18. August 2003 Sie sind eine der reichsten Familien Deutschlands und eine der zerstrittensten: Seit fast vier Jahrzehnten befehden sich die Erben des Tchibo-Clans, streiten um Posten, Geld und Einfluß. Am Montag geht der Kampf der Kaffeekönige nun in die entscheidende Runde. Da versuchen die unberechenbaren Nachfahren des Tchibo-Gründers Max Herz sich zumindest darauf zu einigen, daß es nichts mehr zu einigen gibt - und sie künftig besser getrennte Wege gehen.
Morgens gegen neun werden die Streithähne in der Tchibo-Zentrale am Hamburger Überseering erwartet - zur offiziellen Hauptversammlung der Tchibo Holding AG. Ursprünglich war die Sitzung für zwölf Uhr angesetzt. Da es offensichtlich doch noch mehr Gesprächsbedarf gibt, kommt man nun früher zusammen.
Gezänk ohne rationale Grundlage
Sieben Aktionäre müssen bei der Tchibo-Holding miteinander klarkommen: die über achtzigjährige Mutter Ingeborg Herz, ihre fünf Kinder und der Hamburger Wirtschaftsprüfer Otto Gellert, der als einziger Familienfremder Tchibo-Anteile (sechs Prozent) hält. Sollten die Parteien jetzt eine Lösung finden, dann sicher nicht, weil sie sich versöhnt haben, sondern weil sie genug haben von einem Gezänk, "das längst keine rationale Grundlage mehr hat", wie die Geschwister in lichten Momenten erkennen. "Freunde werden die in diesem Leben nicht mehr", sagt ein Kenner der Familie. "Da geht es nicht um die Sache, sondern um pure Emotionen."
Am Montag wollen die Herz-Geschwister die Modalitäten - und somit den Preis - für den Ausstieg von Günter Herz und seiner Schwester Daniela regeln. Fünf Milliarden Euro hat die Holding in der Kasse liegen, seit sie im März vorigen Jahres ihre Anteile an der Zigarettenfabrik Reemtsma an den britischen Tabakkonzern Imperial Tobacco verkauft hat. Vier Milliarden davon sollen als Dividende an die Aktionäre ausgeschüttet werden. Und damit Günter und Daniela ihre Anteile an der Tchibo-Holding abgekauft werden.
Unklares Testament
Die Wurzeln des Zwists reichen fast 40 Jahre zurück: Günter Herz hatte 1965 das unklare Testament des Vaters genutzt und die Macht in dem Familienunternehmen ergriffen. Was Tchibo ganz gut bekommen ist: Der Kaffeeröster wuchs zu einem Konzern mit drei Milliarden Euro Umsatz, 10000 Mitarbeitern und 53000 Tchibo-Shops, wo längst nicht mehr nur Kaffee, sondern zunehmend Mode und Küchenzubehör verkauft werden.
Vor zwei Jahren war der Streit zwischen Günter Herz und den Brüdern im Aufsichtsrat derart eskaliert, daß der als spröde und unnahbar geltende Manager Günter aus der Führung der Holding ausschied. Im folgenden gründete er sein eigenes kleines Unternehmen (die Vermögensverwaltung Mayfair) und stichelte mit Vorliebe gegen seine Geschwister oder die familienfremden Nachfolger bei Tchibo, die nichts zustande brächten außer Kosten. Schaffen es seine Brüder, ihn nun auch als Anteilseigner und damit endgültig aus dem Konzern zu drängen, "haben die ihr Lebensziel erreicht", spottet einer aus dem Lager von Günter Herz.
Nicht ganz zu Ende
Vermittelt hat den nun zur Abstimmung vorliegenden Pakt der Münchner Anwalt Reinhard Pöllath, Interimsvorstandschef der Tchibo-Holding und - wenn alles glattläuft - künftig Vorsitzender des Aufsichtsrates. Mitte Juni hatten die Herz-Geschwister die Familienfehde per Pressemitteilung für beendet erklärt. Doch wie stets in der an Possen reichen Familiensaga gab es Querschüsse.
In diesem Fall von Joachim Herz. Gekränkt, daß sich die Brüder hinter seinem Rücken abgesprochen hatten, holte er zum öffentlichen Gegenschlag aus. Vermittler Pöllath habe ihn überrumpelt, schimpfte er und warnte davor, die flüssigen Mittel auszuzahlen, statt sie in den Ausbau des Unternehmens zu stecken. Schließlich gelte es, das Traditionsunternehmen Beiersdorf - an dem Tchibo 30 Prozent hält - vor den Klauen eines internationalen Konzerns zu retten. Und dafür könnte nach dem großen Zahltag für die Geschwister das Geld fehlen. Ein paar Tage später erklärte Joachim Herz den Aufstand für beendet - was aber nichts an der Ungewißheit im Fall Beiersdorf ändert.
Doch noch Kauf von Beiersdorf?
Größter Aktionär bei dem hochprofitablen Nivea-Hersteller ist die Allianz-Versicherung mit 44 Prozent. Ein Paket, das die Münchner gern loswürden - auch wenn sie stets betonen, daß sie viel Zeit für den Verkauf hätten. Ein Interessent ist Procter & Gamble, der amerikanische Konsumgüterkonzern, der dieses Jahr bereits Wella übernommen hat. Zweiter Kaufkandidat ist die Familie Herz, die ihre Beiersdorf-Anteile seit langem gern aufstocken würde.
Die Frage ist nur, wie Tchibo das bezahlen will, wenn die Reemtsma-Milliarden verteilt sind. In ihrem Scheidungsvertrag geloben die Geschwister, für eine eventuelle Mehrheitsübernahme bei Beiersdorf ihre Interessen "gegebenenfalls wieder zu bündeln" - eine reichlich abenteuerliche Vorstellung, wenn die Tchibo-Erben doch heilfroh sind, endlich geschäftlich nichts mehr miteinander zu tun zu haben. Ein Stadium, das sie im persönlichen Bereich längst erreicht haben.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.08.2003, Nr. 33 / Seite 25
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.
Wachstumsbeschleunigungsgesetz: Steuerentlastungen ![]()
Zu Besuch in Nordkorea: Blick in den Sozialismus
Stimmung in der Wirtschaft hellt sich weiter auf
| Name | Kurs | in % |
| DAX | 5.888,50 | +0,75% |
| TecDAX | 818,53 | +0,34% |
| MDAX | 7.433,87 | +0,40% |
| SDAX | 3.560,83 | +0,37% |
| REX | 378,74 | +0,12% |
| Eurostoxx 50 | 2.914,91 | +0,80% |
| Dow Jones | 10.308,30 | −1,27% |
| Nasdaq 100 | 1.778,27 | −1,25% |
| S&P500 | 1.096,08 | −1,18% |
| Nikkei225 | 10.142,00 | −0,21% |
| EUR/USD | 1,4392 | +0,30% |
| Rohöl Brent Crude | 73,75 $ | +0,72% |
| Gold | 1.117,00 $ | −1,80% |
| Bund Future | 123,47 € | +0,02% |