Einkommensverteilung

Die Mittelschicht schrumpft

Von Philipp Krohn

Deutsche Reihenhaussiedlung: In der Mittelschicht wachsen die Sorgen

Deutsche Reihenhaussiedlung: In der Mittelschicht wachsen die Sorgen

25. Juli 2008 Bricht in Deutschland die Mitte weg? Drohen Normalverdiener zu verarmen? Und: Wird die Einkommensschere immer weiter aufgehen? Seit Monaten werden besorgt diese Fragen gestellt. Medien präsentieren Absteiger, die einen scheinbar unaufhaltsamen Trend beschreiben. Unter den politischen Parteien wächst die Bereitschaft, die alte Pendlerpauschale wieder einzuführen und gegen die kalte Steuerprogression vorzugehen. Die Sensibilität für die Mittelschicht nimmt offenkundig zu. Aufgeschreckt hat viele ein Bericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus dem März.

Er legte offen, dass zwischen den Jahren 2000 und 2006 der Anteil der mittleren Einkommensbezieher an der Gesamtbevölkerung von 62 auf 54 Prozent sank. Die Gruppe derer, die zwischen 70 und 150 Prozent des Medianeinkommens verdienten, schrumpfte demnach um 5,5 Millionen auf 44,1 Millionen Menschen. Der Median teilt die erhobenen Daten bei 50 Prozent der Befragten, 2006 betrug das jährliche Medianeinkommen 16.243 Euro. Die untere Einkommensgruppe wuchs gleichzeitig um 7 Prozentpunkte auf 25,4 Prozent, die höhere nur um 2 Punkte auf 22 Prozent.

Keine deutsche Besonderheit

Die Studie beschreibt die Situation 2005 - also in dem Jahr, als die Arbeitslosigkeit am höchsten war und die Arbeitsmarktreformen noch nicht gefruchtet hatten. „Die Integration in den Arbeitsmarkt ist der entscheidende Faktor für diese Entwicklung“, sagt Joachim Frick, einer der Autoren der Studie. Neuere Zahlen deuteten zwar darauf hin, dass die Mittelschicht wieder wachse, weil im Aufschwung neue Arbeitsplätze entstanden sind. Trotzdem stehe sie weiter unter Druck.

Dieser Trend ist keine deutsche Besonderheit, sagt Timothy Smeeding von der Syracuse Universität in New York. In internationalen Einkommensvergleichen hat er festgestellt, dass die Ungleichheit seit Ende der siebziger Jahre in allen Industriestaaten wächst. Wichtigster Grund: der technische Wandel. „Die Arbeit von Unqualifizierten wird ersetzt, die von Hochqualifizierten ist mehr wert“, sagt Smeeding. Wer gefragt ist, kann Forderungen stellen, dem Rest droht Jobverlagerung.

Der Zugang zur Mitte stagniert

Dennoch haben es selbst gut ausgebildete Arbeitnehmer in einer bestimmten Altersgruppe schwerer als ihre Vorgänger, in die Mittelschicht aufzusteigen, hat Martin Werding vom Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo in München festgestellt. Anders als das DIW hat er die Mittelschicht nicht anhand der Einkommen definiert. Er zählt alle Arbeitnehmer dazu, die mindestens einen Realschulabschluss und eine Berufsausbildung haben und als Leiter oder Fachreferent im Dienstleistungssektor arbeiten. Diese Gruppe sei von Mitte der achtziger bis Mitte der neunziger Jahre von 32 auf 49 Prozent der Erwerbstätigen gewachsen.

Danach hat der Zugang in die Mitte stagniert, seit 2000 wird die Gruppe wieder kleiner. „Wer seither neu auf den Arbeitsmarkt kommt, braucht länger, um eine gute Position zu bekommen“, sagt Werding. Als Beispiele nennt er die sogenannte Generation Praktikum und hochqualifizierte Frauen, deren Aufstieg gebremst werde. „Dadurch wird das Signal ausgesandt, dass sich Bildung nicht so sehr lohnt, wie oft behauptet wird“, sagt der Münchener Ökonom.

Abstiegsängste übertrieben

„Wenn der Kern der Wissensgesellschaft nicht mehr wächst, sinken die Mobilitätschancen. Der Aufstieg von unten nach oben wird schwieriger“, sagt Stefan Hradil, Soziologe an der Universität Mainz. Nach seiner Beobachtung wird das Leben für die Mittelschicht turbulenter. Das Sicherheitsbedürfnis in Deutschland führe aber dazu, dass Abstiege als ungerecht empfunden würden, sagt Hradil. „Hartz IV hat das verschärft, weil die Fallhöhe für einen Angestellten sehr viel größer geworden ist.“

Allzu große Abstiegsängste seien aber übertrieben - darin sind sich die Wissenschaftler einig. Immer noch liegt die Arbeitslosenquote in der dienstleistenden Mittelschicht bei 4 Prozent. „Das Zugangsproblem für Akademiker wird zudem durch die Demographie gelöst“, sagt der Soziologe Stefan Hradil. Fachkräfte werden künftig noch mehr gesucht sein, ihre Aufstiegschancen verbessern sich.

„Eine Verelendung ist absolut nicht zu erkennen“, sagt auch Meinhard Miegel vom Denkwerk Zukunft. In einer Studie hat er dieselben Zahlen untersucht wie das DIW. Von den 4,1 Millionen zusätzlichen Personen in der untersten Einkommensgruppe haben demnach 2,9 Millionen einen Migrationshintergrund, und 0,8 Millionen sind alleinerziehend. „Wären diese Bevölkerungsgruppen genauso in den Arbeitsmarkt integriert wie die übrige Bevölkerung, hätten wir das Problem nicht“, sagt Miegel. Gegen das Schrumpfen der Mittelschicht helfe deshalb nur eine gezielte Arbeitsmarktpolitik für Zuwanderer und Alleinerziehende.

Schlechte Aussichten für Migranten

„Das Kernproblem ist die mangelnde Durchlässigkeit in die Mittelschicht“, sagt Renate Köcher vom Forschungsinstitut Allensbach, die in einer aktuellen Studie die Einstellungen in den unterschiedlichen Einkommensschichten untersucht hat. Sozialer Aufstieg sei auch für die Unterschicht weiter ein wichtiges Ziel. Die frühe Auswahl in der Schule verhindere ihn aber für viele Menschen mit Migrationshintergrund. „Wenn 20 Prozent der Bevölkerung keinen vernünftigen beruflichen Abschluss haben, entspricht das ziemlich genau unserer künftigen Armutsrisikoquote“, sagt Gert Wagner vom DIW. Die Armutsrisikoquote gibt den Anteil derer an, die weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens verdienen. Bessere Bildung sei kein Patentrezept, aber der einzige Ausweg aus diesem Problem, sagt Wagner.

Aufstiege ohne geeignete Qualifikationen werde es immer weniger geben, meint auch der Soziologe Stefan Hradil. Nach dem Zweiten Weltkrieg hätten Geburtsprivilegien noch eine geringere Rolle gespielt als heute. Aber schon damals habe Helmut Schelsky übertrieben, wenn er Deutschland als eine nivellierte Mittelstandsgesellschaft beschrieben habe, sagt Hradil. Wie Untersuchungen des britischen Ökonomen Anthony Atkinson zeigen, ging auch in den fünfziger und sechziger Jahren die Einkommensschere auseinander. Dass das auch heute wieder so sei, müsse nicht beunruhigen, sagt sein amerikanischer Kollege Timothy Smeeding: „Wenn Menschen mehr Geld verdienen können, ist das kein Problem. Aber wie man die unterste Einkommensgruppe davon abhält, weiter zu fallen, ist eine Schlüsselfrage des 21. Jahrhunderts.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: DIETER RÜCHEL, F.A.Z. - DIW

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