F.A.Z.-Leseprobe: Folge 3

Der Weg zu einem gewandelten Geist

Von Maryanne Wolf

24. September 2009 Der allgemeine Tenor dieses Buches wird eher biologischer und kognitiver als kulturhistorischer Art sein. Innerhalb dieses Kontextes entspricht die Schöpferkraft des Lesens der grundlegenden Plastizität in den Verschaltungen unseres Gehirns - beide erlauben uns, über die speziellen Gegebenheiten hinauszugehen. Die reichhaltigen Assoziationen, Schlussfolgerungen und Erkenntnisse, die aus dieser Fähigkeit erwachsen, ermöglichen uns, ja, laden uns dazu ein, jenseits des spezifischen Inhalts einer Lektüre neue Gedanken zu formen. In diesem Sinne kann man davon sprechen, dass das Lesen die Gabe des Gehirns zu kognitiven Durchbrüchen widerspiegelt und nachahmt. Proust sagte all dies weitgehend, wenn auch indirekt, als er mit eindringlichen Worten die Fähigkeit des Lesens beschrieb, uns zu eigenen Gedanken herauszufordern.

„Wir spüren genau, daß unsere Weisheit dort beginnt, wo die des Autors endet, und wir möchten, daß er uns Antworten gibt, während er uns doch nur Wünsche geben kann. Und diese Wünsche kann er nur in uns erwecken, indem er uns die erhabenste Schönheit betrachten läßt, die zu erreichen ihm die höchste Anstrengung seiner Kunst ermöglicht hat. Doch durch ein … Gesetz (ein Gesetz, das vielleicht bedeutet, daß wir die Wahrheit von niemand erhalten können, daß wir sie selbst schaffen müssen) erscheint uns das Ende ihrer Weisheit nur als der Anfang der unsrigen.“

Prousts Auffassung von der kreativen Kraft des Lesens birgt ein Paradox: Das Ziel des Lesens ist es, über die Ideen des Autors hinweg zu Gedanken zu gelangen, die zunehmend autonom, transformativ und letztlich unabhängig von dem geschriebenen Text sind. Von den ersten stockenden Versuchen eines Kindes an, Buchstaben zu entziffern, ist die Leseerfahrung weniger ein Ziel in sich, sondern unser bester Weg zu einem gewandelten Geist sowie - im wörtlichen und übertragenen Sinne - zu einem anderen Gehirn. Letztlich bieten uns die durch das Lesen hervorgerufenen biologischen und intellektuellen Veränderungen ein bemerkenswertes Forschungsobjekt zur Untersuchung unseres Denkens. (...)

Wir beginnen in Sumer, Ägypten und Kreta; dort findet man die immer noch mysteriösen Anfänge der Schriftsprache in der sumerischen Keilschrift, den ägyptischen Hieroglyphen und einigen kürzlich entdeckten protoalphabetischen Schriften. Jede von unseren Vorfahren erfundene Hauptform der Schrift stellte geringfügig andere Anforderungen an das Gehirn, und dies erklärt möglicherweise, warum über 2000 Jahre zwischen diesen frühesten bekannten Schriftsystemen und dem bemerkenswerten, nahezu vollkommenen Alphabet vergingen, das die alten Griechen entwickelten. Im Wesentlichen spiegelt das Alphabetprinzip die grundlegende Einsicht wider, dass jedes Wort der gesprochenen Sprache aus einer begrenzten Gruppe einzelner Laute besteht, die durch eine begrenzte Gruppe einzelner Buchstaben repräsentiert werden können. Dieses scheinbar so simpel klingende Prinzip war absolut revolutionär, als es aufkam, denn mit ihm eröffnete sich die Möglichkeit, jedes gesprochene Wort jeder einzelnen Sprache schriftlich festzuhalten.

Warum Sokrates all seine legendären rhetorischen Fähigkeiten gegen das griechische Alphabet und den Erwerb der Fähigkeit zu lesen und zu schreiben aufbot, ist eine der großen, unvollendeten Geschichten in der Historie des Lesens. Mit Worten, die aus heutiger Sicht vorausschauende Treffsicherheit verrieten, beschrieb Sokrates, was der Menschheit mit dem Übergang von der mündlichen zur schriftlichen Kultur verloren ginge. Sein Protest - und die Stumme Rebellion Platons, indem er jedes Wort aufzeichnete - sind heute von einschneidender Bedeutung, da wir und unsere Kinder unseren eigenen Übergang von einer Schriftkultur zu einer Kultur vollziehen, die zunehmend von visuellen Symbolen und massiven Strömen digitaler Information geprägt ist.

Wie das junge Gehirn lesen lernt und wir uns dadurch im Laufe unseres Lebens verändern

Zwischen der Geschichte unserer schreibenden Spezies und dem Leseerwerb beim Kind bestehen mehrere denkwürdige Verbindungen. Während erstens unsere Spezies rund 2000 Jahre bis zu dem kognitiven Durchbruch benötigte, den das Lesen mit einem Alphabet erforderte, müssen unsere Kinder heute zu den gleichen Erkenntnissen in rund 2000 Tagen gelangen. Die zweite Verbindung betrifft die evolutionären und erzieherischen Begleiterscheinungen einer „Umstrukturierung“ des Gehirns, um Lesen zu lernen.

Wenn es keine Gene speziell für das Lesen gibt und wenn unser Gehirn ältere Strukturen für Sehen und Sprechen verknüpfen muss, um sich diese neue Fertigkeit anzueignen, wartet auf jedes Kind in jeder neuen Generation eine Menge Arbeit. Der Kognitionswissenschaftler Steven Pinker hat es ausdrucksvoll beschrieben: „Kinder besitzen von Natur aus Verdrahtungen für Laute, doch die Schriftsprache ist ein optionales Zubehör, das mühsam angeschraubt werden muss.“ Um diesen unnatürlichen Prozess erfolgreich in Gang zu setzen, brauchen Kinder eine Lernumgebung, die ihnen all das Material liefert, das im Gehirn fürs Lesen zu verschrauben ist. Eine solche Sichtweise weicht von den derzeit gebräuchlichen Lehrmethoden ab, die sich großenteils auf nur ein oder zwei wichtige Komponenten des Lesens konzentrieren.

Um die Entwicklungsperiode vom Säugling bis zum jungen Erwachsenen zu verstehen, muss man mit der gesamten Bandbreite der Schaltelemente im lesenden Gehirn sowie mit ihrer Entwicklung vertraut sein. Überdies ist es notwendig, die Geschichte zweier Kinder zu erzählen, die sich beide Aberhunderte von Wörtern, Tausende Begriffe und Zehntausende auditorischer und visueller Wahrnehmungen aneignen müssen. Diese sind das Rohmaterial für die Hauptkomponenten des Lesens. Dennoch wird großenteils aufgrund ihrer Umwelt das eine Kind diese grundlegende Ausstattung erwerben und das andere nicht. Ohne dass sie selbst etwas dafür könnten, werden die Bedürfnisse Tausender Kinder Tag für Tag missachtet.

Lesen lernen beginnt, wenn man zum ersten Mal ein Baby auf den Schoß nimmt und ihm eine Geschichte vorliest. Der spätere Leseerfolg hängt zu einem erheblichen Maße davon ab, wie oft dies in den ersten fünf Jahren der Kindheit geschieht oder auch nicht geschieht. Unsere Gesellschaft zerfällt unmerklich in zwei nur selten hinterfragte Klassen - in der einen sind Familien, die ihren Kindern eine Umgebung mit reichlich Kontakt zu gesprochener und geschriebener Sprache bieten, in der anderen, mit fließenden Übergängen, sind Familien, die dies nicht leisten oder leisten können.

Einer wichtigen Studie zufolge besteht schon im Kindergartenalter eine Kluft von 32 Millionen Wörtern Input zwischen Kindern mit dürftiger sprachlicher Stimulation in ihrer Familie und ihren besser versorgten Altersgenossen. Anders gesagt, hat ein durchschnittliches fünfjähriges Mittelschichtkind in seinem Umfeld 32 Millionen gesprochene Wörter mehr gehört als ein gleichaltriges unterprivilegiertes Kind. Kindergartenanfänger, die bereits Tausende Wörter gehört und verwendet und deren Bedeutung verstanden, klassifiziert und in ihrem jungen Gehirn gespeichert haben, sind auf dem Spielfeld der Bildung klar im Vorteil. Kinder, denen nie eine Geschichte vorgelesen wurde, die nie Wörter hören, die sich reimen, die sich nie ausmalen, gegen Drachen zu kämpfen oder einen Königssohn zu heiraten, haben die weitaus schlechteren Karten. Das Wissen über die Vorstufen des Lesens kann helfen, diese Situation zu ändern.

Dank bemerkenswerter neuer Technologien können wir nun sehen, was passiert, wenn beim Erwerb des Lesens alles glatt läuft. Wir verfolgen den Weg eines Kindes vom Entziffern eines Wortes wie Katze zum scheinbar mühelosen Verstehen von Ausdrücken wie eine schnurrende Kreatur auf Samtpfoten namens Mephistopheles. Wir entdecken eine Sequenz vorhersagbarer Phasen, die ein Mensch in seinem Leben durchläuft; diese verdeutlichen, wie sehr sich das Gehirn eines Leseanfängers in seinen Schaltkreisen und Bedürfnissen von dem eines versierten Lesers unterscheidet, der sich in den komplexen Welten von Moby Dick, Krieg und Frieden und Texten über Ökonomie zurechtfindet.

Mithilfe unserer wachsenden Kenntnisse über den allmählichen Erwerb der Lesefähigkeit können wir einige typische unnötige Misserfolge in diesem Prozess besser vorhersagen, abschwächen und verhindern. Heute wissen wir so viel über die Komponenten des Lesens, dass wir nicht nur fast alle Kindergartenkinder identifizieren können, bei denen die Gefahr einer Lernschwäche besteht, sondern auch in der Lage sind, den meisten Kindern Lesen beizubringen. Genau dieses Wissen hebt auch die Dinge hervor, die wir an der Errungenschaft des lesenden Gehirns nicht verlieren wollen - nun, da das digitale Zeitalter beginnt, neuartige Anforderungen an das Gehirn zu stellen.

(...) Was geht so vielen jungen Menschen verloren und was gewinnen sie, wenn sie ihre Bücher großenteils durch die multidimensionale Internetkultur mit ihrer „stetigen geteilten Aufmerksamkeit“ (continuous partial attention) ersetzen? Was sind die Folgen eines scheinbar unbegrenzten Informationsflusses für die Evolution des lesenden Gehirns und für uns als Spezies? Bedroht die schnelle, nahezu unmittelbare Präsentation weit gestreuter Informationen den zeitaufwändigeren Erwerb fundierten Wissens? Vor kurzem fragte Edward Tenner, der sich mit dem Thema Technologien beschäftigt, ob Google eine Form des Informations-Analphabetismus fördere und ob eine solche Lernmethode ungewollte negative Konsequenzen haben könne: „Es wäre eine Schande, wenn brillante Techniken letztendlich genau die Art von Intellekt bedrohen würden, die sie hervorgebracht hat.“

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Buchtitel: Das lesende Gehirn
Buchautor: Maryanne Wolf

Text: Copyright: Spektrum Verlag

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