06. November 2009 Der hessische Innenminister Volker Bouffier (CDU) fand klare Worte: „Ich bin der Auffassung, so etwas braucht niemand.“ Gemeint waren die so genannten Killerspiele, Computerspiele also, in denen es primär darum geht, den Gegner mit unterschiedlichsten Waffen zur Strecke zu bringen. Bouffiers Aussage stammt vom März dieses Jahres – der Amoklauf eines Jugendlichen im baden-württembergischen Winnenden hatte kurz zuvor Deutschland erschüttert.
Die Debatten nach solchen Taten ähneln sich. Wenn Jugendliche am Computer Menschen erschießen, dann ist auch der Schritt nicht mehr groß, dies in der Realität nachzuspielen, so der gängige Schluss. Wissenschaftlich erwiesen sei ein solcher Zusammenhang nicht, sagt Olaf Coenen, Deutschlandchef des Computerspiel-Riesen Electronic Arts. Die Branche ist es leid, durch solche Diskussionen immer wieder stigmatisiert zu werden. Der Chef des Frankfurter Spieleentwicklers Crytek, Cevat Yerli, hat schon mehrfach damit gedroht, Deutschland zu verlassen, wenn ein Verbot solcher Spiele durchgesetzt werde – zuletzt im August.
Wirtschaftlich gesehen eine Erfolgsgeschichte
Doch an diesem Freitagabend hat Yerli erstmal gute Aussichten auf einen Preis. Die Stadt, das hessische Wirtschaftministerium und einige andere Träger verleihen in Frankfurt zum zweiten Mal die europaweit ausgeschriebenen European Innovative Games Awards, kurz Eiga. Crytek hat es mit seinem Cryengine 3 auf die Finalistenliste in der Kategorie „Innovative Technologie“ geschafft.
Crytek gehört zu den weltweit angesehendsten Entwicklungsstudios. Die Spielee Crysis und Far Cry haben grafisch gesehen neue Maßstäbe gesetzt. Beide Spiele sind so genannte Ego Shooter – der Spieler bewegt sich durch eine Welt, in der er immer wieder Soldaten erschießen muss. Wirtschaftlich gesehen ist Crytek eine Erfolgsgeschichte: Die Mitarbeiterzahl hat sich innerhalb weniger Jahre von 120 auf 300 erhöht, der Jahresumsatz liegt bei 20 Millionen Euro. Viele Zulieferer, Tonstudios und Bildbearbeiter zum Beispiel, haben sich um das Unternehmen herum in Frankfurt angesiedelt.
8400 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte
Gerade wegen dieser Wirtschaftskraft, bemüht sich die Stadt Frankfurt seit einiger Zeit, für die Gamesbranche attraktiv zu bleiben, die laut Kreativwirtschaftsbericht in Frankfurt an die 8400 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte zählt. Die Preisverleihung heute Abend soll auch dazu dienen, den Wirtschaftszweig salonfähig zu machen und darauf hinzuweisen, dass er weit mehr hervorbringt als nur Killerspiele.
Der nominierte Cryengine von Crytek etwa ist selbst kein Spiel, sondern eine Entwicklungsplattform, auf der weitere Spiele und Anwendungen mit höchsten grafischen Ansprüchen entwickelt werden können. Architekten können mit ihrer Hilfe virtuell darstellen, wie die Sonne zu verschiedenen Tageszeiten in die Räume eines noch nicht gebauten Hauses einfällt, Ölfirmen können den Notfall auf einer Bohrplattform proben, ohne sie dafür tatsächlich anzünden zu müssen.
Durch die Killerspiel-Debatten und die fehlende Wertschätzung für die Spieleentwickler werde es aber immer schwerer, gute Talente nach Deutschland zu holen oder im Land zu halten, sagt Electronic-Arts-Chef Coenen, dessen Unternehmen die Crytek-Spiele vertreibt. Die Vereinigten Staaten von Amerika und Kanada, aber auch osteuropäische Länder oder England täten weit mehr, um Spieleentwickler anzulocken, sagt Coenen. Auch Joerg Weber, der den regionalen Branchenverband Gamearea Frankfurt/Rhein-Main leitet, sieht die Diskussionen als Gefahr für den Standort Deutschland. Seiner Ansicht nach sind die Spiele von Crytek nichts anderes als die Actionfilme mit Arnold Schwarzenegger.
„Computerspiele als Kulturgut ansehen“
Einen prominenten Fürsprecher hat die Gamesbranche in Hans-Joachim Otto (FDP), neuerdings Staatssekretär beim Bundeswirtschaftsminister, der auch heute Abend kommen will. Sie sei eine von denen, wo Deutschland noch international wettbewerbsfähig sei. Ihr weltweiter Umsatz übersteige inzwischen jenen mit Kinofilmen. Doch nicht nur wegen ihres wirtschaftlichen Gewichts stellt sich Otto hinter die Gamer. „Computerspiele müssen endlich auch als Kulturgut angesehen werden“, sagt er und verweist auf den Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung, der feststellt: Computerspiele sind ein selbstverständlicher Teil unserer Alltagskultur geworden. Die Entwicklung hochwertiger, kulturell und pädagogisch wertvoller Unterhaltungsmedien wolle man fördern.
Nach Ansicht von Coenen sind jene Computerspiele, die nur für Erwachsene geeignet sind, inzwischen für Kinder schwerer zugänglich als Filme mit Altersbeschränkung. Bei allen gängigen Spielekonsolen gebe es Möglichkeiten, sie hundertprozentig kindersicher zu machen – etwa indem Spiele, die erst ab 16 oder 18 gespielt werden dürften, nur nach Eingabe eines Pincodes funktionierten. „Bei DVDs oder dem Fernseher gibt es so etwas nicht.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Helmut Fricke
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