendem Maße inländerfeindlicher Kriminalität zum Opfer. Unter Migranten sei der Wille zur Abgrenzung eindeutig zu spüren. Es existiert das Feindbild des Deutschen in Deutschland, sagt Wolter. Dass Jugendliche, die hier aufgewachsen sind, das so sehen, ist für mich eine erschreckende Erkenntnis. Doch in der arabisch-türkischen Community sei diese Haltung Normalität. Und Wolter fügt hinzu, er frage sich schon, wie wir dahin gekommen sind.
Als Volksverhetzung unter Strafe stellen
Katrin Heisig und Günter Räcke sind Jugendrichter in Berlin und beurteilten die Situation schon im November 2006 ähnlich. Wir stellen bei Gewalttaten seit einiger Zeit eine unverblümte Deutschenfeindlichkeit fest, sagte Heisig damals dem Tagesspiegel. Ihr Richter-Kollege Räcke pflichtete bei: ,Scheiß-Christ', ,Schweinefleisch-Fresser' - das sind Begriffe, die richtig in Mode sind.
Ungeklärt ist bislang, was diese Mode bedeutet. Verrät die vor allem auf den Schulhöfen unserer Problemviertel gepflegte Sprache der dicken Hose tatsächlich eine totalitäre Ideologie oder religiös motivierten Deutschenhass?
Der baden-württembergische Bundesratsminister Wolfgang Reinhart (CDU) meldete sich mit dem Vorschlag, den Fluch Scheiß-Deutscher nach Paragraph 130 des Strafgesetzbuchs als Volksverhetzung unter Strafe zu stellen. Solche Hasstiraden gefährdeten den inneren Frieden. Allerdings richtet sich der Volksverhetzungsparagraph in seiner jetzigen Form nur gegen denjenigen, der zum Hass gegen Teile der Bevölkerung aufstachelt. Noch stellen die Urdeutschen aber den überwiegenden Teil ihrer Bevölkerung. Reinhart begründete seinen Vorstoß mit dem Argument, in manchen Großstadtbezirken hätten sich inzwischen die Mehrheitsverhältnisse umgekehrt.
Beleidigungen als Prozesse der Identitätsbildung?
Dennoch sollte er vielleicht zum Standardwerk der amerikanischen Philosophin Judith Butler greifen (Hass spricht. Zur Politik des Performativen, Suhrkamp Verlag), bevor er seine Gesetzesvorlage formuliert. In dem Buch setzt Mrs. Butler recht hübsch auseinander, dass Worte nicht per se als verhetzend zu definieren sind.
Worte erlangen ihre Bedeutung immer erst durch ihre Geschichte, die Intention des Sprechers und vor allem den Kontext, in dem sie fallen. Für die juristische Bewertung von Hate Speech resultieren daraus kaum lösbare Schwierigkeiten. Man müsste etwa klären, warum Scheiß-Deutscher volksverhetzend wäre, Sau-Preiß hingegen eher nicht.
Dass sich hinter jenen Jugendlichen, die Deutsche verfluchen, Überzeugungstäter verbergen, ist längst nicht ausgemacht. Der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening hält die Annahme gar für vollkommen verrückt. Szenetypisches Vokabular werde in der Debatte überhöht. Beleidigungen, die sich auf Schweinefleisch oder Kartoffeln beziehen, fallen nach Pienings Auffassung unter Prozesse der Identitätsbildung. Vergleichbares lasse sich in Rap-Texten beobachten.
Opferdiskurs wird auf den Schulhöfen verhöhnt
Doch selbst wenn mit solchen Flüchen nur die Identität einer Gruppe gefestigt wird, so schafft jeder beleidigende Sprechakt doch stets auch eine soziale Realität. Man muss deshalb nicht gleich Rassismus schreien, aber eindeutig ist: Dieser Trend fördert nicht gerade die Integration. Er verhärtet die Fronten. Im Scheiß-Deutschen wird der Einzelne als Deutscher isoliert und bekommt stellvertretend Prügel für die herrschende Schicht, die er verkörpert. Auf diese Weise wird er seinerseits von den Ausgegrenzten ausgegrenzt. Oder eben umzingelt. Und am Boden liegend zusammengetreten.
Das war blanker Hass. Woher haben die das?, fragte sich der Münchner Rentner Hubert N., nachdem er das Bewusstsein wiedererlangt hatte. Zur Klärung dieser Frage trägt der beschwichtigende Verweis auf verbale Kraftsportübungen im Rap nichts bei. Abgesehen von Nazi-Rock dürfte kaum etwas so deutlich zur Senkung zivilisatorischer Standards beigetragen haben wie der ressentimentgesättigte Deutsch-Rap (siehe F.A.S. vom 20. Januar 2008) von Getto-Posern wie Fler: Du bist ein Opfer! Kein Player, kein Rapper, kein Mann. Mitleidloses germanisches Gernegroß-Gangsta-Gehabe verbindet sich mit vormodernen orientalischen Überzeugungen und leistet einer Jugendkultur Vorschub, in der es angesagt ist, Opfer herabzuwürdigen, und den Begriff Opfer selbst als Schimpfwort zu verwenden.
Damit provoziert diese Jugend eine politisch korrekte Wiedergutmachungs-Gesellschaft, die Opfer struktureller Gewalt stets erst mit gewissem zeitlichem Abstand anerkennt. Frauen als Opfer von männlicher Gewalt, Schwule als Opfer von Homophoben, Schwarze als Opfer von Rassisten, Behinderte als Opfer von Ausgrenzung - genau dieser Opferdiskurs ist es, der auf den Schulhöfen verhöhnt wird. Mädchen beschimpfen Frauen als Fotze. Als schwul wird inzwischen alles gekennzeichnet, was missfällt (Lesen ist voll schwul), und schwule Sau ist angeblich das beliebteste Schimpfwort unter Schülern.
Deutsche als beliebte Tatziele
All diesen Benennungen ist gemein, dass sie den Schwachen gerade wegen seiner Schwäche verhöhnen. Wer einmal Opfer geworden ist, verdient kein Mitleid mehr, sondern qualifiziert sich lediglich dafür, immer wieder Opfer zu sein. Dass am vorläufigen Ende dieser Entwicklung ausgerechnet die Scheiß-Deutschen erst als Opfer angesprochen und dann zum Opfer gemacht werden, entbehrt nicht der Ironie.
Die Berliner Stadt-Illustrierte Zitty schildert in ihrer jüngsten Ausgabe in beeindruckenden Täter-Opfer-Protokollen unter anderen den Fall des Neuköllners Derrick, ein Achtzehnjähriger ohne Migrationshintergrund. In einer U-Bahn-Station wurde Derrick von drei Jugendlichen mit MH mit dem Satz angemacht: Ey Opfer, was rennst du so? Hast du Schiss vor uns, oder was? Dass Derrick verneinte, half ihm nichts: Wie, du hast keine Angst vor uns? Was denkst du, wer du bist, Scheiß-Kartoffel? Kurz darauf war Derrick seinen MP3-Player, sein Geld und sein Handy los. Immerhin fing er sich nur eine Schelle (Ohrfeige).
Ortskundige Polizisten bieten für derartige Fälle eine lapidare demographische Erklärung: Deutsche seien deshalb beliebte Tatziele, weil für die Angreifer das Risiko gering sei, dass kurz nach der Tat eine große Zahl von Brüdern und Verwandten des Opfers per Faustrecht Entschädigung verlange. Die Zitty zitiert den Neuköllner Täter Serkan mit den Worten: Wenn irgend so ein Zehlendorfer Opfer vorbeiläuft und auch noch dumm guckt - Jackpot. Was interessiert es mich, wenn so eine Kartoffel was aufs Maul bekommt? Hat er wenigstens gelernt, dass er hier nicht mehr rumlaufen soll.
Migranten-Salz in eine offene deutsche Wunde
Interessant daran ist, dass Deutsche, zumindest diejenigen, die Gewalt ablehnen und Konflikte scheuen, von aggressiven Migranten inzwischen in eine Reihe gestellt werden mit verachteten Schwachen: Frauen, Schwulen und Behinderten - mit Opfern eben.
Auf das Ressentiment, das ihnen hier entgegenschlägt, reagieren Deutsche ratlos. Gleichzeitig scheint man die zugewiesene Rolle als Opfer jedoch anzunehmen - darauf weist die hilflose Diskussion der letzten Wochen hin. In einem Land, dessen Bewohner schon tief betroffen sind, sobald man ihnen nachsagt, irgendetwas an ihnen sei typisch deutsch, kann nicht erstaunen, dass es kaum jemand vermag, die Invektive Scheiß-Deutscher gelassen an sich abprallen zu lassen.
Für viele Deutsche ist bereits die Titulierung Deutscher eine Kränkung, bevor irgendjemand das betreffende Adjektiv hinzufügt. Die Anrede Scheiß-Deutscher ist nur eine Handvoll Migranten-Salz in eine offene deutsche Wunde. Niemand hat dieses fehlende Selbstwertgefühl triftiger auf den Punkt gebracht als die linke Wochenzeitung Jungle World. Aus Anlass des Jahrestags der Beendigung des Zweiten Weltkriegs ließ die Redaktion T-Shirts drucken mit dem Motto Deutschland, du Opfer.
Kein gesundes Selbstbewusstsein
Bevor der Deutsche Opfer fremden Hasses werden kann, ist er immer schon Opfer seines Selbsthasses geworden. Seine Nazi-Vergangenheit und neuerdings das wachsende schlechte Gewissen über integrationspolitische Versäumnisse veranlassen manchen, dem Beleidiger im Grunde noch recht zu geben, während dieser ihm auf die Mütze haut.
Diese Haltung führt dann zu eigenartigen Apologie-Bewegungen wie jener, die jugendlichen Täter mit MH könnten gar nicht anders als zuschlagen, weil sie seit Jahr und Tag von deutschen Ex-Nazi-Spießern malträtiert würden.
Das Argument verkennt, dass es diese Täter sind, die sich benehmen, als seien sie von der SA ausgebildet worden. Deutsche wählen sie deshalb als Opfer aus, weil sie diese für verweichlicht halten. Zum Lieblingsopfer wird der Deutsche auch deshalb, weil er kein gesundes Selbstbewusstsein hat. Daher ist er auch nicht in der Lage, eigene Interessen - beispielsweise eine intelligente und schlüssige Integrationspolitik - zu formulieren. Das Resultat ist fehlender Respekt.
Rapper Emok: Zu Kanake für den Job
Gewalt, sagt der französische Kulturanthropologe René Girard, vergisst immer ihre Gründe, wenn derjenige, der den Zorn auslöst und anstachelt, außer Reichweite bleibt. Die Wut sucht sich dann ein Ersatzopfer, einen Sündenbock, der die Wut nur deshalb auf sich zieht, weil er verletzlich ist und gerade greifbar ist.
Es ist schwer zu leugnen, dass gerade die große Mehrheit nichtprügelnder Migranten in Deutschland Gründe hat, wütend zu sein auf eine Gesellschaft, die ihnen Zugang, Aufstiegschancen und Respekt häufig verwehrt. Wie salonfähig die herrschende Rhetorik der Exklusion ist, kam trefflich in Roland Kochs Wahlplakat zum Ausdruck: Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen. Nicht nur Bürgern nichtdeutscher Herkunft, sondern bereits Deutschen mit nicht besonders deutsch klingenden Namen wird vermittelt: Ihr gehört nicht dazu. Ihr seid, wie es der Rapper Emok formuliert, zu Kanake für den Job.
Welch ein Klima solche Kampagnen schaffen, zeigte sich am Freitag in einer Verhandlung vor dem Kölner Familiengericht. Da erklärte der Richter einer iranischstämmigen deutschen Anwältin und ihrer eingebürgerten Mandantin sinngemäß, sie hätten hier eigentlich nichts zu suchen, und Roland Koch habe ganz recht, man solle Ausländer wieder dahin schicken, wo sie hergekommen seien.
Auch das ist Alltag in Deutschland. Das rechtfertigt Gewalttaten nicht im Geringsten, aber es erklärt manche spontane Entgleisung. Und lässt ahnen, warum mancher Zugewanderte sich gelegentlich des Eindrucks nicht erwehren kann, er habe es mitunter auch mit Scheiß-Deutschen zu tun.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, REUTERS
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