19. Oktober 2008 Zum Börsenbeginn am Montag, pünktlich um 9 Uhr, wird das Rennen eröffnet: Welche Bank beantragt zuerst staatliche Hilfe aus dem 500-Milliarden-Rettungspaket? Vielen deutschen Banken steht das Wasser bis zum Hals: Die Commerzbank, die Deutsche Bank, die Landesbanken - sie alle haben in der Finanzkrise dramatisch an Eigenkapital verloren. Eigenkapital aber brauchen die Banken, wenn sie Kredite vergeben wollen. Jetzt soll der Staat helfen. Noch wagen sich die meisten Banken nicht aus der Deckung. Allerdings: Die Chefs von Deutschlands größten Banken, Josef Ackermann (Deutsche Bank) und Martin Blessing (Commerzbank), haben sich schon positioniert. Ackermann lehnt für seine Bank staatliche Hilfen ab - während Blessing sich alle Möglichkeiten offenhält.
Der Chef der Deutschen Bank trägt seine Positionen strotzend vor Selbstbewusstsein vor: "Die Deutsche Bank benötigt kein Kapital vom Staat", sagt Ackermann der "Bild am Sonntag". "Ich würde mich schämen, Geld vom Staat anzunehmen." Er begründet seine Linie mit der guten Verfassung der Bank. Die Deutsche Bank sei "zu keinem Zeitpunkt" in der Krise akut gefährdet gewesen, behauptet er. "Wir sind eine der stärksten und am besten kapitalisierten Banken der Welt."
Der Chef der Commerzbank dagegen hält sich alle Möglichkeiten offen. Am Samstag legte er sich noch nicht fest, ob seine Bank das Rettungspaket in Anspruch nimmt. "Wir werden in Ruhe anschauen, ob das Paket für uns in Frage kommt", sagte Blessing. "Ich glaube, es ist die Pflicht jedes Bankers, eine Teilnahme an dem Paket zu prüfen." Aus der Politik hörte man allerdings, es gebe schon an diesem Wochenende konkrete Verhandlungen - an denen die Commerzbank beteiligt sei.
Die Häuser belauern sich gegenseitig
Keiner will der Erste sein, der staatliche Hilfen beantragt. Landesbanken, IKB, Postbank: Die Häuser belauern sich gegenseitig. Die Bankchefs haben Angst, wie die Anleger an der Börse reagieren. "Wer sich zuerst rührt, wird ausgebombt", formuliert es ein Bankmanager. Wenn eine Bank öffentlich sagt, dass sie Hilfe will, heißt es: Die hat es nötig. Abschreckende Beispiele sind die Royal Bank of Scotland und die Bank HBOS in Großbritannien. Als die in der vergangenen Woche bekanntgaben, dass der Staat bei ihnen einsteigt, brachen die Kurse kräftig ein.
Dabei hat es auch erhebliche Nachteile, wenn eine Bank die staatlichen Hilfen ausschlägt. Das zeigt das Beispiel Deutsche Bank. Wie mehrere hochrangige Banker übereinstimmend berichten, hat Vorstandschef Ackermann in einer Videokonferenz mit mehr als 200 Führungskräften angekündigt, die Bilanz der Bank müsse jetzt kräftig "deleveraged" werden. Was er meint: In der Krise hat die Deutsche Bank Kredite, die sich schlecht weiterverkaufen ließen, auf die eigene Bilanz genommen. Jetzt nimmt sie kein Staatsgeld in Anspruch - und muss deshalb ihren Kreditbestand zurückfahren. "Ackermann will das Kreditvolumen um 30 bis 40 Prozent verringern", berichtet ein Deutsche-Bank-Manager. Weil sich immer noch wenig Kredite weiterverkaufen ließen, spricht das für eine deutlich vorsichtigere Kreditvergabe in der Zukunft. "Es geht nicht um Rendite, sonders ums Überleben", wird Ackermann von Teilnehmern der Videokonferenz zitiert.
Staatsgeld kann einer Bank einen Vorteil verschaffen
Staatsgeld kann einer Bank sogar einen Vorteil verschaffen, argumentiert der Frankfurter Bankenprofessor Jan Pieter Krahnen. Ein Beispiel ist die britische Bank Northern Rock. Als die Bank ins Wackeln geriet, stürmten die Kunden die Schalter, um ihr Geld abzuheben. Als aber der Staat erst einmal eingestiegen war, wollten viele neue Kunden dort ein Konto eröffnen. Sie dachten sich, dass bei der Staatsbank ihr Geld besonders sicher ist.
Oftmals verbessert der Staatseinstieg außerdem das Rating einer Bank. Die Ratingagenturen nehmen an, dass eine Bank nicht mehr so leicht pleitegeht, wenn der Staat beteiligt ist. Immerhin sechs Banken in Großbritannien wurden aus solchen Gründen in der vergangenen Woche im Rating hochgestuft. Mit einem besseren Rating kann sich eine Bank billiger Geld leihen - und verbessert damit langfristig den Gewinn. "Die deutschen Banken müssen aufpassen, dass nicht um sie herum alle Banken in der Schweiz, in England, in Amerika mit staatlichem Geld aufgepumpt werden und sie in ihrer Bescheidenheit am Ende die Dummen sind", sagt ein Frankfurter Banker.
Trotz dieser Gründe, sich am Staat anzulehnen, wagt sich keiner so recht vor - auch wenn dies der Branche als Ganzes womöglich zugutekäme. Um solche Diskussionen zu vermeiden, ist Amerika einen anderen Weg gegangen und hat die Freiheit der Finanzkonzerne beschränkt. Der Staat beteiligte sich dort an den neun größten Banken des Landes, ohne sie zu fragen. Goldman Sachs, die relativ gut durch die Krise gekommen sind, waren nicht einverstanden. Sie fürchteten um ihren guten Ruf, wurden aber kurzerhand von der Regierung gezwungen.
Deutschland könnte zu Zwangsmaßnahmen greifen
Auch in Deutschland könnte der Staat zu Zwangsmaßnahmen greifen, wenn die Banken sich nicht untereinander einigen, deutet die Bundesbank an. Helfen könnte dabei, dass die Bundesregierung in ihrem 500-Milliarden-Rettungspaket verschiedene Varianten der Staatshilfe vorsieht. Möglich ist, dass der Staat mit Eigenkapital bei einer Bank einsteigt. Die schwächere Variante ist, dass der Staat nur Garantien abgibt, wenn sich Banken untereinander Geld leihen. Während bei der Hilfe mit Kapital eine Absprache unter den Banken schwer denkbar ist, wäre sie bei den Garantien vielleicht möglich.
Allerdings ist der direkte Einstieg des Staates bei einer Bank mit Eigenkapital die zuverlässigere Hilfe. Sie wirkt unmittelbar. Eigenkapital brauchen die Banken als Sicherheit, wenn sie Kredite vergeben wollen. Es ist jedoch durch die Krise stark zusammengeschrumpft (siehe Grafik). Dadurch steigt die Gefahr, dass eine Bank pleitegeht, wenn Kredite nicht zurückgezahlt werden. Dagegen hilft dieser Teil des Rettungspakets.
Wenn die Banken diese Hilfe vom Staat in Anspruch nehmen, müssen sie allerdings harte Auflagen akzeptieren. Ihre Manager dürfen maximal 500.000 Euro im Jahr verdienen. Für die Zeit der Staatshilfe dürfen sie zudem keine Dividende an ihre Aktionäre ausschütten. Und der Staat darf in ihr Geschäftsmodell eingreifen. Ökonomen wie der Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn argumentieren: Kein Bankchef wird von diesem Angebot Gebrauch machen, solange er nicht vor dem Abgrund steht - allein schon wegen der Kappung seines Gehalts.
Bei den reinen Garantien des Staates ist es anders. Der Staat spricht sie zum Beispiel für das Geld aus, das sich Banken untereinander leihen. Wegen der Krise trauen sich die Banken nicht und leihen sich kein Geld. Das ließe sich durch Staatsgarantien beheben. Weil das Problem alle betrifft, wäre es kein Makel, mitzumachen.
Außerdem hat die Bundesregierung erkennen lassen, dass sie in solchen Fällen nicht unbedingt auf allen Auflagen wie Kappung der Managergehälter und Dividendenverzicht besteht. Michael Heise, Chefvolkswirt der Dresdner Bank, ist daher zuversichtlich: "Zumindest das Garantieangebot wird von den Banken auch in der Breite angenommen."
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, F.A.Z.
Kritik an Schäubles Sparplänen aus den eigenen Reihen
Die Krankenkassen wollen mehr Geld
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