Autoshow in Detroit

Eine grüne Messe mit vielen Fragezeichen

Von Roland Lindner und Henning Peitsmeier, Detroit

Der Chrysler Ecovoyager: Das Konzept ist da

Der Chrysler Ecovoyager: Das Konzept ist da

16. Januar 2008 Grüne Autos beherrschen die Detroit Auto Show in diesem Jahr wie nie zuvor. Aber so mancher Hersteller tut sich noch etwas schwer mit dem Energiesparen. Chrysler zum Beispiel hat für die Präsentation seines Pick-up-Transporters Dodge Ram eine Herde von 120 ausgewachsenen Rindern auflaufen lassen. Die Rinder kamen aber nicht etwa aus der Region, sondern von einer Ranch in Oklahoma - gut 1800 Kilometer entfernt. Sieben schwere Trucks waren nötig, um die Tiere nach Detroit zu schaffen, berichtet Ranchbesitzer Wes Sander. Umweltfreundlichkeit sieht anders aus.

Immerhin versuchte Chrysler sich schon am Tag danach zu rehabilitieren und stellte gleich drei Konzeptautos mit umweltfreundlichen Antrieben vor: den Ecovoyager, der eine Lithium-Ionen-Batterie mit einer Brennstoffzelle kombiniert, das Elektroauto Dodge Zeo sowie den Jeep Renegade, eine Mischung aus Batterie- und Dieselantrieb. Und auch für seinen neuen Benzinschlucker Dodge Ram verspricht Chrysler eine umweltfreundlichere Alternative: 2010 soll eine Hybridversion mit Elektro- und Verbrennungsmotor auf den Markt kommen.

Tanken, was auf amerikanischen Äckern wächst

Wer sich auf den Messeständen in den Cobo-Hallen umsieht, entdeckt selbst bei den amerikanischen Ausstellern den festen Willen zum Umweltschutz - man muss zwischen all den riesigen Pick-ups und Vans nur etwas genauer hinschauen. General Motors etwa stattet seine Umwelt-Prototypen vermehrt mit Hybridantrieb aus. Von Toyotas Hybrid-Erfolg sind die amerikanischen Hersteller genauso überrascht worden wie die europäischen.

GM-Boss Rick Wagoner rückt in Detroit Autos in den Mittelpunkt, die mit Ethanol statt Benzin fahren. Er hat eine Allianz mit dem jungen amerikanischen Unternehmen Coskata angekündigt, das an einem neuen Prozess zur Ethanol-Herstellung arbeitet. Bislang wird Ethanol vor allem aus Mais gewonnen. Präsident George Bush rief seine Landsleute deshalb schon vor einem Jahr dazu auf, zu tanken, was auf amerikanischen Äckern wächst. Doch Coskata will auch Müll und alte Reifen als Rohstoff einsetzen.

Weit entfernt von der Realität

Ausgereift ist das noch nicht, vor dem Jahr 2011 wird Ethanol (E85) so kaum in größeren Mengen geliefert werden können. Mit den Konzeptautos Hummer HX und Saab 9-4 Biopower fahren gleich zwei Modelle aus dem Hause GM mit E85. Beide sind bisher nicht zu kaufen. Der kompakte Geländewagen aus Schweden soll in einem Jahr auf den Markt kommen. Noch viel weiter entfernt von der Realität ist das Elektroauto Chevrolet Volt. „Der Volt hat eingeschlagen wie noch kein Konzeptauto zuvor, seit ich bei GM bin“, sagt Vorstandschef Wagoner stolz. Doch die Volt-Technologie für den Batterieantrieb wird nicht vor 2010 marktreif sein. Entwicklungschef Bob Lutz glaubt, dass es keinen einzigen großen Hersteller mehr gibt, der nicht an einem ähnlichen Konzept arbeitet: „Im Jahr 2015 werden Sie die überall sehen. Aber wir hoffen, dass wir die ersten sind.“

Die Kleinsten in Detroit sind die drei Smart. „Hello USA, here I am“, begrüßen sie freundlich die Gäste. Smart ist das konkreteste Angebot zum Spritsparen, das Daimler seinen amerikanischen Kunden anbietet. Nur: Billig ist der Kleinstwagen nicht. 11.590 Dollar kostet er, für wenig mehr gibt es schon die ersten Pick-ups. Daimler-Chef Dieter Zetsche versichert, auch zum aktuellen Dollar-Kurs mit Smart einen Gewinn zu erzielen. Die Konkurrenz beäugt das Ökoauto skeptisch: „Normalerweise ist das kein Auto, das zu den Amerikanern passt“, sagt GM-Manager Lutz. „Aber wenn er auf einmal einen Coolness-Faktor bekommt und die richtigen Prominenten damit fotografiert werden, könnte das ganz anders aussehen.“

Die Gesetzgebung meint es ernst

Viele der grünen Initiativen sind Zukunftsmusik. Deshalb nützen sie den amerikanischen Präsidentschaftskandidaten kaum im Wahlkampf, der in diesen Tagen Michigan erreicht hat. Gleich drei Kandidaten der Republikaner machten am Montag einen Rundgang auf der Messe: Mike Huckabee, Mitt Romney und John McCain schauten bei den amerikanischen Herstellern vorbei, die ihnen beflissen umweltfreundliche Autos vorführten. Dabei blieb die Glaubwürdigkeit aber etwas auf der Strecke. So stellte Romney erst großspurig in Aussicht, die amerikanische Autoindustrie habe für ihn oberste Priorität, er werde sich im Falle seiner Wahl schon in den ersten hundert Tagen um die Hersteller kümmern. Aber dann hatte er Probleme aufzuzählen, welche Autos in seiner eigenen Garage stehen.

Gleichwohl meint es die amerikanische Gesetzgebung sehr ernst mit dem Klimaschutz. Umweltfreundliche Fahrzeuge haben für die Hersteller eine neue Dringlichkeit. Vor ein paar Wochen hat die Regierung ein Gesetz verabschiedet, wonach der Benzinverbrauch von Autos in den Vereinigten Staaten um 40 Prozent reduziert werden muss.

„Wir werden es vielleicht erst in zwanzig Jahren wissen“

Die deutschen Hersteller glauben, dass Diesel die richtige Antwort auf diese Herausforderung gibt. Seit an amerikanischen Tankstellen die erforderliche Kraftstoffqualität mit einem drastisch verminderten Schwefelanteil verfügbar ist, gibt es keine technischen Hürden mehr. Wie zum Beweis hat Audi in Detroit einen V6-TDI-Motor aufgeschnitten, um zu demonstrieren, wie Stickoxide mit moderner Katalysatortechnik reduziert werden. Ob das der Technik-Laie begreift? Wichtiger ist Audi-Chef Rupert Stadler eine eingängige Botschaft: „Wir haben den saubersten Diesel der Welt.“ Doch auch Stadler kennt die großen Vorbehalte der Amerikaner gegenüber dem Selbstzünder, zumal die marktbeherrschenden Wettbewerber GM, Ford und Chrysler das deutsche Diesel-Thema weitgehend ignorieren.

GM scheint sich auch schon ganz ohne Diesel in seinen vielen verschiedenen Umweltinitiativen verzettelt zu haben. Wagoner widerspricht: „Wir wissen heute einfach nicht, welche Technologien sich durchsetzen werden. Wir werden es vielleicht erst in zwanzig Jahren wissen. Deswegen können wir gar nicht anders, als in alle Alternativen zu investieren.“

Selbst Ferrari tankt Ethanol

Unter Zugzwang stehen alle Hersteller. Manche wittern Marktchancen. Einer ist Fisker Automotive aus Kalifornien. Der dänische Autodesigner Henry Fisker, der für BMW und Aston Martin die aufregendsten Coupés entworfen hat, stellt in Detroit einen batteriebetriebenen Sportwagen vor, der noch grüner und verwegener daherkommt als Audis R8 mit Zwölfzylinder-Diesel. Und Fisker meint es sogar ernst damit: Der Batteriesportler soll im kommenden Jahr auf den Markt kommen, zu einem Preis von 80.000 Dollar.

Wie weit der Trend zu grünen Technologien mittlerweile um sich greift, kann man am Stand des Sportwagenbauers Ferrari sehen. Die Italiener stellen in Detroit zum ersten Mal ein Auto vor, das mit Ethanol betrieben wird. Dabei gilt Ferrari doch eher als Inbegriff überschäumender automobiler Unvernunft denn als Energiesparmarke. Aber auch Ferrari will den Verbrauch seiner Autos in den kommenden vier Jahren um 40 Prozent reduzieren. Ein Sprecher sagt: „Uns ist schon klar, dass das bei einem Jahresabsatz von 6400 Autos nicht zu sehr ins Gewicht fällt. Aber jeder muss seinen Teil tun.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, Hersteller, REUTERS

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