Wirtschaftskanzleien

Wettlauf um die höchsten Gehälter

Von Corinna Budras

Das gelingt nur den Besten der Besten

Das gelingt nur den Besten der Besten

06. Januar 2007 In den internationalen Wirtschaftskanzleien lockt das große Geld. Das gilt in diesem Jahr mehr denn je, denn im Wettbewerb um die höchsten Einstiegsgehälter haben die Sozietäten die sensible Marke von 100.000 Euro im Jahr überschritten – Boni sind darin noch gar nicht enthalten. Besonders die amerikanischen Anwaltsgesellschaften winken mit den großen Scheinen, um den vielversprechenden Nachwuchs an sich zu binden. Bei Latham & Watkins kann ein herausragender Kandidat inklusive Bonus gar bis zu 140.000 Euro Jahresgehalt nach Hause tragen. Das gelingt freilich nur den Besten der Besten: Juraabsolventen mit Prädikatsexamen, Fremdsprachenkenntnissen, ausländischem Abschluss oder Doktorarbeit müssen es schon sein. In diese erlesene Gruppe schafft es jedes Jahr nur ein Bruchteil der insgesamt rund 8000 Absolventen.

Die stolze Entwicklung bei den Gehältern der Junganwälte, sogenannte Associates, hat erst seit dem Sommer richtig an Fahrt gewonnen. Vorher hatte sich jahrelang nichts bewegt – die wirtschaftlichen Probleme der vergangenen Jahre hatten auch bei den Rechtsberatern ihre Spuren hinterlassen. Die deutsche Kanzlei Hengeler Mueller war die erste, die mit üppigen Gehaltssprüngen auf bis zu 90.000 Euro von sich Reden machte. Damit war der Startschuss gefallen. „In den vergangenen Monaten hat ein Wettlauf stattgefunden, der auch richtig war“, sagt Markus Hartung, Managing Partner der Kanzlei Linklaters. Denn den Kanzleien geht es nun merklich besser. Insbesondere die Zahl der Unternehmenszusammenschlüsse ist im vergangenen Jahr sprunghaft angestiegen – und bescherte auch den Wirtschaftskanzleien gutes Geschäft.

Stimmung wird wohl gut bleiben

Vertragsverhandlung, erfolgreiche

Vertragsverhandlung, erfolgreiche

Die Stimmung in den Großkanzleien ist gut – und wird es voraussichtlich auch vorerst bleiben. „Das Jahr 2006 war ein heftiges Transaktionsjahr. Wir rechnen damit, dass sich das in diesem Jahr mit einigen Besonderheiten fortsetzt“, betont Hartung. Richtig zugenommen hätten Kapitalmarkt getriebene Transaktionen, insbesondere Private-Equity-Geschäfte. Der erste Schwung an Unternehmenskäufen sei erst einmal vorüber, sagt Hartung voraus. Nun werden viele Restrukturierungen und Refinanzierungen folgen. Allerdings haben Private-Equity-Unternehmen noch immer keinen Konzern aus der Reihe der am Deutschen Aktienindex Dax 30 gelisteten Unternehmen übernommen – das könnte sich jedoch nach Ansicht einiger Anwälte in diesem Jahr ändern.

Auch im europäischen Kartellrecht wird auf die Advokaten der internationalen Sozietäten viel Arbeit zukommen, denn die europäischen Wettbewerbshüter haben ihren Druck auf die Unternehmen stark erhöht. „Die Kommission wird immer strenger“, beobachtet Hartung. „Das ist im vergangenen Jahr besonders bei den Energieversorgern deutlich geworden.“ So standen die Kontrolleure bei den vier großen deutschen Versorgern im Morgengrauen auf der Matte und haben die Büroräume nach belastendem Material untersucht, weil sie Preisabsprachen und Preismanipulationen vermuten.

Wachsende Konkurrenz

Neben dem großen Geschäft müssen sich die Kanzleien jedoch ähnlich wie ihre Kollegen aus den kleineren Büros den Herausforderungen einer wachsenden Konkurrenz stellen. Das Rechtsdienstleistungsgesetz steht vor der Tür – und damit auch die Öffnung der Rechtsberatung für Nichtjuristen. Künftig sollen in bestimmten Grenzen also auch Banken, Versicherungen, Architekten oder Autowerkstätten ihren Kunden mit Rechtsrat zur Seite stehen können. Bisher feilt der Gesetzgeber noch an der genauen Formulierung, doch insbesondere die Konkurrenz von Banken und Versicherungen könnte den Großkanzleien noch Kopfschmerzen bereiten. „Wir begehen einen schweren Fehler, wenn wir so tun, als würde uns das Rechtsdienstleistungsgesetz nichts angehen“, warnt Hartung.

Die Sorge vor der Konkurrenz ist eine der wenigen, die die Anwaltsfirmen noch mit ihren Berufsgenossen in den kleinen Kanzleien teilen. Schon seit einiger Zeit beobachtet die Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) mit Sorge, dass die Gräben zwischen den beiden Seiten immer größer werden. „Die Unterschiede in der wirtschaftlichen Situation und der konkreten Berufsausübung werden immer größer“, sagt Axel Filges, BRAK-Vizepräsident und als Rechtsanwalt von Taylor Wessing selbst in einer internationalen Sozietät tätig. Es sei ein erhebliches Problem, wenn sich die Einkommenssituation zwischen den beiden Gruppen so sehr unterscheide. Dann werde fraglich, ob es überhaupt noch ein einheitliches Berufsbild der Anwälte gebe, warnt Filges.

Gefährliche Entwicklung

Gleichzeitig wachse jedoch auch die Erkenntnis, dass diese Entwicklung für den Berufsstand gefährlich ist, beobachtet er. Bereits seit einiger Zeit steht die BRAK deshalb im ständigen Dialog mit den Großkanzleien, um sie stärker in die Entwicklung einzubinden.

Filges hat bei den jungen Absolventen in der letzten Zeit ein Prozess des Umdenkens festgestellt. Die allgemeine Begeisterung für Großkanzleien, die besonders vor fünf oder sechs Jahren noch vorherrschte, hat merklich abgenommen. Insbesondere die Kommerzialisierung des Rechtsberufes sähen nicht wenige von den guten Absolventen inzwischen kritisch. Dieser Trend macht sich auch bei den immer häufiger werdenen Abspaltungen deutlich, unter denen die Großkanzleien zu leiden haben. Ganze Gruppen von Rechtsanwälten haben etwa im vergangenen Jahr ihre Kanzlei verlassen, um mit einer Handvoll von Kollegen ein eigenes Büro aufzubauen.

Die gute Entwicklung im Anwaltsmarkt hat schließlich auch vor den kleinen Kanzleien und den Einzelkämpfern, die immer noch die überwiegende Anzahl der knapp 140.000 Rechtsberater in Deutschland stellen, nicht halt gemacht. Der besorgniserregende Abwärtstrend bei den Einkommen der letzten Jahren wurde gestoppt. Die BRAK hat dabei festgestellt, dass auch in diesem Bereich die spezialisierten Anwälte das Rennen vor den Feld-Wald-Wiesen-Advokaten machen. Doch an die üppigen Spitzengehälter der Deluxe-Absolventen kommen sie wohl auch nach jahrelanger Berufserfahrung nicht heran.

Text: F.A.Z., 6. Januar
Bildmaterial: fotolia.com

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