Von Rainer Schulze, Nordhausen
13. April 2007 Das Spiel Herr Löwe, Herr Löwe, wie spät ist es? geht so: Mit Herrn Löwe an der Spitze windet sich eine Kinderpolonaise durch den Turnraum der Kindertagesstätte Lohmarkt. Der Schwanz fragt drei-, viermal im Chor nach der Uhrzeit. Herr Löwe - der kleine Hannes an der Spitze - lässt die anderen schmoren. Halb sechs, Viertel vor neun, Fünf vor drei. Erst auf sein Kommando Fressenszeit löst sich die Polonaise auf, der Kinderpulk flüchtet kreischend in alle Richtungen.
Fressenszeit ist für einige kleine Löwen viel zu häufig. 15 Prozent der 3 bis 17 Jahre alten Kinder sind in Deutschland übergewichtig, 6,3 Prozent fettleibig, schreibt das Robert Koch-Institut in einer Studie. 1,9 Millionen Kinder sind danach zu dick, 800.000 von ihnen sogar adipös, wie der Leibesumfang genannt wird, wenn der Fettanteil an der Körpermasse eine pathologische Dimension annimmt.
Dicke Kinder können für Krankenkassen teuer werden
Bei Erwachsenen spricht man von Adipositas, wenn der sogenannte Body-Mass-Index (BMI) über den Wert 30 klettert. Der Index basiert auf der Formel: Gewicht in Kilogramm geteilt durch die quadrierte Körpergröße in Metern. Bei Kindern wird Fettleibigkeit mit Hilfe von alters- und geschlechtsspezifischen Referenzwerten ermittelt. Wer schon in jungem Alter übermäßig viele Pfunde auf den Rippen hat, muss später schwer kämpfen, um sie wieder loszuwerden.
Dicke Kinder können für die Krankenkassen einmal sehr teuer werden. Typische Folgen von Übergewicht - Bluthochdruck, Erkrankungen des Bewegungsapparats und Diabetes - verursachen rund ein Drittel der Kosten im deutschen Gesundheitswesen. 2003 waren das 72,6 Milliarden Euro. Dabei gilt: Je dicker, desto teurer. Das GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit hat im Raum Augsburg die medizinischen Kosten Normalgewichtiger denjenigen stark Übergewichtiger gegenübergestellt.
Deutsche Männer sind die dicksten in Europa
Während die Arztkosten der Personen mit moderater Adipositas (BMI zwischen 30 und 35) die normalgewichtiger Personen (BMI zwischen 18,5 und 25) um rund 230 Euro im Jahr oder 25 Prozent übertreffen, wird es bei Personen mit starker Adipositas (BMI größer als 35) besonders teuer. Die Schwergewichte geben für stationäre Aufenthalte, Medikamente und Arztbesuche 1700 Euro mehr aus als Normalgewichtige - dreimal so viel.
Einmal dick, immer dick? Zwei Drittel aller deutschen Männer sind zu dick, in keinem anderen Land Europas ist der Anteil der Übergewichtigen höher, schreibt das Europäische Statistikamt Eurostat in seinem aktuellen Jahrbuch. Demnach haben 48 Prozent der Männer in Deutschland Übergewicht, weitere 18,8 Prozent leiden sogar an Fettleibigkeit. Auch die Frauen achten nicht eben übermäßig auf ihre Linie. In Deutschland sind 31,3 Prozent der Frauen übergewichtig. Der Anteil fettleibiger Frauen übertrifft nach Angaben von Eurostat mit 21,7 Prozent die entsprechende Quote der Männer. Noch mehr fettleibige Frauen gibt es in der EU nur in England - dort liegt ihr Anteil bei 23 Prozent.
BMELV will eine nationale Bewegung anzustoßen
Die Bundesregierung will der Fettleibigkeit, zu der im Grundschulalter die Weichen gestellt werden, den Kampf ansagen. Das Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) arbeitet an einem Nationalen Aktionsplan Ernährung, um, wie es heißt, eine nationale Bewegung anzustoßen. Noch in diesem Frühjahr wolle Horst Seehofer, Bundesminister für Ernährung, die Eckpunkte des sehr umfangreichen Plans vorstellen, der derzeit zwischen den Ministerien abgestimmt wird. Auch Länder, Kommunen und die private Wirtschaft sollten mit ins Boot, sagt Ursula Horzetzky, Referatsleiterin für Ernährungspolitik.
Das Ministerium will mit dem Aktionsplan schon bestehende Programme zur Prävention von Übergewicht bündeln und neue Projekte anstoßen. Im Rahmen der vom BMELV finanzierten Kampagne Besser essen. Mehr bewegen. Kinderleicht hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) etwa für die Gemeinschaftsverpflegung in Kindergärten Qualitätsstandards entwickelt. Ein ähnliches Projekt gibt es schon unter dem Namen Schule + Essen = Note 1 für die Schulverpflegung.
14 Millionen jährlich für Ernährungsprojekte
Auch das Kantinenessen in der Arbeitswelt soll mit dem Aktionsplan zum Thema werden. Hier soll die DGE Empfehlungen für gesunde, ausgewogene Ernährung formulieren. Das Ministerium zieht auch Ernährungsunterricht an Kindergärten und in Schulen in Erwägung - ob als eigenständiges Fach oder im regulären Unterricht integriert, müsse mit den Ländern abgestimmt werden. Im Ernährungsplan soll auch aufgeschlüsselt werden, wer wieviel für Ernährungsaufklärung ausgibt. Das BMELV widmet dieser Aufgabe in diesem Jahr 14 Millionen Euro. Auch das Gesundheitsministerium und das Familienministerium finanzieren entsprechende Projekte.
Schon derzeit besteht ein Netz an privaten und öffentlichen Initiativen, mit denen Übergewicht und Fettleibigkeit eingedämmt werden sollen. Der 2004 auf Initiative des BMELV gegründete Verein Plattform Ernährung und Bewegung bündelt verschiedene Gruppen, die sich für einen gesunden Lebensstil von Kindern und Jugendlichen einsetzen. Neben zahlreichen privaten Initiativen sind darunter auch Projekte von Herstellern von Dickmachern. Intersnack, Produzent von Chips der Marke Funny Frisch, richtet den Schulcup Fit am Ball aus.
Sie haben Mühe, einen Purzelbaum zu schlagen
Der Schokoladehersteller Kraft Food gibt in Kooperation mit den Allgemeinen Ortskrankenkassen die Unterrichtsmappe Fit und gesund durch Bewegung und richtige Ernährung heraus. Im Mai 2005 rief das BMELV den Wettbewerb Besser essen, mehr bewegen ins Leben. 24 Projekte wurden ausgewählt, deren Arbeit seit November für drei Jahre bezuschusst wird. Sie heißen gewichtig, Kids vital oder Minifit und sind der Regierung insgesamt 15 Millionen Euro wert.
500.000 Euro gehen in das auf halbem Weg zwischen Göttingen und Halle an der Saale gelegene Städtchen Nordhausen. Geduldig lassen sich 14 Kinder dort in der Tagesstätte Lohmarkt wiegen und vermessen: Körperfettanteil, Größe, Gewicht, Rumpfbeuge und Reaktionstest. Kinder sind heute weniger gelenkig. Sie haben Mühe, einen Purzelbaum zu schlagen, sagt der Sporttherapeut Thomas Erny, der mit den Kleinen turnt.
Lieber Obst und Vollkornbrötchen als den Schokoriegel
22 Prozent aller Mädchen im Alter von 4 oder 5 Jahren erreichen bei einer Rumpfbeuge nicht das Fußsohlenniveau, fand das Robert Koch-Institut heraus. Die körperliche Leistungsfähigkeit nimmt ab: In der Übung Standweitsprung bleiben heutige Kinder 14 Prozent hinter den Leistungen Gleichaltriger von 1976 zurück. Vor zwanzig Jahren liefen zehnjährige Jungen in sechs Minuten noch 990 Meter, zehn Jahre später schafften Gleichaltrige hundert Meter weniger.
Die Eltern der fünf Jahre alten Kinder in Nordhausen sitzen zwei Stockwerke oberhalb des Turnraums auf Stühlchen im Kreis und lassen sich erklären, warum sie ihren Kindern besser Obst und Vollkornbrötchen in die Frühstückstasche packen sollen als Schokoriegel. Ernährungsberatung und Kinderturnen sind nur zwei von zahlreichen Ideen, mit denen die Kinder fit gemacht werden sollen.
Übergewicht ist in der Regel ein familiäres Problem
Der Trägerverein Horizont baut auf 15 Jahren Erfahrung in der Kinder- und Jugendarbeit auf. Er beliefert unter anderem jeden Tag 1000 Schulkinder mit warmen Mahlzeiten und nimmt so auf die Essgewohnheiten der Kinder Einfluss - Gemüsereis statt Fleischportion. Die Diätassistentin Silke Schulze kocht und backt mit den Kleinen in der Tagesstätte. Die Kinder wissen nicht, woraus Brot besteht und halten Danone und nicht Brombeere für eine Joghurtsorte.
Der Speck liege häufig in der Familie. Übergewicht ist in der Regel ein familiäres Problem, sagt Schulze. Wenn die Eltern ihre Gewohnheiten nicht ändern, seien die Rettungsringe der kleinen Kalorienbomben kaum in den Griff zu bekommen.
1,6 Milliarden zu dick
Rund 1,6 Milliarden Erwachsene auf der Welt sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) übergewichtig. Mindestens 400 Millionen Erwachsene, zu denen die WHO Menschen zählt, die älter als 15 Jahren sind, seien fettleibig. Mindestens 20 Millionen Kinder unter 5 Jahren waren nach den Angaben im Jahr 2005 zu dick. Die Weltbevölkerung wird auf rund 6,5 Milliarden Menschen geschätzt.
Text: F.A.Z., 14.04.2007, Nr. 87 / Seite 12
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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