Norbert Reithofer

Der Werksleiter

Von Georg Meck

Der Neue und sein Erbe

Der Neue und sein Erbe

22. September 2006 GM taumelt am Abgrund, Ford streicht 45.000 Stellen. Daimler schockiert die Börse mit der Nachricht, daß Chrysler in diesem Quartal 1,2 Milliarden Euro Verlust einfährt. Und BMW? Die Bayerischen Motoren Werke steuern das erfolgreichste Ergebnis ihrer Geschichte an. Was ist da los? Sind die anderen so viel dümmer? Oder haben sie nur keine Ahnung von Autos? Darüber möge er nicht urteilen, sagt der neue BMW-Chef Norbert Reithofer. Lieber erklärt er die fünf Geheimnisse des Planeten BMW: „Klares Profil der Marken, klare Strategie, herausragende Produkte, schlanke Produktion und außergewöhnlich hohe Flexibilität.“

Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als BMW-Chef eröffnete er in Oxford die Produktion des neuen Mini. Sieben Tage, bevor der Kleine hier über die Bänder läuft, kann der Kunde den bestellten Wagen, wie bei jedem großen BMW, völlig neu zusammensetzen: Stärkerer Motor, Ledersitze statt Stoff. Alles kein Problem. Im Kontrast zu den Asiaten mit ihren standardisierten Modellen verspricht der Mini-Prospekt unendlich viele Varianten; eine Zahl mit sechzehn Nullen, wie Reithofer nachgerechnet hat. Noch nie haben binnen eines Jahres zwei identische Minis die Fabrik verlassen.

Reithofer ist ein „Top-Mann der Produktion“

In der Fabrikhalle fühlt er sich wohl: Ingenieur Norbert Reithofer

In der Fabrikhalle fühlt er sich wohl: Ingenieur Norbert Reithofer

Ein Grund, warum die Kunden für das recht unpraktische Auto mehr bezahlen als für einen VW Golf; an die 23.000 Euro im Schnitt. 240.000 Minis will Reithofer pro Jahr verkaufen. „Gerade 100.000 haben uns die Experten am Anfang zugetraut.“ Und so tut Schatzkanzler Gordon Brown bei der Feier in Oxford alles, um das Mini-Comeback unter bayerischer Flagge in eine britische Erfolgsgeschichte umzudeuten. „Das ist ein großer Tag für Großbritannien.“

Reithofer steht daneben - dunkelblaues Tuch, randlose Brille, selbstbewußter Blick - und lächelt milde. Er weiß: In Wirklichkeit ist dies sein großer Tag. Er hat als Produktionsvorstand die Fabrik aufgebaut. Er hat die viel gerühmte Flexibilität in den BMW-Werken auf die Spitze getrieben und damit seinen persönlichen Aufstieg befördert. Deswegen hat ihn die Familie Quandt als BMW-Großaktionär zum Vorstandsvorsitzenden gemacht, deswegen rühmt ihn der Vorstand eines Wettbewerbers als „Top-Mann der Produktion“.

Bloß keine Eitelkeiten

Reithofer ist Ingenieur. Ein Techniker. Einer, der es haßt, in die Zukunft zu stolpern, der für alle Eventualitäten eine Lösung im Kopf haben will. Einer, der Autowerke organisieren kann. Nur, reicht das, um eine globale Marke zu führen? Ist das der richtige Job für einen Metzgersohn, der vor 50 Jahren im bayerischen Oberland geboren wurde und dort bis heute mit seinem Beagle seine Runden dreht? Versprüht er dafür genug Glanz und Glamour?

Das muß er nicht. Das darf er gar nicht. „Nichts ist schlimmer als eitle Manager“, heißt es bei der Familie Quandt. Nie würde die einen Vorstandschef vom Schlage eines Thomas Middelhoff dulden, der für die Familie Schickedanz bei Karstadt den Zampano gibt. „Das Produkt steht im Mittelpunkt“, sagen sie in Bad Homburg.

Panke ohne Gespür für die Fabriken

In München verstehen sie das als Befehl. Niemand sollte das je vergessen im BMW-Hochhaus, wo Reithofer - autoaffin, aber kein Autonarr - jetzt hoch oben sein Büro bezogen hat. „Das Produkt steht im Mittelpunkt.“ Reithofers Vorgänger, Helmut Panke, smart, geschliffen und wie für die Marke BMW gemalt, stand den Eignern ein paar Mal zu nah am Mittelpunkt. Das gehört sich nicht. Demut wird bei BMW gefordert, auch von den Spitzenleuten. „Es ist ein Unterschied, ob Sie in Bad Homburg antreten müssen oder mit Ihren Aufsichtsräten bei einer Flasche Wein begießen, wieviel Geld der Aktionäre Sie vernichtet haben“, hat ein BMW-Vorstand mal erzählt.

Selbst Rekordgewinne helfen in dem Konzern nicht immer, wie das Beispiel Panke lehrt. Den ließen die Eigner nicht über den 60. Geburtstag hinaus arbeiten. Daß er dieses Ziel zu offensiv verfolgt hat, wurde ihm angekreidet. Daß er sich bei der Jagd nach Profit vom persönlichen Ehrgeiz treiben ließ, lautet ein anderer Vorwurf. Panke habe das Letzte aus der Firma herausgeholt, Dinge wie die Entwicklung vernachlässigt, Mitarbeiter verprellt. Der gelernte Physiker und ehemalige McKinsey-Berater Panke beeindruckte mit intellektueller Brillanz, aber ihm fehlte das Gespür für die Fabriken, so heißt es.

Werksgarde jetzt an der Macht

Mit Reithofer übernimmt jetzt die Werksgarde die Macht. „Der denkt nicht nur an die Shareholder, sondern an alle Stakeholder“, sagen sie bei BMW. So reden Manager, nicht der Betriebsrat wohlgemerkt. Der mußte eh nicht lange überlegen, wen er vorzieht: den schnittigen Finanzvorstand Stefan Krause, der härteste Rivale um die Panke-Nachfolge, oder den bodenständigen Reithofer.

Aufgewachsen ist der in Penzberg, einem Bergarbeiterstädtchen, wo 1966 die letzte Grube geschlossen hat und das Volk immer noch so zuverlässig wie bayernuntypisch SPD-Bürgermeister wählt. Einer davon ist Reithofers Schwiegervater. Über politische Zwistigkeiten mit dem Manager in der Familie verrät der nichts. Er betont nur, daß der Schwiegersohn auf dem Weg nach oben seine Wurzeln, das Arbeiter- und Handwerkermilieu, nicht vergessen habe.

Metzgersöhne auf Manageretagen

Ins Gymnasium, nach Starnberg, fuhren zu Reithofers Jugendzeiten die wenigsten, Akademiker gab es kaum. Den Pfarrer, wenige Lehrer. „Die Anwälte kamen erst später“, erzählt der ehemalige Rektor Ehrenfried Mock, der den jungen Norbert an der Realschule unterrichtet hat, auch bei der Abschlußfahrt nach Helgoland dabei war. Ein angenehmer Schüler sei der Junge gewesen. Kein Hallodri, aber auch keiner, der so hervorgestochen wäre, daß er ihm eine derartige Karriere prophezeit hätte. „Der hat Spaß am Lernen gefunden, hat gemerkt, wie wichtig es für das Vorankommen ist. Das hat mich gefreut.“

Reithofers Aufstieg über Fachabitur, Studium und Promotion in den BMW-Vorstand läßt die These wackeln, wonach die Wirtschaft ihre Elite ausschließlich aus dem Großbürgertum rekrutiert. Zumindest in Bayern scheint das nicht zu gelten. Schließlich regiert auch bei Siemens, dem anderen Münchner Vorzeigekonzern, mit Klaus Kleinfeld jemand, der sich von weit unten nach oben gerackert hat. Und Herbert Hainer, Chef der Drei-Streifen-Marke Adidas, teilt mit Reithofer gar die Herkunft aus der Metzgerei. Da auch noch Uli Hoeneß vom FC Bayern München aus dem Gewerbe stammt, wirft das die Frage auf: Sind Metzgersöhne die besseren Manager?

BMW im Plus, Mini noch in den roten Zahlen

Ganz eifrige Lobhudler ziehen bei BMW bereits die Linie von Reithofer zurück bis zu Joachim Milberg; Pankes Vorgänger, der BMW nach dem Milliardendebakel mit Rover durch unsichere Zeiten gesteuert hat, leise, unaufgeregt. Dafür wird er bis heute verehrt. Davon profitiert jetzt Reithofer, schließlich hat ihn der heutige BMW-Aufsichtsratschef Milberg damals als Hochschullehrer entdeckt („einer meiner besten und begabtesten Assistenten“), zu BMW geholt und jetzt zum Vorstandschef befördert.

Noch ist Reithofers Aura vom Förderer nur geliehen. Er muß seine Fähigkeiten erst beweisen, wenn die Zeiten ernster werden, wenn tatsächlich die Götterdämmerung naht, vor der Skeptiker warnen. In den vergangenen Jahren hatte BMW den Umsatz stetig erhöht, ohne daß der Gewinn entsprechend kräftig mitzog. Zuletzt, im Juli und August, sind die Absatzzahlen sogar eingebrochen. Das habe nichts zu bedeuten, beruhigt Reithofer. Der Konzernchef hält an seinen Rekordzielen für das laufende Jahr fest: mehr als 1,3 Millionen verkaufte Autos, vier Milliarden Euro Gewinn. Nach internen Zahlen, Auftragseingängen und Hochrechnungen, ist die Absatzdelle auch schon wieder vorbei. Im September wird man zumindest auf Niveau des Vorjahres landen. „Bei BMW haben wir ein deutliches Plus, bei Mini wegen der Umstellung des Werkes in Oxford voraussichtlich noch ein Minus“, sagt ein Konzernsprecher.

„Das Produkt steht im Mittelpunkt.“

Der neue Chef hat sich gegen Ende der Woche zur Klausur zurückgezogen in die bayerischen Berge, mit einem halben Dutzend Vertrauten hat er einen Schlachtplan entworfen. Was muß sich ändern bei BMW? Aber auch: Wie positionieren wir uns gesellschaftlich? Er werde sich stärker in öffentliche Debatten einmischen, läßt Reithofer durchblicken. Selbst zur Gesundheitsreform wolle er sich äußern, hat sich der Manager vorgenommen, dessen Wortschatz bisher von Preß- und Gleichteilen, Komponenten und Modulen beherrscht wurde.

Noch im Herbst wird der BMW-Chef Kanzlerin Angela Merkel seinen Antrittsbesuch abstatten, Vizekanzler Franz Müntefering natürlich auch. Soviel Ausgewogenheit muß sein. Zuvor ruft allerdings das Kerngeschäft, die Pariser Automesse Ende September, Reithofers erstes Schaulaufen in neuer Funktion. Eine große Show ist dort nicht geplant. „Das Produkt steht im Mittelpunkt.“

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.09.2006
Bildmaterial: AFP, dpa

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