Ölreserven

Endgültig Schluß mit lustig?

Von Richard Friebe

Zukunft der Ölförderung: Bessere Technik oder weniger Öl?

Zukunft der Ölförderung: Bessere Technik oder weniger Öl?

23. Mai 2004 Öl ist zur Zeit knapper denn je. Der Benzinpreis liegt auf Rekordniveau. Das beunruhigt die Wirtschaft, die Verbraucher und natürlich auch die Politiker. Deshalb kam jetzt der dringende Appell an die Förderländer, mehr auf den Markt zu pumpen, damit die Preise wieder sinken. Das könnte, wie in der Vergangenheit, noch einmal funktionieren. Aber im nächsten Jahr vielleicht schon nicht mehr. Und danach nie wieder.

In der kommenden Woche treffen sich Experten aus aller Welt in Berlin zur dritten Konferenz der "Association for the Study of Peak Oil" (ASPO). Organisiert wird das Ganze von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Thema: der Schwund der Öl- und Erdgasreserven.

„Im nächsten Jahr den Höhepunkt erreichen"

Auch Colin Campbell wird dabeisein. Er gilt als Koryphäe bei der Bewertung von Ölvorkommen. Der Geologe, früher bei Texaco, BP, Fina, Shell und einigen anderen Ölfirmen beschäftigt, lebt inzwischen in Südirland in einem Nest namens Ballydehob und hat gerade die Aktualisierung seiner Prognose über die weltweite Erdölförderung abgeschlossen. "Es sieht so aus, als ob wir im nächsten Jahr den Höhepunkt erreichen", sagt Campbell.

Dieser "Peak", den Campbell bis vor kurzen noch um das Jahr 2010 herum sah, womit er schon als extremer Pessimist galt, ist ein neuralgischer Punkt für die gesamte Weltwirtschaft. Denn wenn das Modell einer Glockenkurve der Ölproduktion, wie Campbell es anwendet, korrekt ist, dann wird nach Erreichen des höchsten Punktes einiges passieren: Die Fördermenge wird unausweichlich und stetig sinken, die Preise werden weiter steigen, die Weltwirtschaft wird in eine Krise geraten, und der Kampf um die schwindenden Ressourcen wird mit harten Bandagen geführt werden.

"Das ist wirklich ein Witz"

Droht also die größte Wirtschaftskrise aller Zeiten? Schließlich haben sich Voraussagen anhand solcher - vor fast fünfzig Jahren erstmals durch den Geologen Marion King Hubbert angewandten - "Hubbert-Kurven" schon mehrfach als richtig erwiesen. Zumindest im regionalen Maßstab, etwa für 48 US-Bundesstaaten, deren Produktion schon Anfang der siebziger Jahre ihren Höhepunkt erreichte. Auch für das norwegische Nordseeöl traf vor zwei Jahren die Prognose zu, daß es von nun an nur noch abwärtsgeht.

"Das ist wirklich ein Witz", sagt Leonardo Maugeri, Topmanager der italienischen Ölfirma Eni (Agip): "Campbell hat vor Jahren für 1989 den Peak vorausgesagt, dann für 1995, dann für 1998, dann für 2002." In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Science schreibt Maugeri, neue Exploration von Ölfeldern, verbesserte Techniken zur Ausbeutung der bekannten Vorkommen und die Kräfte des Marktes würden dazu führen, daß die Ölproduktion noch über Jahrzehnte steigen, Wirtschaftswachstum antreiben und sogar die Nachfrage des gerade erst erwachenden Drachen China befriedigen könnte.

Teure Zusatzreserven

Ähnlich denkt auch Michael Lynch vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge bei Boston. Er glaubt an einen "langen, weichen Übergang". Es gebe "noch eine Menge konventionelles Öl. Und vor allem unkonventionelles." Das "unkonventionelle" Öl lagert zum Beispiel tief unter dem Meeresboden, als Schweröl in und vor Venezuela oder in den Ölsandvorkommen Kanadas. Bei einem Ölpreis von dauerhaft mehr als 25 Dollar pro Barrel wäre die Ausbeutung dieser Reserven wirtschaftlich lohnend.

Gerade bei den riesigen kanadischen Lagerstätten - nach der reinen Menge vorhandenen Öls sind die Nordamerikaner weltweit Nummer zwei hinter Saudi-Arabien - liegt das Problem aber darin, daß man mit der derzeit verfügbaren Technologie mehr Energie in die Förderung stecken müßte, als das Produkt wieder hergibt. Das ist natürlich wenig sinnvoll. Von den Konsequenzen dieser "dirty oils" für Umwelt und Klima ganz zu schweigen.

Warnrufe von Finanzmarktanalysten

Wenn es um die Bewertung der globalen Ölvorräte geht, sind die Experten erstaunlicherweise oft nicht die Geologen, sondern die Finanzmarktanalysten. Sie gelten nicht gerade als besonders pessimistisch veranlagt. Allerdings kommen auch aus dieser Ecke in letzter Zeit Warnrufe. Matthew Simmons etwa, Öl-Broker im texanischen Houston und bis vor kurzem enger Berater der Bush-Regierung in Energiefragen, ist davon überzeugt, daß die Welt-Ölproduktion jetzt oder in allernächster Zukunft ihren Höhepunkt erreicht. Mit allen Konsequenzen, die das für die Preisentwicklung hat - auch wenn der Peak in den wichtigsten Ölländern am Golf noch nicht unmittelbar bevorsteht. Ob seine Voraussage stimmt, meint Simmons, werde man erst rückblickend beurteilen können.

Auch Campbell sagt: "Man sieht einen Gipfel nicht, wenn man auf ihm steht". Seine immer wieder korrigierten Voraussagen aus der Vergangenheit kommentiert er so: "Manche sagen, ich bin gescheitert. Ich sage: Ich mache Fortschritte."

Wo sind die Reserven?

Garant für sprudelndes Öl war bisher Saudi-Arabien. Und auch diesmal sollen die Scheichs es wieder richten. In letzter Zeit allerdings mehren sich die Zweifel, ob die Saudis überhaupt zusätzliche Kapazitäten haben, um noch über Jahrzehnte hinweg je nach Bedarf reichlich Erdöl auf den Markt zu bringen und so für einigermaßen erträgliche Preise zu sorgen. Maugeri, dessen Firma stark am Golf engagiert ist, sagt, er habe sichere Informationen, daß Saudi-Arabien bis 2009 deutlich mehr produzieren könnte, als preispolitisch nötig wäre.

Simmons dagegen glaubt, daß die Kapazitäten aus politischen Gründen zu hoch angesetzt seien. Im weltgrößten Ölfeld al-Ghawar beispielsweise muß derzeit immer mehr Wasser in den zerklüfteten Kalkstein gepumpt werden, damit das Öl weiter fließt. Und größere Neuentdeckungen hat es auch in Saudi-Arabien seit den sechziger Jahren nicht gegeben.

Selbst die großen Hoffnungen, die Exploratoren noch vor wenigen Jahren in die Vorkommen am Kaspischen Meer setzten, haben sich nicht erfüllt. Anstelle eines einzigen riesigen Ölfeldes gibt es viele kleine, die insgesamt wahrscheinlich etwa 15 Milliarden Barrel hergeben werden - und damit deutlich weniger als die ursprünglich erhofften 200. Zudem ist das Öl dort extrem schwefelhaltig und setzt dem Bohrgerät stark zu. Einige große Firmen haben sich bereits zurückgezogen.

Zu solchen geologisch begründeten Korrekturen nach unten kommen in letzter Zeit auch Meldungen von Ölfirmen, die ihre Reserven zu hoch angegeben hatten, um die Anleger zu beruhigen. In diesem Jahr mußten bereits mehrere Top-Manager aufgrund solch irreführender Angaben gehen.

„Offensichtlich nicht mehr viel zu finden"

"Es gibt offensichtlich wirklich nicht mehr viel zu finden", sagt Jeremy Rifkin, Umwelt- und Sozialaktivist und Autor des Buches "Die Wasserstoff-Revolution", in dem er das Ende der Öl-Weltwirtschaft voraussagt und eine Kombination aus Wasserstoff-Technologie und erneuerbaren Energiequellen als Zukunftsmodell propagiert.

Allzu optimistisch stimmt die Entwicklung der vergangenen Jahre wirklich nicht: Die amerikanische Bergbaubehörde US Geological Survey erwartete in einer Studie im Jahr 2000 jährliche Neuentdeckungen von etwa 24 Gigabarrel (Milliarden Barrel). In den letzten zehn Jahren waren es jedoch selten mehr als zehn. Der jährliche Verbrauch liegt inzwischen doppelt so hoch.

Welche Seite in der Voraussage der Ölproduktionsentwicklung recht hat, wird sich in der Tat erst in ein paar Jahren zeigen. Für Geologen und Physiker wie Campbell oder Kjell Aleklett von der Universität Uppsala (Sonntagszeitung vom 4. April) enthält ein Ölfeld so viel Öl, wie mit den derzeitigen Möglichkeiten zu fördern ist. Für Ökonomen dagegen sind Ölfelder und deren Nutzbarkeit eine eher dynamische Angelegenheit, die sich zusammen mit der Exploration, der Bohrtechnik und den Preisen entwickelt.

Insofern liegt die Wahrheit wahrscheinlich in der Mitte. Das würde bedeuten, daß der Peak sich eher zu einem Plateau ausweitet und die Abwärtsbewegung bei der Fördermenge nicht so steil verlaufen wird, wie eine Hubbert-Kurve es suggeriert. Billiger würde Öl in Zukunft trotzdem nicht mehr, denn der Aufwand und die Förderkosten werden mit Sicherheit steigen.

"Obsession der Öl-Sicherheit und Öl-Kontrolle“

In seiner Science-Veröffentlichung schreibt Maugeri, Warnrufe nährten lediglich die "Obsession der Öl-Sicherheit und Öl-Kontrolle, die schon jetzt tief in der westlichen Meinung verwurzelt ist und die bisher immer zu schlechten politischen Entscheidungen geführt hat". Wer wollte da widersprechen?

Es ist also höchste Zeit für ein paar energiepolitische Entscheidungen. Die Gouverneure von Kalifornien und New Mexico haben im April bereits signalisiert, was sie angesichts des rarer werdenden Öls für richtig halten: Sie unterzeichneten eine Absichtserklärung, in Zukunft deutlich mehr Energie aus erneuerbaren Quellen wie Sonne, Wind und Biomasse zu gewinnen und die Energie-Effizienz ihrer Staaten deutlich verbessern zu wollen. Präsident Bush hat zur Zeit allerdings noch andere Sorgen.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.05.2004, Nr. 21 / Seite 67
Bildmaterial: epa

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