20. Oktober 2003 Erst Mannesmann, in diesem Jahr Wella und vielleicht bald Beiersdorf mit Nivea: Deutsche Marken von Weltruf drohen unter fremden Konzerneinfluß zu geraten. Für viele noch schlimmer ist, daß ausländische Interessenten sich dieser Unternehmen bemächtigen. Sie sprechen vom Raub eines Stücks deutscher Wirtschaftswunderidentität, verbunden mit dem Verlust von Arbeitsplätzen und der in einer Unternehmenszentrale gebündelten Kompetenz. Befürchtet wird eine Ausdörrung der Wirtschaftslandschaft, eine Furcht, die nur zu oft von diversen Lokalpolitikern geschürt wird. Es ist an der Zeit, die Sachverhalte zurechtzurücken.
Die einfachste Botschaft lautet: Wenn deutsche Unternehmen im Ausland akquirieren, muß auch der umgekehrte Schritt möglich sein. Man mag an der Sinnhaftigkeit eines Konzepts zweifeln, bei dem Daimler-Benz den Konkurrenten Chrysler in den Vereinigten Staaten de facto übernimmt und darüber hinaus die Kontrolle von Mitsubishi Motors in Japan erringt. Man mag rätseln, ob der Zukauf von Voicestream in Amerika ein Geniestreich der Deutschen Telekom war. Man wird gespannt verfolgen, ob die Einkaufstour der Energiekonzerne Eon und RWE im Ausland die erhofften Erfolge bringt. Klar ist aber: Die Globalisierung der Konzernstrukturen kann keine Einbahnstraße sein. Und auch Deutschland profitiert davon. Ohne das Engagement der Ausländer wäre zum Beispiel die Industriebrache in den neuen Bundesländern noch schlimmer als schon jetzt beklagt.
Natürlich mag es die deutsche Seele aufwühlen, wenn bekannte Marken unter ausländische Oberhoheit geraten, zumal die Unternehmen nicht zwangsläufig davon profitieren. Ausländer konnten den Niedergang der Unterhaltungselektronik nicht aufhalten oder haben ihn sogar beschleunigt. Dasselbe gilt für den traditionsreichen Nähmaschinenhersteller Pfaff. All dies heißt aber nicht, daß deutsche Investoren erfolgreicher gewesen wären.
Wer ist der beste Herr eines Unternehmens? Wer hat die besten Strategien, schafft oder erhält die meisten Arbeitsplätze? Darüber kann weder eine Senatsverwaltung entscheiden noch ein Gericht. Auch wenn es manchen nicht paßt: Nur der Markt vermag eine Lösung zu finden, dies in dem manchmal quälenden Prozeß von Versuch und Irrtum. Es geht auch gar nicht anders, wenn man die Eigentumsgarantie des Grundgesetzes als einen der Pfeiler der Marktwirtschaft ernst nimmt. Zwar wird gerne versucht, dessen Sozialverpflichtung auch auf den Erhalt bekannter Marken auszudehnen. Mit dem gleichen Argument könnte man dann dem Eigentümer eines Jugendstilgebäudes mit Traditionsrestaurant verbieten, die Räume an McDonald's zu vermieten. Der Entschluß muß folgenlos bleiben, mögen Stadtväter noch so protestieren und Bürger die Lokalzeitung mit Leserbriefen zuschütten.
Marken stehen nicht unter Denkmalschutz. Die Verkaufswelle unter den deutschen Brauereien - darunter so bekannte Namen wie Beck's, Hasseröder und Hannen - ist kein nationales Unglück, sondern die Chance zur Neuordnung eines anachronistischen Marktes. Marken sind von tüchtigen Unternehmern und Managern zum Strahlen gebrachte Wirtschaftsgüter. Entsprechend tauchen sie als Wertansätze in Unternehmensbilanzen auf. Marken gehören aber den Eigentümern, diese besitzen die Verfügungsgewalt. Gerade der Tchibo-Konzern, der sich gerne mit dem Titel "Retter von Beiersdorf" schmücken läßt, aber vielleicht doch nur die Wertsteigerung seiner eigenen 30-Prozent-Beteiligung im Sinn hat, hatte zu Recht keine Hemmungen, im März vergangenen Jahres die deutsche Traditionsmarke Reemtsma an Imperial Tobacco in Großbritannien zum Gesamtpreis von 6,8 Milliarden Euro zu verkaufen.
Neben dem Erhalt ihrer Fabriken investieren Unternehmen in erster Linie aus zwei Gründen: Entweder wollen sie preisgünstiger produzieren, das heißt, sie rationalisieren. Oder sie dehnen sich aus, sie erweitern also die bestehende Produktion oder suchen neue Betätigungsfelder. Dies gilt für Sachinvestitionen und für Firmenkäufe gleichermaßen. Je nach Investitionsabsicht kann dies zahlreiche Arbeitsplätze kosten. Die verbleibenden jedoch, so zumindest die Hoffnung, werden dadurch sicherer.
Bei Beiersdorf mit seinen knapp fünf Milliarden Euro Jahresumsatz stehen sich die beiden Konzepte scharf gegenüber. Tchibo würde in ein neues Geschäftsfeld vordringen, der Gegenspieler Procter & Gamble aus den Vereinigten Staaten versuchen, die Erweiterung mit Einspareffekten zu verbinden. Dies mag man wegen der Arbeitsplatzverluste beklagen, doch dann müßte man auch alle Rationalisierungsinvestitionen deutscher Unternehmen verdammen. Am Ende stünde die staatliche Investitionslenkung, womöglich noch angereichert durch strukturkonservierende Erhaltungssubventionen. Das Beiersdorf-Paket der Allianz, auf das beide Interessenten schielen, hat einen Börsenwert von rund vier Milliarden Euro. Letztlich kann nur über den Preis entschieden werden, wer den Zuschlag erhält. Derjenige, der glaubt, Beiersdorf ertragreicher führen zu können, wird zum höheren Angebot bereit sein.
Vor den Wahlen in unserem Nachbarland Schweiz am vergangenen Wochenende ist auch mit der Parole "Wir wollen keine deutschen Verhältnisse" hantiert worden. Die FDP des Landes meinte damit unter anderem die "Offenheit gegenüber Europa und der Welt". Die Offenheit gegenüber Unternehmensakquisitionen ist ein Gradmesser für die wirtschaftlichen Freiheiten in einem Staat - Spielräume, die Investitionen anregen und damit wachstumsfördernd sind. Gerade hierzulande, im Land der starken Marken, dürfen Nivea und Co. nicht zu nationalen Kulturgütern hochstilisiert werden.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.10.2003, Nr. 244 / Seite 13
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