Karriere

Darum in die Ferne schweifen

Von Catherine Hoffmann

Traumziel für viele - auch als Arbeitsplatz

Traumziel für viele - auch als Arbeitsplatz

01. November 2006 Hinterher spazieren Deutsche durch Schanghai oder New York und sehen die Stadt nicht nur als Tourist. Sie haben hier gearbeitet, gelebt, Freunde gefunden. Hinterher stellt sich ein unglaubliches Hochgefühl ein. Man hat sich in der Fremde bewährt, in einem Land, das man als Ausländer betreten hat.

New York, Rio, Tokio - um Stellen in fernen Ländern und attraktiven Städten müßten sich Mitarbeiter eigentlich reißen. Doch ganz so einfach ist es nicht - auch wenn immer behauptet wird, daß es die Karriere beflügelt und den Charakter bildet. Vielleicht sind die Deutschen mehr als andere heimatverbunden. Aber es gibt auch eine nüchterne Erklärung für das Zögern: Die Erwartungen von Unternehmen und Angestellten klaffen oft weit auseinander.

Geld statt Aufstieg

"Wenn es darum geht, Fachkräfte ins Ausland zu schicken, konzentrieren sich Firmen zu oft auf finanzielle Anreize", sagt Thomas Kausch, Partner bei Pricewaterhouse Coopers (PwC). Dabei übersehen sie, daß ihre Angestellten vor allem einen Aufstieg nach ihrer Rückkehr erwarten. Doch der bleibt oft aus. "Firmen sollten sich bewußtmachen, daß mangelnde Karriereoptionen viele Rückkehrer der Konkurrenz in die Arme treiben", warnt Kausch. Er glaubt, daß die Anreize für einen Wechsel ins Ausland stärker auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter zugeschnitten werden müssen.

Vor allem von Managern wird erwartet, immer umziehbereit zu sein. Die Arbeitswelt steht ganz im Zeichen der Globalisierung. Längst agieren die großen Konzerne weltweit. Auch die Dax-Unternehmen beschäftigen mehr und mehr Menschen im Ausland. Da müssen auch die Angestellten mobil sein - über Landes- und Kulturgrenzen hinweg. Und so wächst die Zahl der Deutschen, die heute hier und morgen dort arbeiten. Darauf deuten zumindest die Zahlen von Eurostat hin, wonach im vergangenen Jahr 260.000 Deutsche in anderen EU-Ländern erwerbstätig waren. Amerika und Asien sind da noch gar nicht erfaßt. Während in den Vereinigten Staaten vor allem die Geringqualifizierten umziehen, sind es in Europa einer Studie der Universität Berkeley zufolge die Hochqualifizierten, die beweglich sind.

„Expatriates“ - ein deutsches Wort gibt es nicht

Obwohl die Spezies der ins Ausland entsandten Beschäftigten nicht gerade neu ist, gibt es für sie kein deutsches Wort. Im Englischen heißen sie "Expatriates", kurz "Expats". Gemeint ist jemand, der vorübergehend oder dauerhaft in einem anderen Land lebt und arbeitet, ohne Einbürgerung. Darunter sind Leute, denen der Chef gesagt hat: "Lieber Kollege, deinen Job gibt es in Deutschland künftig nicht mehr." Vor allem aber sind es die Jungen, Ehrgeizigen, die sich freiwillig zum Auslandseinsatz melden, weil sie Karriere machen wollen. Das ist zwar auch nach einer erfolgreichen Zeit in London oder Tokio längst nicht mehr garantiert, aber es hilft. "Interkulturelle Parkettfähigkeit und die Bereitschaft, die Dinge nicht nur durch die deutsche Brille zu sehen, sind notwendig, um im Unternehmen erfolgreich zu bestehen", glaubt PwC-Experte Kausch.

Mit dem Gehalt ist es auch so eine Sache. Wer einen Expatriate-Vertrag bekommt, wird gut bezahlt. Oft sind Sprachkurse und andere Hilfen für die ganze Familie im Programm. Doch das ist für das Unternehmen teuer. Deshalb bieten die Firmen lieber einen Arbeitsvertrag zu lokalen Konditionen an. Das ist vielleicht in London finanziell attraktiv, aber nicht in Singapur. Trotzdem sollte man ein solches Angebot nicht sofort ausschlagen, meint Sörge Drosten, Partner bei der Personalberatung Kienbaum. "Man muß nicht immer alles für die Karriere und das Geld machen. Ein Auslandsjob ist immer auch eine persönliche Bereicherung."

Wichtig ist, darauf zu achten, daß man im Ausland nicht vergessen wird. Ein Mentor am Stammsitz hilft dabei. Zudem empfiehlt Drosten: "Der Auslandsaufenthalt sollte auf zwei oder drei Jahre beschränkt sein und die Rückkehr klar geregelt werden." Wer keine Anschlußposition zugesichert bekommt, muß oft unter seinem Level wieder einsteigen.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.10.2006, Nr. 43 / Seite 53
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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