05. April 2004 Das Internet hat sich zu einem etablierten Verkaufskanal im Einzelhandel entwickelt. Im vergangenen Jahr haben 23 Millionen Internetnutzer in Deutschland per Mausklick eingekauft, 15 Prozent mehr als im Jahr zuvor, haben die beiden Marktforschungsinstitute TNS Infratest und Enigma GfK in ihrem Online Shopping Survey ermittelt.
Obwohl fast alle Einkaufsseiten mehr Käufer anziehen, zeigt sich eine klare Konzentrationswelle im Netz: Die Online-Käufer fokussieren sich immer stärker auf die großen Einkaufsseiten Ebay, Amazon, Quelle, Tchibo und Otto. Die Zahl der Online-Einkäufer auf diesen fünf Internetseiten ist im Vergleich zum Vorjahr im Durchschnitt um 33 Prozent gewachsen. Dagegen ist die Zahl der Online-Käufer auf 20 weiteren führenden Einkaufsseiten nur um 15 Prozent gestiegen. Lediglich der Weltbild-Verlag kann mit einem Käuferzuwachs von 52 Prozent innerhalb eines Jahres den Anschluß zum Spitzenquintett im Internethandel halten. Dagegen können der Elektronikhändler Conrad, Neckermann und T-Online das Wachstumstempo der Marktführer zur Zeit nicht mithalten.
Marktführer müssen Wachstumstempo halten
Vor allem die beiden börsennotierten Marktführer Ebay und Amazon sind gezwungen, ihr Wachstumstempo aufrechtzuerhalten. Als der lukrative Handel mit Gebrauchtwagen auf der deutschen Ebay-Plattform nicht wie gewünscht funktionierte, hat das Unternehmen kurzerhand die erfolgreiche Gebrauchtwagenbörse Mobile.de gekauft. Kooperationen mit dem Versandhaus Quelle oder dem Spielzeughersteller Lego sollen ebenfalls beitragen, das Wachstumstempo zu halten. Der weltgrößte Internethändler Amazon begnügt sich bisher mit organischem Wachstum, indem das Angebotsportfolio ständig ausgeweitet wird. Jüngstes Beispiel sind Küchengeräte, Werkzeug und Gartengeräte. Sowohl Ebay als auch Amazon setzen darauf, ihre breite Kundschaft zu immer größeren Umsätzen zu animieren.
Das Buch als Bestseller
Ganz oben auf der Einkaufsliste der Interneteinkäufer stehen aber weiterhin Bücher. In diesem Segment hält Branchenprimus Amazon weit mehr als 50 Prozent der Marktanteile. Auf der Einkaufsliste der Deutschen folgen nach den Büchern bereits Eintrittskarten für Kinos, Konzerte, Theater- und Sportveranstaltungen, die den größten Sprung in der Gunst der Online-Shopper gemacht haben. Jeder vierte Internetnutzer ordert Tickets inzwischen im Internet, haben die Marktforschungsinstitute herausgefunden. Daneben haben Digitalkameras, Musikanlagen, Autozubehör und DVDs den größten Sprung in der Nutzergunst gemacht. Das wachsende Vertrauen in das Internet zeigt sich auch in einer schnell steigenden Nachfrage nach langlebigen Konsumgütern, haben TNS Infratest und Enigma GfK ermittelt.
Umsatzwachstum von jährlich 32 Prozent vorausgesagt
Die Marktforscher von Forrester Research sagen für Deutschland ein Umsatzwachstum von jährlich 32 Prozent voraus. Bis zum Jahr 2009 wird der E-Commerce-Umsatz von heute rund 11 Milliarden Euro auf fast 43 Milliarden Euro wachsen, schätzt Hellen Umwando von Forrester. Besonders in Deutschland steckt der Einkauf im Internet noch in den Anfängen. "Der schlafende Riese Deutschland erwacht", sagt Umwando voraus. Einer der Schlüsselsektoren werde die Reisebranche sein, da die Deutschen heute - mehr als jede andere Nation in Europa - noch den Großteil ihrer Reisen über die klassischen Vertriebskanäle buchen. Deutschland wird nach Forrester-Schätzung sogar die europäische E-Commerce-Vorreiternation Großbritannien überholen, wo in diesem Jahr rund 14 Milliarden Euro Umsatz im Internet erzielt werden. Frankreich und Italien haben bereits einen großen Rückstand.
Online-Shopper verkürzen ihre Lernkurve
In ganz Europa bestellen rund 100 Millionen Internetnutzer in diesem Jahr Produkte für gut 40 Milliarden Euro. "Die Online-Shopper haben ihre Lernkurve verkürzt. In diesem Jahr werden 29 Prozent der Neueinsteiger Produkte im Netz bestellen. Vor drei Jahren war die Quote mit 17 Prozent weit geringer", sagt Umwando. Obwohl schon etwa die Hälfte der Europäer das Internet nutzt, sind keine Wachstumsgrenzen zu erkennen. Bis zum Jahr 2009 wird sich der Umsatz um jährlich 33 Prozent auf 167 Milliarden Euro erhöhen, schätzt die Marktforscherin.
Der Interneteinfluß auf den Handel ist allerdings weit höher, als es die Online-Umsätze ausweisen. Nach Forrester-Angaben, die auf einer Umfrage unter 23 000 Konsumenten in Europa beruhen, kaufen 60 Millionen Online-Nutzer die Produkte im Laden erst nach vorausgegangener Internetrecherche. Besonders elektrische Haushaltsgeräte, Sportartikel und Schuhe werden nach der Online-Recherche lieber noch klassisch im stationären Laden gekauft. Dagegen werden Bücher, DVDs, Computer und Reisen nach der Online-Recherche in fast allen Fällen auch direkt per Mausklick gekauft.
Text: ht., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.04.2004, Nr. 81 / Seite 19
Bildmaterial: F.A.Z.
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