Serie „Zukunft made in Germany“

Innovationen in Deutschland

Von Georg Giersberg

28. August 2004 Der Vorsprung schrumpft. Was Unternehmen in Deutschland herstellen, wird immer schneller kopiert oder gar aus eigener Erfindung auch andernorts hergestellt - und das in den meisten Fällen auch noch billiger.

Auf technisch anspruchsvollen Produkten steht immer häufiger "made in Osteuropa" oder "made in China". Der Glanz des "made in Germany" verblaßt. Täglich gehen in Deutschland fast 500 Arbeitsplätze verloren, weil sie nicht mehr wettbewerbsfähig sind.

Im Land der Ingenieure und der Ingenieurtechnik scheinen die Ideen knapp zu werden. Und wo es noch Ideen gibt, erhebt sich Widerstand. Neue Kernkraftwerke sind hierzulande derzeit nicht durchsetzbar. Gentechnische Großversuche fallen immer wieder technikfeindlicher Zerstörungswut zum Opfer, der Bau oder Ausbau von leistungsfähigeren Großflughäfen wird durch Einsprüche jahrelang verzögert. Mißlungen ist bislang der Versuch der Wirtschaft, die Magnetschwebebahn Transrapid im eigenen Land durchzusetzen, so daß die Technik auch im Ausland nur schwer verkäuflich ist. Die mit großem Vorschußlob bedachte satellitengestützte Technik zur Erhebung einer Autobahngebühr für Lastwagen ist schon in den Ansätzen gescheitert. Sie hat nicht nur schlecht, sie hat bis jetzt überhaupt noch nicht funktioniert.

Als Beruf hat Technik an Zugkraft verloren

Die Folgen für den Bundeshaushalt in Form entgangener Einnahmen sind dabei die geringsten. Viel schlimmer sind die schwer meßbaren gesellschaftlichen Wirkungen. Die Jugend nutzt zwar die Technik als Verbraucher, aber sie zu produzieren und weiterzuentwickeln scheint vielen offenbar nicht mehr attraktiv. Als Beruf oder Berufung hat Technik an Zugkraft verloren. Jedes Jahr schlagen weniger junge Menschen die Ingenieurlaufbahn ein.

Exporte entscheiden über den Wohlstand in Deutschland

Für Technik und die technische Produktion gibt es aber keinen Ersatz. Zwar wachsen die Dienstleistungen stärker als das Produzierende Gewerbe. Aber die Dienstleistungen hängen in vielen Fällen vom Erfolg der produzierenden Unternehmen ab. Wenn weniger hergestellt wird, sinkt auch der Bedarf an produktionsnahen Diensten wie Transportleistungen. Daher wird auch in Zukunft die Produktion ein Kern der deutschen Wirtschaft bleiben.

Auch im Jahr 2020 dürften die Exporte des deutschen Maschinenbaus, der Chemie oder der Automobilindustrie noch immer maßgeblich über den Wohlstand in Deutschland entscheiden. Der wird aber nur dann hoch bleiben können, wenn es gelingt - ungeachtet der notwendigen Anpassung der Sozial- und Arbeitsmarktsysteme -, technisch an der Spitze des Fortschritts zu stehen.

Deutschland braucht dazu eine umfassende Innovationskultur, Mut zur Technik und Freude am Tüfteln. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Junge Menschen dürfen neue Techniken nicht als Bedrohung und Gefahr erfahren, sie müssen Technik als Chance sehen, das eigene und das Leben anderer Menschen zu verbessern. Das müssen Eltern und Schule leisten.

Bürokratie muß abnehmen

Die Politik muß die richtigen Rahmenbedingungen setzen. Die Schulen sollten die naturwissenschaftliche Bildung fördern und die Jugend für Technik begeistern. Jungen Menschen sollte die Möglichkeit erleichtert werden, sich selbständig zu machen. Steuern und Abgaben müssen weiter sinken. Vor allem aber ist die Politik aufgefordert, die Bürokratie zu beschränken: Lange Genehmigungsverfahren, viele Meldepflichten und Auflagen sind oft das größte staatliche Hindernis, gute Ideen auch zur Marktreife zu bringen.

Aber auch in den Unternehmen selbst muß Innovationsbereitschaft gefördert und gefordert werden. Auch hier liegt manches im argen. Schon die Organisation des Unternehmens kann Ideen töten, etwa wenn die Hierarchien undurchlässig sind. Das betriebliche Vorschlagswesen wird vielfach nicht ernst genommen, Vorschläge werden im Kompetenz- und Machtgerangel von Abteilungen zerrieben. Entwickler bekommen nicht die notwendigen Freiräume, weil sie nicht in jedem Quartal kapitalmarktorientierte Kennziffern erfüllen.

Potential ist vorhanden

Das Potential für zukunfts- und marktträchtige Entwicklungen ist vorhanden. Deutschland ist nach wie vor führend bei der Entwicklung neuer Techniken. In deutschen Unternehmen arbeiten Tausende von Technikern und Ingenieuren täglich an neuen Verfahren und Produkten, an neuen Anwendungen und technischen Verbesserungen bestehender Produkte. Was heute in den Entwicklungsabteilungen und Labors heranreift, wird in den kommenden Jahren die Arbeitsplätze und den Lebensstandard sichern.

Wie vielfältig nach wie vor die Entwicklungsarbeiten in deutschen Unternehmen sind, auf wie vielen Gebieten kleine, mittlere und große Gesellschaften führende Weltmarktpositionen einnehmen und ausbauen wollen, soll eine Serie zeigen, die im Unternehmensteil dieser Zeitung erscheint. Darunter sind Verbesserungen von zum Teil längst bekannten Verfahren, aber auch neue Anwendungen für bekannte Werkstoffe und absolute Neuentwicklungen. Allen gemeinsam ist, daß sie in Unternehmen reifen, die auch bisher schon bewiesen haben, daß sie personell wie finanziell in der Lage sind, Innovationen erfolgreich zu entwickeln und zu vermarkten.

Die Fälle zeigen eindrucksvoll, daß deutschen Entwicklern die Ideen entgegen allem Anschein nicht ausgegangen sind und daß es nach wie vor viele Felder gibt, auf denen sie sich mit den besten der Welt messen oder gar an der Spitze ihres Marktes stehen. Die Beispiele machen Mut. Hierzulande wird weiter an technischem Fortschritt gearbeitet. Vieles entsteht, das in den kommenden Jahren das Einkommen von Millionen Menschen sichern wird.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.08.2004, Nr. 192 / Seite 9
Bildmaterial: Bernd Helfert

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