F.A.Z.-Leseprobe: Folge 1

Wie uns das Lesen verändert

Von Maryanne Wolf

Wir wurden nicht als Leseratten geboren. Die Menschen erfanden das Lesen erst vor ein paar tausend Jahren. Und mit dieser Erfindung setzten wir eine Umstrukturierung unseres Gehirns in Gang, die uns ihrerseits zuvor ungekannte Denkweisen eröffnete, was wiederum die geistige Evolution unserer Spezies in neue Bahnen lenkte. Das Lesen gehört zu den bemerkenswertesten Einzelerfindungen der Geschichte; nicht zuletzt ermöglichte es die Geschichtsschreibung. Zu dieser Erfindung waren unsere Urahnen nur deshalb in der Lage, weil das menschliche Gehirn die außerordentliche Fähigkeit besitzt, zwischen seinen bestehenden Strukturen neue Verbindungen auszubilden, oder, anders gesagt, weil es durch Erfahrungen formbar ist. Auf dieser charakteristischen Plastizität beruht ein Großteil dessen, was wir sind und was vielleicht aus uns werden wird.

Dieses Buch erzählt die Geschichte des lesenden Gehirns vor dem Hintergrund unserer voranschreitenden geistigen Evolution. Diese Geschichte verändert sich vor unseren Augen und unter unseren Händen. In den nächsten Jahrzehnten wird unsere Kommunikationsfähigkeit einen Wandel erfahren; wir werden neue Verbindungen in unserem Gehirn ausbilden, die unsere geistige Entwicklung auf bisher ungekannte Weise und in eine neue Richtung vorantreiben. Gerade heute, wo sich der Übergang vom lesenden zu einem zunehmend digital geprägten Gehirn vollzieht, ist es besonders wichtig zu wissen, was Lesen von unserem Gehirn fordert und welchen Anteil es an unserer Fähigkeit hat, zu denken, zu fühlen, Schlüsse zu ziehen und andere Menschen zu verstehen. Wenn wir begreifen, wie sich die Evolution des Lesens vollzogen hat, wie ein Kind lesen lernt und wie das Lesen seine biologischen Voraussetzungen im Gehirn modifiziert, sehen wir unsere wunderbare Komplexität als lesende Spezies in einem ganz neuen Licht. Und wir erkennen deutlich, was in der Evolution menschlicher Intelligenz bald geschehen könnte und welche Möglichkeiten wir vielleicht haben, diese Zukunft zu beeinflussen.

Dieses Buch umspannt drei Wissensbereiche: die frühe Entwicklungsgeschichte der lesenden Spezies Mensch, von der Zeit der Sumerer bis Sokrates, den individuellen Lebenszyklus des Menschen, der seine Lesefähigkeit mit den Jahren immer weiter verfeinert, sowie die persönlichen und wissenschaftlichen Implikationen der Unfähigkeit, lesen zu lernen. In ihrer Gesamtheit führen uns diese Erkenntnisse vor Augen, welch großartige Leistung wir als die Spezies vollbracht haben, die liest, Aufzeichnungen vornimmt und über das, was vorher war, hinausgeht, und sie lenken unser Augenmerk auf das, was es zu bewahren gilt.

Zudem beschert uns dieser historische und evolutionäre Blick auf das lesende Gehirn auch etwas weniger Offensichtliches. Er bietet uns einen sehr alten und zugleich ganz neuen Ansatz für die Methode, wie wir die grundlegenden Aspekte des Lesevorgangs anderen Menschen beibringen können - sowohl denen, deren Gehirne unmittelbar dafür bereit sind, als auch denen, deren Gehirne möglicherweise etwas anders organisiert sind, wie etwa bei der Leseschwäche, die man als Legasthenie bezeichnet. Diese ganz individuell verdrahteten Systeme zu verstehen - deren Anordnung von einer Generation zur anderen über die Anweisungen in unseren Genen verschafft uns unerwartete Einblicke, deren Bedeutung wir gerade erst zu erfassen beginnen.

Über die drei Teile des Buches hinweg lässt sich gewissermaßen als roter Faden verfolgen, wie das Gehirn es überhaupt anstellt, etwas Neues zu lernen. Kaum etwas eignet sich so gut zur Illustration der verblüffenden Fähigkeit des Gehirns, sich für den Erwerb einer neuen geistigen Funktion umzustrukturieren, wie der Akt des Lesens. Das Gehirn kann lesen lernen, weil es in der Lage ist, neue Verbindungen zwischen Strukturen und Schaltkreisen herzustellen, die ursprünglich für fundamentalere und evolutionär ältere Hirnprozesse, wie Sehen oder Sprechen, zuständig waren. Wir wissen heute, dass Gruppen von Neuronen jedes Mal, wenn wir uns eine neue Fertigkeit aneignen, untereinander neue Verbindungen und Bahnen ausbilden. Informatiker verwenden den Begriff „offene Architektur“ für ein System, das so flexibel ist, dass es sich den jeweils verlangten Erfordernissen durch Änderung oder Umstrukturierung anpassen kann. Innerhalb der Grenzen unseres genetischen Erbes bietet unser Gehirn ein schönes Beispiel offener Architektur. Dank dieses Designs sind wir mit einem Programm versehen, das uns befähigt, die uns von der Natur verliehene Ausstattung so zu verändern, dass wir unsere Kapazitäten erweitern können. Wir scheinen alle geborene Pioniere zu sein.

Demnach unterliegt das lesende Gehirn einer höchst fruchtbaren wechselseitigen Dynamik. Lesen kann man nur lernen, weil das Gehirn so formbar ist, und beim Lesen wird das Gehirn des betreffenden Individuums unwiderruflich - physiologisch wie auch intellektuell - verändert. Auf der neuronalen Ebene beispielsweise nutzt eine Person, die Chinesisch lesen lernt, eine ganz bestimmte Gruppe neuronaler Verbindungen, die sich von den Nervenbahnen, die beim Lesen von Englisch aktiviert werden, signifikant unterscheiden. Wenn sich chinesische Leser zum ersten Mal daran machen, Englisch zu lesen, versucht ihr Gehirn, chinesisch-basierte Nervenbahnen zu nutzen.

Dass die Chinesen gelernt haben, chinesische Schriftzeichen zu lesen, hat ihr lesendes Gehirn buchstäblich geformt. Entsprechend beruhen auch viele unserer Denkweisen und -inhalte auf Erkenntnissen und Assoziationen, die wir beim Lesen gewonnen haben. So bemerkt der Autor Joseph Epstein: „Die Biographie einer Person, die des Lesens und Schreibens kundig ist, sollte sich ausführlich damit beschäftigen, was sie wann gelesen hat, denn in gewisser Weise sind wir, was wir lesen.“ Diese beiden Dimensionen der Entwicklung und Evolution des lesenden Gehirns - die persönlich-intellektuelle und die biologische - werden selten zusammen betrachtet. Doch genau das eröffnet uns entscheidende und großartige Einsichten.

In diesem Buch ziehe ich den berühmten französischen Schriftsteller Marcel Proust als Metapher und den weitgehend unterschätzten Tintenfisch als Analogie für zwei völlig verschiedene Aspekte des Lesens heran. Proust betrachtete das Lesen als eine Art geistige „Zuflucht“, die den Menschen Zugang zu Tausenden verschiedener Wirklichkeiten bietet, welche sie sonst niemals kennenlernen oder verstehen würden. Jede dieser neuen Wirklichkeiten kann das geistige Leben der Leser verwandeln, ohne dass sie je ihren behaglichen Ohrensessel verlassen müssten.

In den 1950er-Jahren erforschten Wissenschaftler am langen zentralen Axon des scheuen, aber schlauen Tintenfisches, wie Neuronen feuern und sich Informationen übermitteln, und in einigen Fällen auch, wie Neuronen repariert oder kompensiert werden, wenn etwas schiefgeht. Heute untersuchen kognitive Neurowissenschaftler mit anderen Methoden, wie verschiedene kognitive (oder mentale) Prozesse im Gehirn ablaufen. Im Rahmen dieser Forschungen liefert der Lesevorgang ein Paradebeispiel für eine erst vor kurzem erworbene kulturelle Errungenschaft, die den bestehenden Hirnstrukturen eine neue Art von Leistung abverlangt. Zu untersuchen, was das menschliche Gehirn beim Lesen vollbringen muss und auf welch raffinierte Weise es sich dabei erschwerten Bedingungen anpasst, ähnelt der Erforschung des Tintenfisches in den Anfängen der Neurowissenschaft.

Prousts Zuflucht und der Tintenfisch der Wissenschaft stehen für komplementäre Wege, die unterschiedlichen Dimensionen des Lesevorgangs zu erfassen. Um den in diesem Buch verfolgten Ansatz konkret zu verdeutlichen, lade ich Sie ein, zwei von Prousts buchstäblich atemberaubenden Sätzen aus seinem Buch Tage des Lesens, so schnell Sie können, zu lesen.

„Es gibt vielleicht keine Tage unserer Kindheit, die wir so voll erlebt haben
wie jene, … die wir mit einem Lieblingsbuch verbracht haben. Alles, was
sie, wie es schien, für die andern erfüllte und was wir wie eine vulgäre
Unterbrechung eines göttlichen Vergnügens beiseiteschoben: das Spiel, zu
dem uns ein Freund bei der interessantesten Stelle abholen wollte; die
störende Biene oder der lästige Sonnenstrahl, die uns zwangen, den Blick
von der Seite zu heben oder den Platz zu wechseln; die für die Nachmittagsmahlzeit
mitgegebenen Vorräte, die wir unberührt neben uns
auf der Bank liegen ließen, während über unserm Haupt die Sonne am
blauen Himmel unaufhaltsam schwächer wurde; das Abendessen, zu dem
wir zurück ins Haus mussten, und während dessen wir nur daran dachten,
sogleich danach in unser Zimmer hinaufzugehen, um das unterbrochene
Kapitel zu beenden, all das, worin unser Lesen uns nur Belästigung hätte
sehen lassen müssen, grub im Gegenteil eine so sanfte Erinnerung in uns
ein (die nach unserm heutigen Urteil um so vieles kostbarer ist als das, was
wir damals mit Hingabe lasen), dass, wenn wir heute manchmal in diesen
Büchern von einst blättern, sie nur noch wie die einzigen aufbewahrten
Kalender der entflohenen Tage sind, und es mit der Hoffnung geschieht,
auf ihren Seiten die nicht mehr existierenden Wohnstätten und Teiche
sich widerspiegeln zu sehen.

Machen Sie sich zuerst bewusst, was Sie beim Lesen dieses Abschnitts gedacht haben, und versuchen Sie dann, genau zu analysieren, was Sie beim Lesen getan haben - zum Beispiel, wie Sie begonnen haben, Proust mit anderen Gedanken zu verknüpfen. Wenn es Ihnen gegangen ist wie mir, dann hat Proust in Ihnen tief verborgene Erinnerungen an Bücher heraufbeschworen - die geheimen Orte, an denen Sie ungestört von Geschwistern und Freunden schmökern konnten, das Herzklopfen und die Gänsehaut, die Ihnen Margaret Mitchell, Mark Twain und Karl May bereitet haben, das gedämpfte Licht der Taschenlampe unter der Bettdecke, das Ihre Eltern hoffentlich nicht bemerken würden. Das ist Prousts Lesezuflucht und es ist auch unsere. Dort erlebten wir zum ersten Mal, wie es war, selbstvergessen Mittelerde, Liliput und Narnia zu durchstreifen. Dort schlüpften wir zum ersten Mal in die Haut von Gestalten, denen wir niemals begegnen würden - Prinzen und Bettlern, Drachen und Jungfrauen, Indianerhäuptlingen und einem deutsch-jüdischen Mädchen, das sich auf einem niederländischen Dachboden vor den Nazisoldaten versteckte.

Man sagt, dass sich Machiavelli zuweilen auf eine Lektüre vorbereitete, indem er sich gemäß der Epoche des jeweiligen Autors kleidete und dann für sie beide den Tisch decken ließ. Das war seine Respektbezeugung für die Gabe des Autors und möglicherweise ein Zeichen dafür, dass Machiavelli die von Proust beschriebene Art von Begegnung ähnlich wie dieser empfand. Beim Lesen können wir unser eigenes Bewusstsein verlassen und in das Bewusstsein einer anderen Person, eines anderen Zeitalters, einer anderen Kultur eindringen. Dieses „Hinüberwechseln“, ein von dem Theologen John Dunne verwendeter Begriff, beschreibt den Prozess, über den uns das Lesen erlaubt, die völlig andere Perspektive einer anderen Person auszuprobieren, uns damit zu identifizieren und sie schließlich für eine kurze Zeit anzunehmen. Wenn wir „hinüberwechseln“ und wie ein Ritter denken, wie ein Sklave fühlen, wie eine Heldin handeln und wie ein Bösewicht seine Missetaten bereuen oder verleugnen, werden wir nie wieder sein wie zuvor. Manchmal sind wir inspiriert, manchmal traurig, aber immer fühlen wir uns bereichert.

Durch diese Konfrontation erfahren wir zugleich die Gewöhnlichkeit und die Einzigartigkeit unserer eigenen Gedanken - wir sind Individuen, aber nicht allein. In dem Moment, in dem das geschieht, werden wir nicht länger durch die Grenzen unseres eigenen Denkens eingeschränkt. Wo auch immer sie verlaufen - nun werden unsere ursprünglichen Grenzen herausgefordert, infrage gestellt und nach und nach verschoben. Ein immer stärkeres werdendes Gefühl des „Anderen“ beeinflusst, wer wir sind, und verwandelt unser wirkliches und, vor allem bei Kindern, unser imaginäres Selbst.

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