Bankraub

"Überfall, Geld her!"

Von Catherine Hoffmann

Mehr Dichtung als Wahrheit: Schinderhannes und Julchen

Mehr Dichtung als Wahrheit: Schinderhannes und Julchen

27. Februar 2006 Die Gentleman-Ganoven Franz und Erich Sass, das Gangster- und Liebespaar Bonnie und Clyde, der Verbrecher Jacques Mesrine. Sie alle waren berühmte Bankräuber. Ihr Ruhm gründete sich auf Intelligenz und Dreistigkeit. Ihre Motive waren banal: "Ich muß aufrichtig sagen: Ich liebe das Geld", gestand Mesrine.

Dennoch beflügeln Bankräuber bis heute die Phantasie, dennoch werden sie gern als romantische Spitzbuben verklärt. "Der Wunsch, schnell zu Geld zu kommen, stirbt nicht", sagt Klaus Beyrer. "Es gibt nur wenige Möglichkeiten, sich viel Geld einfach zu beschaffen: Man spielt Lotto, Roulette, geht zum Pferderennen - oder man raubt es." Beyrer hat für das Museum für Kommunikation in Frankfurt die Ausstellung "Geld oder Leben!" organisiert, die noch bis Mitte September zu sehen ist.

Nur wenige Verbrecher taugen zur Legendenbildung

Aus seiner Recherche weiß er: Zur Legendenbildung taugen nur wenige Verbrecher - wie die "Al-Capone-Bande" um Bernhard Kimmel. Der Tuchweber überfiel im Nachkriegsdeutschland Postämter, Raiffeisenbanken und Sparkassen. Dabei schob er der Putzfrau schon mal ein Bündel Scheine in den Kittel. "Ich wollte ein edler Räuber sein", versuchte Kimmel seine Straftaten zu rechtfertigen.

Nun ist die Figur des edlen Räubers keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Schon im ausgehenden Mittelalter taucht sie in der Literatur auf. Seit dem 14. Jahrhundert kennt die Balladendichtung die Gestalt des Robin Hood. Zum Rächer der Armen und Unterdrückten wurde die Figur aber erst im 16. und 17. Jahrhundert.

Tugendhaftigkeit war nicht verbreitet

Doch tugendhaft waren die Räuber dieser Zeit keineswegs. Der Dreißigjährige Krieg brachte marodierende Soldaten hervor, die Angst und Schrecken verbreiteten. Brutale Straßenräuber töteten wahllos. In den Gerichtsurteilen aus der Zeit kann man nachlesen, daß so mancher Räuber, der mit dem Tode bestraft wurde, ein Dutzend Morde auf dem Gewissen hatte.

Dieses Bild wandelte sich mit den organisierten Räuberbanden, die im 18. Jahrhundert Postkutschen überfielen - stets nach demselben Muster: Ein Räuber sprang, durch einen Brustharnisch geschützt, auf die Straße und stoppte die Pferde. Weitere Banditen feuerten mit präparierten Pistolen in den Wagen, dessen Inneres sich rasch vernebelte. Die Passagiere flohen auf die Strauße. Die Räuber klauten Münzen, Pretiosen und Bargeld - und zogen von dannen.

Für Schwaben stellt der Historiker Gerhard Fritz in der Mitte des 18. Jahrhunderts eine "dramatische Steigerung" an Postwagenüberfällen fest. Eine Bande um den Villmarer Krämer Anton Lautner hatte sich um das Jahr 1780 herum regelrecht darauf spezialisiert. Ihm fielen mehr als 30.000 Gulden in die Hände. Eine ganze Familie brauchte zu dieser Zeit ungefähr 100 Gulden im Jahr zum Leben.

Erfindungen rufen eine neue Generation Banditen auf den Plan

Einen Höhepunkt erlebten Bandenwesen und Legendenbildung an der Wende zum 19. Jahrhundert. Gestalten wie Johannes Bückler, der Schinderhannes, trugen viel zur Reputation des Räubers bei. Mit der Erfindung der Telegraphie und der Eisenbahn mußten sich die Räuberhauptmänner neue Methoden ausdenken, denn die Züge ließen sich nicht so einfach stoppen wie ein Pferd. Auch das Knacken eines Banktresors wollte gelernt sein.

Eine neue Generation von Banditen tritt auf den Plan. In Amerika ziehen Meuten wie die von Jesse James und John Reno durch die Staaten und rauben Züge und Banken aus. Die vier Dalton-Brüder entdeckten ihr Talent für Eisenbahnüberfälle und schrieben Kriminalgeschichte, als sie versuchten, zwei Banken gleichzeitig auszurauben. Das Unternehmen schlug fehl, aber die Daltons leben in den Lucky-Luke-Comics weiter. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde New York zum Zentrum der Tresorknacker.

„Geld oder Leben“ - Die Banken rüsten auf

Hier hat der Mythos vom Gentlemanganoven seinen Ursprung. Zu ihnen zählen auch die Gebrüder Franz und Erich Sass, die in Deutschland von sich reden machten. Ihr Meisterstück ist 1929 der Einbruch bei der Disconto-Gesellschaft am Berliner Wittenbergplatz. In wochenlanger Arbeit gruben sie einen Tunnel zum Tresorraum, räumten fast alle Schließfächer aus und entkamen mit einer Millionenbeute.

Schlichen sich Bankräuber früher durch die Hintertür ein, kommen sie heute meist ganz ungeniert durch die Vordertür. Eine Mütze über den Kopf gezogen, die Pistole im Anschlag, verlangen sie: "Geld oder Leben!" Doch die Banken rüsten auf: Alarmanlagen, Videoüberwachung und Zeitschlösser machen es Räubern schwer. So geht die Zahl der Überfälle seit dem Jahr 1993 stetig zurück. Die Aufklärungsquote hat sich dagegen nicht verändert: Sie schwankt um 60 Prozent.

Früher Flinten und Dynamit, heute Computer und Internet

Brauchte es früher Flinten und Dynamit für den Bankraub, genügen heute Computer und Internet. Virtuelle Panzerknacker sind auf dem Vormarsch, denn die Höhe der Strafe verhält sich umgekehrt proportional zur Höhe der Belohnung: Es liegt meist kein bewaffneter Raub vor, sondern Betrug. Beim traditionellen Bankraub beträgt der Ertrag wegen der Sicherheitsvorkehrungen meist nur einige tausend Euro, kluge Datenräuber sacken Millionen ein.

Daß sich auch auf traditionelle Weise noch immer Millionen erbeuten lassen, bewiesen hingegen bewaffnete Ganoven in der vergangenen Woche. 50 Millionen Pfund erbeutete eine Bande da, als sie ein Gelddepot in der britischen Grafschaft Kent ausraubte.

50 Millionen Pfund

Unweigerlich haben die Briten wieder Ronnie Biggs vor Augen, der mit seinen Männern 1963 einen Postzug überfiel und dabei die schwindelerregende Summe von 2,6 Millionen Pfund erbeutete. Der Bankraub, der sich in der vergangenen Woche in der Grafschaft Kent ereignete, stellt den legendären Raub allerdings in den Schatten: Eine schwerbewaffneten Bande erbeutete aus einem Bargeld-Depot bis zu 50 Millionen Pfund (73,3 Millionen Euro). Der größte Geldraub in der britischen Geschichte sei „mit militärischer Präzision“ geplant worden, sagte der Polizei-Vize der Grafschaft Kent, Adrian Leppard.

Bargeld lachte auch für Karl-Heinz Weis, Chef von Heros, Deutschlands größtem Geldtransporteur: Er und seine Manager sollen Kunden um 300 Millionen Euro geprellt haben - in einer Art Schneeballsystem. Weis schaffte sich mit Dumpingpreisen und einem angeblich luxuriösen Lebenswandel keine Freunde in der ansonsten biederen Branche. chf.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.02.2006, Nr. 8 / Seite 51
Bildmaterial: Deutsches Filmmuseum Frankfurt

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Comics

Blöde Panzerknacker

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Das Böse ist immer und überall. Die Panzerknacker aus Entenhausen sind die großen Verlierer im Überfallgewerbe. Wenig Glück ist den Dalton-Brüdern beschieden. Auch Alt-Europa hat seine Helden des gezeichneten Überfalls.

Film

Geld, Liebe und Pistolen

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Der Bankräuber ist eine mythische Figur. Er läßt sich mit Bedeutung aufladen, wo in Wirklichkeit keine war. Der Kinoheld hat wenig mit dem Gros der Bankräuber gemein. Auf der Leinwand kämpfen sympathische Menschen nicht so sehr ums Geld als um Liebe.

Krimi

Ohne eine Leiche geht es nicht

Die Affäre um die Bankgesellschaft Berlin: Thema eines Krimis

Beim Bankraub können Täter auf bewundernde Kommentare hoffen. Voraussetzung: Der Räuber geht intelligent vor, nimmt keine Geiseln und tötet niemanden. Im Krimi kommt der Banküberfall deswegen selten vor. Der Krimi braucht eine Leiche - mindestens.