Freizeit

Die Fitneßbranche legt eine Verschnaufpause ein

Mitgliederzahlen brachen ein

Mitgliederzahlen brachen ein

22. September 2003 "Keine Stunde, die man mit Sport verbringt, ist verloren" - dieses kaum bekannte Diktum des fälschlicherweise als Sportgegner angesehenen Winston Churchill machen sich in Deutschland immer mehr Menschen zu eigen. Sehr zum Wohlgefallen der Fitneßbranche, die im vergangenen Jahrzehnt einen beispiellosen Boom verzeichnet hat: Mittlerweile strampeln, radeln und schwitzen 5,08 Millionen Sportbegeisterte in den Fitneßtempeln, beinahe doppelt so viele wie vor zehn Jahren.

Neue Studios schossen wie Pilze aus dem Boden, die 6.500 Anlagen setzen inzwischen rund 3,16 Milliarden Euro um, fast zwei Milliarden Euro mehr als 1993. Doch im vergangenen Jahr kam die Branche auf einmal selbst ins Schwitzen: Die Umsätze brachen ein, Studiobetreiber mußten Insolvenz anmelden, und die Zahl der Mitglieder schrumpfte erstmals seit mehr als einer Dekade wieder. Nach einer Stagnation im laufenden Jahr erwartet die Branche aber im kommenden Jahr einen neuen Wachstumsschub.

Sättigungsgrenze erreicht

Der jähe Einbruch des Jahres 2002 ist nach Ansicht von Britta Winnemöller vom Deutschen Sportstudio Verband (DSSV) auf zwei Faktoren zurückzuführen: Erstens habe es nach dem rasanten Wachstum der Vorjahre ein Überangebot gegeben. "Die Sättigungsgrenze war erreicht." Rund 50 Fitneßpalästen ging im vergangenen Jahr durch sinkende Mitgliederzahlen und hohe Finanzierungskosten die Puste aus. Als zweiten Grund hat sie die geringere Konsumbereitschaft der Bundesbürger ausgemacht. In der Wirtschaftsflaute überlege sich jeder sehr genau, ob er durchschnittlich 750 Euro im Jahr für Beiträge, Getränke und Kleidung ausgeben wolle. Auch in diesem Jahr sei die Kaufzurückhaltung zu spüren gewesen, außerdem habe sich der heiße Sommer bemerkbar gemacht. Viele Studios hätten darauf reagiert und Aktivitäten im Freien angeboten. Trotz der Negativeinflüsse erwartet Winnemöller daher für 2003 kein weiteres Umsatzminus.

Mittlerweile hat die Branche die über Fünfzigjährigen für sich entdeckt und malt sich in diesem Bereich große Wachstumschancen aus. Die im Branchenjargon als "Best age"-Gruppe bezeichnete Altersklasse soll durch Angebote gelockt werden, die mit der muffigen "Mucki-Bude" der Bodybuilder-Gilde so gut wie nichts mehr gemein hat. "Inzwischen bestimmen qualifizierte Studioleistungen mit kreislaufbasiertem Kardiotraining und wellnessorientierten Dienstleistungen das Erscheinungsbild", zeigt Sandra Orth, Vorsitzende des Deutschen Industrieverbandes Fitness und Wellness (DIFW), den Trend auf. Bereits jetzt ist das Alter der Mitglieder deutlich höher als zu Beginn der neunziger Jahre. Damals trainierten überwiegend Twens in den Krafträumen, seither ist das Durchschnittsalter auf 35,4 Jahre gestiegen.

Kein Konsolidierungsprozeß

Mit dem Alter haben sich auch Kaufkraft und Anspruch der Kunden erhöht. Deshalb nimmt die Größe der Fitneßclubs zu, denn neue Angebote wie Wellness-Bereiche, Physiotherapie, Massagen oder Aerobic-Kurse benötigen Platz. Nach einer Emnid-Studie, die im Auftrag des Verbands der Deutschen Fitneß- und Freizeitunternehmen (VDF) erstellt wurde, gingen die Umsatzeinbußen im vergangenen Jahr vollständig zu Lasten der kleineren Betriebe, während Anlagen mit einem Jahresumsatz von mehr als 250 000 Euro Zuwächse verzeichneten.

Diese größeren Betriebe repräsentieren allerdings nur 40 Prozent der Branche. Da verwundert es nicht, wenn die Hälfte der befragten Studios angegeben hat, in wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu stecken. Existenzbedrohend ist dies allerdings nur für wenige. Laut einer Studie des Bundesverbands der Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) haben die Fitneßstudios 2003 eine zufriedenstellende Ertragslage zu erwarten.

Noch kein Verdrängungswettbewerb

Da die meisten Betreiber über die Runden kommen, steht wohl auch kein Konsolidierungsprozeß bevor. Winnemöller, deren Verband vor allem die inhabergeführten Privatbetriebe vertritt, sieht den Markt nicht vor einer größeren Bereinigung: Rund 93 Prozent der Studios würden von selbständigen Unternehmern geführt. Nur 3,2 Prozent der Anlagen seien Teil einer Kette und weitere 3,7 Prozent Franchisenehmer.

Der prognostizierte Verdrängungswettbewerb durch die großen Fitneßketten habe daher noch nicht stattgefunden. Dies liege auch daran, daß in Deutschland eine familiäre und freundschaftliche Atmosphäre geschätzt werde, die vor allem mittelständische Betriebe garantieren könnten. Da die Fitneßstudios am gesamten deutschen Fitneß- und Wellnessmarkt nur einen verhältnismäßig kleinen Umsatzanteil von 5 Prozent haben, sieht Orth noch großes Potential. Vorbild soll Nordamerika sein: Dort trainieren 12 Prozent der Bevölkerung regelmäßig in den Studios, während sich in Deutschland gerade einmal 6 Prozent an Laufband, Home-Trainer oder an Hanteln abmühen.

Text: da. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.09.2003, Nr. 220 / Seite 19
Bildmaterial: gms

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