Karrieren

Thomas Middelhoff: Der Antreiber

Von Henning Peitsmeier

Macht Tempo: Middelhoff

Macht Tempo: Middelhoff

04. Juli 2004 Thomas Middelhoff ist zurück. Zwei Jahre nach seinem spektakulären Abschied von Bertelsmann ist er wieder an der Spitze eines großen deutschen Konzerns. Vorige Woche hat ihn der Aufsichtsrat von Karstadt-Quelle zu seinem Vorsitzenden gewählt.

Was treibt einen Manager wie Middelhoff, einst ein gefeierter Superstar der New Economy, der sich schlafwandlerisch sicher auf internationalem Parkett bewegte und die Medienindustrie zu neuen Ufern führen wollte, in die Niederungen des deutschen Einzelhandels? Zu einem Unternehmen, das zwischen Ladenschlußgesetz und Konsumflaute als Paradebeispiel für den Stillstand der deutschen Wirtschaft stehen kann?

Middelhoff kommt als Sanierer. Madeleine Schickedanz, die Großaktionärin von Karstadt-Quelle, habe ihn in Sorge um ihr Investment gefragt, ob er das machen könne, heißt es. Middelhoff ist Oberaufseher und gleichzeitig Coach des neuen, 46 Jahre alten Vorstandsvorsitzenden Christoph Achenbach. Und er ist ganz sicher noch einmal zurückgekommen, um es seinen Kritikern zu zeigen. In der Karstadt-Quelle-Zentrale in Essen-Bredeney sehen viele in ihm einen Hoffnungsträger. Denn der Warenhaus- und Versandhandelsgigant steckt in einer schweren Krise.

Geschwindigkeit zählt

Deshalb macht Middelhoff bei Karstadt-Quelle zunächst das, was er am besten kann: Tempo. Bei Middelhoff muß alles schnell gehen. Schon Ende August muß Karstadt-Chef Achenbach ein Sanierungskonzept vorlegen für den breit aufgestellten Kaufhaus-Konzern mit "Starbucks"-Coffeeshops, Deutschem Sportfernsehen (DSF) und Thomas-Cook-Reisebüros. Geschwindigkeit zählt.

Am vergangenen Montag konnten sich die 170 Konzernführungskräfte ein Bild vom neuen Aufsichtsratsvorsitzenden machen. Middelhoff überließ Achenbach die Aufgabe, die "Karstädter" auf einen schmerzhaften Sanierungskurs vorzubereiten, um dann doch selbst ein paar Minuten zu ihnen zu sprechen. In solchen Situationen wirkt Middelhoff ruhig, oft geradezu aufreizend gelassen. Der hoch aufgeschossene Manager spricht monoton, ohne große Gesten. Sein Charisma wirkt überzeugend, seine Souveränität vielleicht ein wenig antrainiert. Die Haare ordentlich zurückgekämmt, der perfekt sitzende Anzug, Manschettenknöpfe und Einstecktuch - der heute Einundfünfzigjährige sieht aus wie der Prototyp des smarten Turbomanagers. Er kann Mitarbeiter begeistern. Und er hört ihnen zu. Aber er drückt unaufhörlich aufs Tempo.

Drei Stunden Schlaf reichen

Früher, zu Zeiten der New Economy, hat Middelhoff "High Speed" gefordert, sich selbst nicht ausgenommen. Mit drei, vier Stunden Schlaf komme der "Thommes" aus, sagt ein Vertrauter. Wenn Thommes nicht arbeitet, verbringt er viel Zeit auf Flughäfen, ist viel im Ausland, oft in London, bei seinem neuen Unternehmen.

Denn im Hauptberuf kümmert sich Middelhoff seit einem Jahr um das Geld anderer Leute. Als Europachef der Private-Equity-Gesellschaft Investcorp in London agiert er allerdings im Hintergrund. Die Publicity, die er als Bertelsmann-Chef hatte, fehlt. Nun sagt Middelhoff selbst über sich, Galas und Societypartys aus tiefster Überzeugung zu meiden. Aber den Rummel um seine Person hat er in der Öffentlichkeit wenn schon nicht heraufbeschworen, dann zumindest immer gut ausgehalten. Die Sanierung von Karstadt-Quelle rückt ihn jetzt wieder ins Rampenlicht.

Interessenskonflikt

Bei Investcorp ist Middelhoff verantwortlich für europäische Unternehmensbeteiligungen. In Karstadt-Quelle wird er wohl nicht investieren, er muß einen Konflikt vermeiden. Er sitzt dort schließlich im Aufsichtsrat, um die Interessen der Familie Schickedanz zu vertreten, nicht die von Investcorp.

Die Londoner Gesellschaft, 1982 von einem Exil-Iraker gegründet, besitzt auch schon Beteiligungen an Handelsunternehmen, etwa die Luxuskette Saks 5th Avenue, ein Unternehmen, das vor zehn Jahren wie Karstadt-Quelle in einem schlimmen Zustand war, heute aber wieder stattliche Renditen abwirft.

Weil Middelhoff oft in London ist, kann er sich in der Oxford Street selbst ein Bild machen von florierenden Kaufhäusern. Die Harrod's-Läden sind dort viel genauer auf Kundenwünsche eingerichtet, reagieren mit ihren Sortimenten schneller auf wechselnde Trends, bieten ein schöneres Einkaufserlebnis. Middelhoff würde vermutlich, wie früher bei Bertelsmann, von "Entertainment" sprechen. An Ideen jedenfalls soll es den deutschen Warenhäusern künftig nicht fehlen. Auch dafür dürfte Middelhoff sorgen. Doch zuerst muß saniert werden. Die Aufräumarbeiten könnten zur Schließung von bis zu 30 der 180 Kaufhäuser führen, könnten im Gesamtkonzern einen Abbau von bis zu 4000 Stellen nach sich ziehen. Und sie dürften ziemlich kostspielig sein.

Riesiger Schuldenberg

Dabei lastet ein riesiger Schuldenberg auf dem Konzern, der finanzielle Spielraum ist eingeschränkt. Unter diesen Zwängen muß Middelhoff arbeiten. Bei Bertelsmann hat er aus dem vollen schöpfen können. Es war ein anderes Unternehmen, es waren auch andere Zeiten. Die Börsenkurse schossen in den Himmel, Megadeals gingen über die Bühne.

Und einer wie Middelhoff, jung und dynamisch, paßte in diese Zeit. Er war der wohl erfolgreichste Investor der New Economy: Legendär ist sein Engagement 1994 bei AOL, damals, als kaum jemand an Internet und Multimedia dachte. Fünf Prozent der Aktien kaufte Middelhoff, wurde Partner von Steve Case bei AOL Europa und stieg auf dem Höhepunkt der Börsenhausse wieder aus - gut acht Milliarden Dollar nach Steuern kassierte Bertelsmann.

Zerschlagener Spiegel

Trotzdem mußte er im Sommer 2002 gehen, weil er sich mit Firmenpatriarch Reinhard Mohn in der Frage eines Börsengangs von Bertelsmann überworfen hatte. Die Erinnerung an die schöne neue Multimediawelt zerbirst angesichts der Ereignisse in den zwei Jahren danach wie ein zerschlagener Spiegel in tausend Einzelbilder.

Und Middelhoff selbst erweckt in Interviews den Eindruck, heute ganz weit entfernt zu sein von Bertelsmann und Gütersloh und dem Internet. "Ich glaube, ich war für viele in Gütersloh ein ungeliebter Fremdkörper", sagte er unmittelbar nach seinem Abgang der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Heute wirkt er fast gequält, wenn man über ihn als "Ikone des Internets" spricht. Solche Beschreibungen tun ihm weh. Bei Bertelsmann, das sagt Middelhoff heute, habe er nicht unterschieden zwischen New und Old Economy.

Eigenkapital verfünffacht

Beleg für seine Aussage ist, daß er die AOL-Milliarden hauptsächlich in den Fernsehsender RTL, in den Springer-Verlag oder Random House investiert hat. Middelhoff kann für sich in Anspruch nehmen, die Bertelsmann AG zum bedeutendsten Medienunternehmen des Landes, zur Nummer drei weltweit gemacht zu haben. In den vier Jahren unter seiner Führung hat sich der Umsatz verdoppelt, das Eigenkapital verachtfacht. Madeleine Schickedanz hätte nichts dagegen, wäre er bei Karstadt-Quelle nur ansatzweise so erfolgreich.

Doch zu Middelhoffs Ära bei Bertelsmann gehört auch das Zerwürfnis mit Reinhard Mohn, der wie ein Vater zu ihm war, und der ihn durch Gunter Thielen an der Konzernspitze ersetzte. Ausgerechnet Thielen. Derjenige, der ihn am wenigsten schätzt, und den er in seiner Zeit als Vorstandschef am wenigsten schätzte, ist sein Nachfolger geworden und läßt kein gutes Haar an Middelhoff. Der Milliardengewinn mit AOL? Glücksache. Die Konzentration auf drei Geschäftsfelder? Hätte jeder andere auch gekonnt. Middelhoff hat Bertelsmann als seine Lebensaufgabe gesehen. Er hat sie nicht beenden dürfen. Und mußte später in einem Buch von Reinhard Mohn wenig schmeichelhaftes lesen: "Eitle Manager", heißt es darin, "sind egoistisch und schwer zu beeinflussen. Sie wissen alles besser."

Weit weg von Bertelsmann

Middelhoff lebt nach wie vor in der Nähe seines alten Arbeitgebers. In Bielefeld besitzt der Vater von fünf Kindern ein ländliches Anwesen in direkter Nachbarschaft zur Familie Oetker.

Karstadt-Quelle ist gedanklich weit genug weg von Bertelsmann. Middelhoff nimmt in Essen einiges auf sich. Er, der einst sagte, Amerikaner mit deutschem Paß zu sein, wird eingeholt vom deutschen Wirtschaftsalltag. Er, der strenge Verfechter der Corporate Governance, sitzt in einem dieser deutschen Aufsichtsräte, die oftmals mehr an Debattierclubs erinnern, die nichts anderes im Sinn haben, als Besitzstände zu verwalten.

Middelhoff stellt sich. Er weiß, daß sein Name jetzt mit der Sanierung von Karstadt-Quelle verbunden ist. Der Vorstandsvorsitzende Achenbach ist zu unbekannt. Sollte die Sanierung von Karstadt-Quelle scheitern, wäre Middelhoffs Reputation beschädigt. Ein Bertelsmann wird er auch danach noch sein.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.07.2004, Nr. 27 / Seite 40
Bildmaterial: dpa

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