08. Oktober 2006 In der Begegnung mit Journalisten kamen die ersten Zweifel am vergangenen Mittwoch auf. Während eines Interviews entstand eine auffallend lange Pause, als Airbus-Chef Christian Streiff gefragt wurde, ob er seinen Job noch einmal antreten würde, wenn er heute die Wahl hätte. Die Verwunderung stieg dann, als Streiff am Abend überraschend seinen Besuch bei Wirtschaftsminister Michael Glos absagte, so daß EADS-Vorstandschef Tom Enders kurzfristig einspringen mußte. Wenig später traf bei der Muttergesellschaft EADS Streiffs Rücktrittsschreiben ein.
Halboffiziell heißt es im Konzernkreis, daß sich Streiff mit EADS über die Integration der Tochtergesellschaft Airbus überworfen habe. Doch an einem konkreten Streitfall hat sich der Plan, Airbus an die kurze Leine zu legen, nie festgemacht. Wenn Streiff nicht ein konkretes Angebot für den Chefsessel von Peugeot-Citroën vorliegt, dann stellen sich grundsätzliche Fragen nach der Eignung des französischen Managers, der aus der Baustoffindustrie kam. Das nie dementierte Treffen von Streiff mit der Familie Peugeot am vergangenen Wochenende wurde bei EADS zudem als unzulässiges Pokerspiel interpretiert.
Erst Bullshit, dann nicht mehr tragbar
Hat Jean-Louis Beffa doch recht gehabt? Der Chef des französischen Baustoffkonzerns Saint Gobain hatte Streiff 2004 zu einem Nachfolger ernannt, ihn dann aber ein Jahr später abrupt fallengelassen, so daß Streiff das Unternehmen verließ, dem er 26 Jahre lang angehört hatte. Sobald Streiff zur offiziellen Nummer zwei auserkoren war, soll er allzu selbstherrlich aufgetreten sein, sagten seine Gegner. Mit dem Übervater Beffa konnte das nicht gutgehen.
Nun ging es auch bei Airbus daneben - mitten in der heiklen Präsentation des schwierigen Sanierungsplanes. Seit Tagen kursieren Gerüchte über Spannungen zwischen Streiff und dem EADS-Verwaltungsrat. Erst soll sich der Airbus-Chef mit dem französischen EADS-Kovorstandsvorsitzenden Louis Gallois gerieben haben, weil diesem Streiffs Restrukturierungsplan zu radikal war. Dann wollte sich Streiff von Enders nichts vorschreiben lassen. Der krisengeschüttelte Mutterkonzern versuchte die Differenzen Mitte vergangener Woche noch unter der Decke zu halten: Christian Streiff hat meine volle Unterstützung, sagte EADS-Kovorstandsvorsitzender Enders gegenüber dieser Zeitung und bezeichnete gegenteilige Gerüchte als Bullshit. Doch am Sonntag galt Streiff schon nicht mehr als tragbar.
Habe den Vorteil, daß ich vollständig europäisch bin
Der 51 Jahre alte Franzose, geboren in Sarrebourg im Departement Moselle, hat nach der Ingenieur-Eliteschmiede Ecole des Mines einen Großteil seiner Karriere abwechselnd in Deutschland und Frankreich verbracht. Prägend waren die Jahre 1985 bis 1991 in Ostdeutschland, wo Streiff den Zusammenprall von Kapitalismus und Kommunismus erlebte. Seine Erlebnisse verarbeitete er in einem Roman mit autobiographischen Zügen, der einen ostdeutschen Kombinatsleiter und einen französischen Industriemanager im Kampf um die Rettung eines Unternehmens beschreibt.
Der Roman endet mit einem betriebswirtschaftlichen und menschlichen Scheitern - so wie jetzt auch Streiffs Karriere bei Airbus. Erst im Juli war der Vater von drei Kindern, den nur ein Pilotenschein mit der Luftfahrtbranche verbindet, ernannt worden. Ich habe den Vorteil, daß ich vollständig europäisch bin, sagte der mehrsprachige Manager einmal. Bei Airbus reichte dies nicht aus.
Text: F.A.Z., 09.10.2006, Nr. 234 / Seite 13
Bildmaterial: AFP
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Röttgen und Brüderle: Die Energieminister
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