Türkische Karriere

Allein unter Männern. In Anatolien.

Von Necla Kelek

12. Mai 2007 Nergis hat es geschafft. Nach ihrem Chemiestudium leitet die 32-Jährige heute eine Fabrik mit 45 Mitarbeitern in Afyon, Anatolien. Die Fabrik produziert Kunststoffrohre für Kläranlagen und Wasserleitungen. Sie ist dort, wo die Frauen ihren Mann mit "Effendi", mein Herr, anreden und dabei zu Boden schauen.

Auf Nergis hören fünf Frauen in der Verwaltung, fünf Betriebsingenieure und 35 Männer in der Produktion. Sie leitet das Werk, organisiert Arbeitsabläufe, überwacht Qualität, Kosten und Termine. Sie verdient gut, hat einen Dienstwagen und eine eigene Wohnung.

Alleinstehende als Provokation

Nein, das stimmt nicht ganz: Sie hatte eine eigene Wohnung, die hat sie inzwischen aufgegeben und wohnt seit zwei Jahren in der Gästewohnung auf dem Fabrikgelände. "Ich hatte große Probleme, überhaupt eine Wohnung zu bekommen", sagt sie. Als unverheiratete und alleinstehende Frau ist es fast unmöglich, eine Wohnung zu mieten.

Eine türkische Frau in ihrem Alter ist normalerweise verheiratet oder lebt bei ihrer Familie. Ein Single-Dasein, sagt Nergis, sei in der Türkei einfach eine Provokation. Besonders für die Nachbarn. Als sie die Wohnung mieten wollte, musste der Betrieb bürgen und ihr Vater den Mietvertrag unterschreiben. Trotz der schönen Wohnung fuhr sie jedes Wochenende nach Hause, nach Ankara zu ihren Eltern. Insofern konnte sie die Wohnung ohnehin kaum nutzen, und so löste sie das Problem pragmatisch, sparte Miete und beendete das Gerede der Nachbarn.

Respekt ist ein Synonym für Gehorsam

Afyon ist eine Provinzstadt mit 100.000 Einwohnern, in Westanatolien, etwa vier Autostunden von Ankara wie auch von Istanbul entfernt. Afyon heißt "schwarzes Opiumschloss" und wurde am Fuße eines schroffen, mit schwarzem Trachyt überzogenen Felsen errichtet, auf dessen Spitze eine Zitadelle aus der Zeit der Hethiter steht. Von Afyon aus wagte Atatürk im Bürgerkrieg den entscheidenden Vorstoß gegen die Griechen, die er 1922 bei Smyrna, heute Izmir, besiegte und ins Meer jagte.

Die von Nergis geleitete Fabrik gehört einer österreichischen Firmengruppe. Deren Manager haben die junge Frau zur Chefin gemacht, weil sie die Einzige war, die über die nötigen Fähigkeiten, Sprachkenntnisse und über Flexibilität verfügte. Für ihre Arbeiter ist sie der Boss. Was sie sagt, ist Gesetz. Sie haben Respekt vor ihr, denn sie weiß, wovon sie spricht. Respekt hat man in dieser Gesellschaft vor dem Alter oder vor dem Amt, nicht aber vor Frauen. Respekt ist ein Synonym für Gehorsam.

Ein Junge bringt Tee auf Zuruf

Nergis sieht gut aus, trägt ein ausgesucht schönes Kostüm, über das sie einen weißen Kittel zieht, wenn sie in die Produktion geht. Sie ist klein, zierlich und trinkt ständig Tee, den ein Junge auf Zuruf bringt und einschenkt. Jeder Betrieb hat so einen Teejungen, der Tee kocht und bringt und auch sonstige Besorgungen macht.

Einmal im Jahr muss Nergis all das hinter sich lassen. Dann fährt sie ins Ausland, im letzten Jahr war sie für zehn Tage in China. Allein. Auch von Afyon aus fährt sie manchmal für ein Wochenende allein ans Meer. Im Betrieb erzählt sie dann, sie fahre zu ihren Eltern, ihren Eltern sagt sie, sie müsse arbeiten.

Leben im Kollektiv

Auch in Afyon ist sie allein. Ganz ohne Bitternis, eher amüsiert, erzählt sie von ihrem Leben in der türkischen Provinz. Sie sagt: "Ich bin hier die Direktorin, aber nicht als Frau. Ich kann nicht mit einem fremden Mann ausgehen oder Besuch von einem Mann erhalten. Die Direktorin kennt jeder. Und alle achten darauf, was sie tut. Nicht weil sie die Direktorin, sondern weil sie eine Frau ist."

In der türkisch-muslimischen Gesellschaft, sagt Nergis, sei Mann oder Frau selten allein. Das Leben spiele sich im Kollektiv ab, das Ideal sei die Familie, die Gemeinschaft. Von früh auf werde jedem beigebracht, die Familie sorgt für dich, die Familie schützt dich, die Familie ist das, was du bist. In Wahrheit ist die Familie ein Kontrollsystem, in dem das Wort der Väter Gesetz und die Brüder die Wächter ihrer Schwestern sind.

Selbststigmatisierung als Opfer

Afyon ist eine stark vom Islam geprägte Stadt, mit vormodernen Werkstätten und Plattenbauten um die verwinkelte Altstadt, dazwischen einige wenige neue Internetcafés und eine Art Einkaufsstraße. Der Einfluss des Islams ist im Straßenbild unschwer an den vielen verschleierten Frauen zu erkennen, die mal unsicher, oft aber ganz selbstverständlich ihren Turban und den langen Mantel tragen, ganz so, als trügen sie eine Uniform. Sie selbst scheinen zu glauben, es sei wichtig, der übrigen Gesellschaft ein Zeichen zu geben: Seht her, wir sind rein, und wir sind da.

Eine stichhaltige theologische Begründung gibt es für die Verschleierung nicht, sie ist die traditionelle Selbststigmatisierung als Opfer. Die Kopftücher, die die Gesichter einschnüren, und die schlechtgeschnittenen farblosen Mäntel, die die Köper verbergen sollen, sind modisch das Unvorteilhafteste, was Schneider je zusammengenäht haben, nur noch übertroffen von dem schwarzen Zelt, dem Tschador, der die Frauen total verhüllt und zu einem entpersönlichten Nichts macht.

Kontrolle und Misstrauen

Die Botschaft des Islams tönt bereits bei Sonnenaufgang von den Minaretten der zahlreichen Moscheen, die fünfmal am Tag - nicht nur hier, sondern inzwischen in jedem Winkel der Türkei - über laute schnarrende Lautsprecher Allah als einzigen Gott und Mohammed als seinen Propheten ausrufen, ganz so, als könne jemand das über Nacht vergessen haben.

Afyon ist ziemlich übersichtlich, die soziale Kontrolle funktioniert. Man "kümmert" sich und hält das für Fürsorge. Tatsächlich ist es eine Kultur der Kontrolle und des Misstrauens, die die gesamte Gesellschaft beherrscht. Jeder überwacht jeden und fühlt sich dazu auch berechtigt. Im Koran steht in der Sure 7, Vers 157 der folgenschwere Satz, der den Gläubigen "gebietet, was recht ist, und verbietet, was verwerflich ist". Aus diesem Vers leiten die Männer in den islamisch geprägten Gesellschaften seit über tausend Jahren das Recht ab, über andere zu bestimmen. In den Teehäusern und Moscheen tun die Männer nichts anderes, als sich gegenseitig zu beäugen und über die angeblichen Fehler der anderen zu reden. Besonders über die Fehler der Frauen. Das Misstrauen gegen die eigene Frau und die der anderen liegt wie ein Fluch über dieser türkisch-muslimischen Gesellschaft, es macht sie engherzig und beklemmend.

Die Frau ist die Ehre des Mannes

Wir gehen auf meinen Wunsch durch die Altstadt mit ihren engen Gassen und Häusern. Drei Männer haben einen Rinderkopf von einem Wagen gehoben. Er liegt jetzt vor der Tür einer Schlachterei, eine Blutlache läuft die schmutzige Straße herunter. Als die Männer uns sehen, rütteln sie an den Hörnern, als wollten sie den Kopf lebendig erscheinen lassen, und lachen uns hinterher. Wir sind die Attraktion dieses Nachmittags in den Straßen der Altstadt und werden aus Türen und Fenstern beobachtet.

Nergis möchte die schmalen Gassen so schnell wie möglich wieder verlassen. Eine verschleierte Frau in Plastiklatschen und mit einem Kind auf dem Rücken drückt sich an uns vorbei und verschwindet in einer Kellertür. Ich frage Nergis, wie sie das erträgt, dieses Elend, warum sorgt sich denn niemand um diese Frauen und Kinder, die wie verschrecktes Wild hinter Türen und Fenster sitzen. Sie sieht mich verwundert an und fragt, warum mich das interessiere. Die Frau habe mir doch nichts getan. Sie glaubt, ich fühlte mich vom Anblick der Frau belästigt. So weit geht die Fürsorge für andere in einer kontrollierten Gemeinschaft wie dieser dann doch nicht. Nächstenliebe ist in dieser Gesellschaft auf Verwandte und Bekannte begrenzt, auf Brüder und Schwestern im Geiste, von Ausnahmen abgesehen. Eine Frau kann im Elend leben, das ist ihr Schicksal, dafür schämt sich niemand. Einen fremden Mann ansehen darf sie nicht, damit würde sie die Ehre ihres Mannes beschmutzen. Die Frau ist die Ehre des Mannes.

Nergis will sich nicht helfen lassen

Wir fahren zurück in die Fabrik, zum Tee. Die Mitarbeiter der kleinen Fabrik wechseln häufig, denn Heirat und Familienangelegenheiten sind wichtiger als der Job und die Karriere. Heirat - ja oder nein, diese Frage stellt sich in der muslimischen Gesellschaft nicht. Die häufigsten Probleme der Mitarbeiter drehen sich nicht um die Arbeit, Ausbildung, Gesundheit, Gehalt, sondern um das Heiraten, sagt sie. Schon ganz junge Männer kommen zu ihr, um ihr mitzuteilen, dass sie in diesem Jahr heiraten werden und dafür zwei Wochen Urlaub im Juli brauchen. "Wir sind schon auf der Suche", sagen sie, was heißt: Die Familie ist auf der Suche nach einer Braut.

Unverheiratet ist in der Firma kaum jemand. Nur eben die Direktorin. Und das weiß jeder. Dass Nergis nicht verheiratet ist, halten ihre Familie, ihre Mitarbeiter für einen Fluch. Man würde ihr gern helfen, einen Partner zu finden, aber Nergis will sich nicht helfen lassen. Und deshalb wird sie argwöhnisch beobachtet.

Geschlechtsloses Leben

"Im Prinzip", sagt sie, "hat der Junge, der den Tee bringt, mehr Macht über mein Leben als ich selbst. Wenn ich den Leuten hier Schande machen würde, indem ich mich beispielsweise mit einem Mann träfe, würden sie mich, ohne zu zögern, davonjagen - selbst wenn es sie den Job und die Firma die Existenz kosten würde. Ich bin hier nur Direktorin, weil ich keine Frau bin. Ich lebe hier als geschlechtsloses Wesen. Das weiß ich", sagt sie, "das ist der Preis meiner Freiheit."

Reich ist sie bisher nicht geworden, obwohl sie sehr gut verdient und das Leben hier billig ist. Aber sie hat Eltern, die krank sind und deren Arztrechnungen bezahlt sein wollen. Und sie hat eine Schwester, die noch studiert und deren Studium sie bezahlt. Auch für Nergis gilt: Die Familie ist alles, was du hast und was du bist, selbst als Direktorin und erwachsene Frau. Selbstverantwortlich tun und lassen können, was man will, ginge einher mit dem Preis der sozialen Ächtung. Nergis genießt mehr Freiheit als die meisten anderen Frauen, aber es ist die Freiheit des Vogels, im Käfig zu singen.

Das „Suppenhuhn“

An den Wochenenden in Ankara ist Nergis wieder Tochter. Sie passt bei ihren Eltern auf das Baby der älteren Schwester auf - weil sie ja nichts zu tun hat. Wenn sie einkaufen oder essen gehen will, raunzt ihr Vater hinter ihr her: "Du kommst ja sowieso nur hierher, um dich zu amüsieren." Er leidet darunter, dass sie noch nicht verheiratet ist und bereits als kartalos, als ein sitzengebliebenes "Suppenhuhn", gilt. Das setzt ihm, dem Oberhaupt der Familie, zu. Und Nergis' Mutter kann es kaum ertragen, wenn die Tochter bei ihnen weder Fleisch noch Tomaten und Zwiebeln isst, sogar Baklava verschmäht und sich stattdessen von Tee und Zwieback ernährt. "Nicht zu heiraten und nicht zu essen - das sind die Dinge, mit denen man seine Eltern bei uns quälen kann", sagt Nergis, lacht und trinkt den Tee, den der Junge gebracht hat.

Necla Kelek, geboren1957 in Istanbul, ist Soziologin und Mitglied der Deutschen Islamkonferenz. Die (hier leicht gekürzte) Geschichte über Nergis ist erschienen in Ulrike Ackermann: Welche Freiheit. Matthes & Seitz Verlag, April 2007.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.05.2007, Nr. 18 / Seite 38

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