Von Christoph Hein, Singapur

Kaum schwanken die Aktienkurse heftig, wird die bange Frage laut: Der Anfang einer neuen Asienkrise?
04. Juni 2008 Die Sorgen um die Weltregion mit den höchsten Wachstumsraten nehmen zu. Immer lauter warnen Analysten vor einem Einbruch in Asien. Hohe Ölpreise, überschießende Inflationsraten, ein schnell fallender Handelsüberschuss und die Angst vor einem Nachfragerückgang in Amerika mischen sich zu einem gefährlichen Gebräu. Die wachsenden Probleme des bisherigen Hoffnungsträgers Vietnam legen die Herausforderungen offen. Das Gespenst einer abermaligen asiatischen Wirtschaftskrise wird offen diskutiert.
Der Aufschwung in Asien endete im Sommer 1997 schlagartig mit der erzwungenen Freigabe des Wechselkurses des thailändischen Baht. In einer Kettenreaktion fielen Währungen und Kurse, das Ausland zog massiv Geld aus Asien ab, viele Menschen verarmten. Derzeit pendeln die Regierungen der Region zwischen dem Anheizen des Wachstums durch niedrige Zinsen und der Bekämpfung steigender Inflationsraten. Die Politik erwartete ein stärkeres Abschwächen der Nachfrage. Dies hätte die Inflation gebremst und den Zentralbankern damit erspart, die Geldpolitik anzuziehen. Daraus aber wird nichts. Die Geldpolitik in Asien ist viel zu locker, die Zentralbanken müssen eine Menge Boden zurückgewinnen, warnt Robert Prior Wandesforde von der Bank HSBC Holdings in Singapur.
Last auf Schultern von Staat und Steuerzahler
Eine Reihe asiatischer Staaten bemühen sich, die Zinsen nicht zu sehr anzuheben, sondern die Inflation für ihre Bürger durch Subventionen und Preisobergrenzen für wichtige Bedarfsgüter zu mildern. Damit wälzen sie die Last auf Staatshaushalt und Steuerzahler ab. Zugleich wird die Handelsbilanz durch die stabile Nachfrage etwa nach Treibstoff trotz steigender Einkaufspreise weiter belastet. Der Handelsüberschuss Asiens fällt wie ein Stein. Ohne China gerechnet, hat er zwischen Januar und März 30 Milliarden Dollar verloren. Geht es so weiter, wird aus dem Überschuss bis Juni ein Defizit, warnte Robert Subbaraman von der Bank Lehman Brothers am Dienstag.
Zudem werden private Anbieter durch die regulierten Preise aus dem Markt gedrängt: Gerade erst schloss der indische Reliance-Konzern Hunderte Tankstellen, weil er mit den subventionierten Treibstoffpreisen staatlicher Ölgesellschaften nicht mithalten kann.
Nahrungsmittel doppelt so teuer
Vor einem Dominoeffekt in Asien warnt Peter Redward, Zinsfachmann von Barclays Capital. Ausgangspunkt der Sorgen ist der hohe Ölpreis, der die Geldentwertung treibt. Beispiel Vietnam: Der Mekongstaat verzeichnete im Mai eine Teuerungsrate von 25,2 (April: 21,4) Prozent. Im vergangenen Jahr hatte die Inflationsrate gerade einmal 7,9 Prozent betragen. Für das Gesamtjahr sagt die Regierung nun aber selber schon 22 Prozent voraus.
Allein die Nahrungsmittelpreise lagen im Mai 42 Prozent über dem Vergleichswert des Vorjahres. Die Strafe folgt auf dem Fuß: Die Kreditbewertungsagentur Fitch Ratings stufte Vietnams Ausblick von stabil auf negativ herunter. Daraufhin verlor der Dong an Wert gegenüber dem amerikanischen Dollar, der Aktienmarkt brach seit Jahresbeginn um fast 60 Prozent ein. Die Investmentbank Morgan Stanley hat nun eine Währungskrise für Vietnam vorausgesagt.
Wachstumsaussichten schwinden
Vietnam steht nicht allein da. Namentlich die Philippinen, Südkorea, aber auch Indien ringen mit ähnlichen Problemen. Die hohen Ölpreise belasten die Leistungsbilanz und den Außenwert der Währungen. Mit den fallenden Währungen steigt die Inflation über den Import. Die Zentralbanken müssen die Zinsen anheben. Damit aber wird das so wichtige Wachstum gedämpft - und dies in Zeiten, wo der Export nach Amerika sowieso unsicher ist. Zusätzliche Risiken könnte heißes Geld bringen, das angesichts niedriger Währungen und hoher Zinsen in die Länder strömt.
Die Aktienmärkte indes leiden, weil die Wachstumsaussichten schwinden. Unternehmen bekommen mehr und mehr Schwierigkeiten, ihre Expansion zu finanzieren. Der koreanische Won hat in diesem Jahr fast 10 Prozent an Wert eingebüßt, der philippinische Peso hat knapp 6 Prozent verloren, und die indische Rupie notiert 8 Prozent niedriger gegenüber dem Dollar. Für den vietnamesischen Dong erwarten Analysten einen Wertverlust von 25 Prozent bis Jahresende.
Wer spart verliert
Die Inflationsraten lagen im Mai in praktisch allen Ländern der Region höher als erwartet. In Indonesien betrug die Teuerungsrate 10,4 (April: 9) Prozent, für den Juni rechnen die Analysten der Deutschen Bank mit 13 Prozent. In Thailand betrug sie im Mai 7,6 (6,2) Prozent, in Indien dürfte sie bald mit 9 Prozent den höchsten Stand seit 13 Jahren erreichen, in Südkorea liegt sie bei 4,9 Prozent, in Sri Lanka erreicht sie gut 26 Prozent. Pakistans Zentralbank hob ihr Inflationsziel gerade von 6,5 auf 13,5 Prozent bis Jahresende an.
Noch schwerer aber wiegt: In elf Ländern Asiens rangieren die Zinsen derzeit unterhalb der Inflationsrate. Anders gesagt: Wer sein Geld auf die Bank trägt, verliert. So steht der Zinssatz in China seit Ende vergangenen Jahres bei 7,47 Prozent, während die Teuerungsrate mit 8,5 Prozent auf dem höchsten Stand seit einem Jahrzehnt verharrt. Werden keine konkreten Maßnahmen gegen die Inflation ergriffen, werden Investoren sich die asiatische Wachstumsgeschichte noch einmal genauer ansehen. Dann wird das Vertrauen schwinden, und es wird zu einer deutlichen Anpassung der Aktienkurse kommen, warnt Barclays.
Von erhitzt zu stabil
Allerdings ist Vietnam in einer besonders schwachen Position. Denn viele andere Länder Asiens haben massive Währungsreserven angehäuft und ihren Bankensektor besser aufgestellt, so dass sie eine Krise eher abwehren können als 1997. Auch Chinas Zentralbank wehrte sich am Dienstag gegen Horrorszenarien: Die Volkswirtschaft wandelt sich gerade von erhitzt zu stabil heißt es in ihrem Bericht. Sie rechne nicht mit einem drastischen Nachfrageeinbruch des Auslands nach chinesischen Gütern.
Die Zentralbanker in Peking betrachten die Inflation als die größere Gefahr. Die Vermutung, ein starker Einbruch des Exports werde zu einer harten Landung führen, weshalb die Zinsen gesenkt werden sollten, sei falsch. Anders gesagt: Auch angesichts steigender Kosten für die Erdbebenkatastrophe wird Chinas Zentralbank die Inflation weiter bekämpfen - auch wenn das Wachstum der viertgrößten Volkswirtschaft der Erde sich darüber verlangsamt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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