Kapitalismuskritik

Vom Nutzen der Heuschrecken

Von Holger Steltzner

03. Mai 2005 Angesichts der drohenden Abwahl von Rot-Grün in Nordrhein-Westfalen und im Bund schürt der SPD-Vorsitzende Müntefering die Angst vor einer virtuellen Heuschreckenplage. Die „Wirtschaft“ wird pauschal beschimpft, es wird zum Boykott einzelner Unternehmen aufgerufen, Manager werden als raffgierige Abzocker, gewissenlose Firmenjäger und menschenverachtende Ausbeuter verunglimpft.

Am Wochenende hat die SPD sogar einen Steckbrief mit einer Liste von angeblichen Wirtschaftsverbrechern veröffentlicht. Das ist mehr als befremdlich. Bevor jetzt noch ein Genosse zur Straßenjagd auf asoziale Marktradikale aufruft, sollten die Beteiligten verbal abrüsten.

Der Steckbrief aus der SPD-Fraktion, ein vierseitiges Papier mit einer kruden Zitatensammlung unter der Überschrift „Marktradikalismus statt sozialer Marktwirtschaft - Wie Private-Equity-Gesellschaften Unternehmen verwerten“ zeugt vom wirtschaftlichen Unverständnis der SPD. Als Beleg für ein von angelsächsischen Finanzheuschrecken zerfressenes deutsches Unternehmen wird etwa Siemens Nixdorf genannt. Gemeint ist wohl die Firma Wincor Nixdorf, ein Hersteller von Geldautomaten und Kassensystemen. Vor sechs Jahren wurde diese Gesellschaft vom amerikanischen Private-Equity-Investor KKR übernommen.

Auf dem Steckbrief der SPD: Heuschrecke Müntefering in Duisburg: Schutz vor Eiern (und nicht Heuschrecken) Kundgebung zum 1. Mai in Frankfurt am Main DGB-Chef Sommer: “Unternehmen, die nicht investieren, sind schuld“

Ausgerechnet die Wortführer verkaufen Staatsunternehmen

Seither hat sich die Zahl der Beschäftigten fast verdoppelt, das Unternehmen stieg zum erfolgreichsten deutschen Börsengang seit vielen Jahren auf. Auch Auto-Teile-Unger (ATU) findet sich auf dieser Liste, obwohl die Firma seit dem Einstieg der Investoren die Zahl ihrer Filialen von 390 auf 504 erhöht und neues Personal eingestellt hat. Doch mit solchen, politisch unpassenden Tatsachen hält sich die SPD-Fraktion nicht auf. Es kümmert sie auch nicht, daß mit Müntefering und Oskar Lafontaine ausgerechnet die beiden Wortführer der Anti-Kapitalismus-Kampagne als damalige Verkehrs- und Finanzminister selbst zwei Staatsunternehmen an Beteiligungsgesellschaften verkauft haben, die heute ebenfalls auf der „Opfer-Liste“ auftauchen (die Rasthof-Kette Tank und Rast sowie der Grüne Punkt - Duales System).

Natürlich werden bei Übernahmen manchmal viele Mitarbeiter entlassen, ab und zu gehen aufgekaufte Unternehmen sogar pleite. Auch das gehört zum riskanten Geschäft der Beteiligungsgesellschaften. Die angeblich unmoralisch hohen Renditen ergeben sich als Mischkalkulation aus erfolgreichen Übernahmen und seltenen Totalausfällen. Weil die Gesamtverzinsung merklich über den Renditen von Aktien- oder Anleihekäufen liegt, investieren immer mehr Versicherungsgesellschaften und Pensionswerke einen Teil ihrer Gelder in Private Equity. Ohne es zu wissen, werden also auch viele Kapitalismuskritiker als sparende Arbeitnehmer oder Versicherte hiervon indirekt profitieren. Das gilt auch für die Altersvorsorge mancher Gewerkschaftsfunktionäre.

Gesamtwirtschaftlich wirken Beteiligungsgesellschaften als Treiber des unweigerlichen Strukturwandels. Sie übernehmen von schwankenden deutschen Banken notleidende Immobilienkredite in Milliardenhöhe, vom klammen Staat kostenträchtige Wohnungsbestände, von Großunternehmen abgetrennte Konzernteile. Im Unterschied zu den über hohe Steuern und Abgaben jammernden Lobbyisten der Wirtschaftsverbände erkennen sie die Zukunftschancen in Deutschland. Statt über den unflexiblen Arbeitsmarkt zu klagen, handeln sie mit den Betriebsräten individuelle Lösungen aus. Sie sind diejenigen, die der deutschen Zukunftsangst ihren angelsächsisch geprägten Optimismus entgegensetzen. Weil sie gelernt haben, antizyklisch zu investieren, kaufen sie im großen Stil zu Tiefstpreisen in Deutschland ein.

Spekulative Auswüchse

Selbstverständlich gibt es auch auf diesem Feld Übertreibungen, wie sie an den Börsen und Kapitalmärkten immer wieder auftreten. So steigt in jüngster Zeit die Neigung, getrieben von rekordniedrigen Zinsen und dem weltweiten Überangebot von Kapital, mit dem Einsatz von Krediten die Rendite des eingesetzten Eigenkapitals noch weiter nach oben zu treiben. In diesen Fällen werden die Kapitalrücklagen der übernommenen Firmen von den neuen Eigentümern abgesaugt, die Schulden steigen, manchmal werden sogar noch Sonderdividenden durch die Ausgabe von hochverzinslichen Anleihen finanziert. Dieses von den Akteuren verschleiernd Rekapitalisierung genannte Verfahren hinterläßt nicht selten Unternehmen, die unter Zins- und Tilgungslasten ächzen. Es gibt spekulative Auswüchse, die kritisch zu sehen sind. Doch hilft bei ihrer Beurteilung die pauschale Formel vom guten Eigen- und bösen Fremdkapital nicht weiter. Denn letztlich wollen alle Kapitalgeber eine angemessene Rendite. Und zum Recht auf Eigentum gehört auch dessen Verwertung, wie es viele Besitzer schöner Altbauten wahrnehmen, wenn sie ihre Häuser in Eigentumswohnungen umwandeln und diese einzeln verkaufen.

Wie alle entwickelten Volkswirtschaften ist auch Deutschland auf effiziente Kapitalmärkte angewiesen. Der Einsatz moderner Finanzinstrumente ist für den erfolgreichen Strukturwandel und das Beherrschen von Risiken unerläßlich. Wie gut auch nach Schocks oder spekulativen Übertreibungen die Selbstheilungskräfte der Märkte funktionieren, zeigen die Reaktionen auf die Terroranschläge vom 11. September 2001, das Platzen der Internetblase an den Börsen oder die illegale Bereicherung von Managern. Die harsche Kritik an einigen wenigen schlechten Managern in Deutschland ist gerechtfertigt, wenn diese ihre Bodenhaftung verloren haben und die Belegschaft und Aktionäre für ihre strategischen Fehlentscheidungen bezahlen lassen, während sie selbst auf ihren Sesseln kleben und Millionengehälter kassieren. Doch der Frontalangriff der SPD auf die Wirtschaft ist überzogen, Ziel ist der Erhalt von Macht und Mandaten der Genossen. Damit dient die Regierung sich selbst, aber nicht dem Volk.



Text: F.A.Z., 2. Mai 2005
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

 

Kapitalismusdebatte

Angelsachsen über Heuschrecken-Vergleich irritiert

Heuschreckenplage (im November auf Fuerteventura)

Die Kapitalismuskritik in Deutschland stößt in angelsächsischen Medien oft auf Sarkasmus. Im britischen Wahlkampf ist kein einziges Wort gegen den Kapitalismus gefallen, obwohl die Marktwirtschaft dort viel rigoroser praktiziert wird.

Kapitalismusdebatte

Außer Rand und Band

Müntefering: ...die Geister, die ich rief...

Die vom SPD-Vorsitzenden ausgelöste Debatte erhält eine neue Dimension: Der Münchner Zeithistoriker Wolffsohn warf Müntefering am Dienstag vor, er hetze mit seinem Heuschrecken-Vergleich gegen Finanzinvestoren „wie einst die Nazis gegen Juden“.

Rot-Grün gespalten

Die Grünen nehmen die Wirtschaft in Schutz

Wichtige Wertedebatte: Bütikofer und Göring-Eckardt

Die Kritik der Grünen an der von SPD-Chef Müntefering angestoßenen Kapitalismus-Debatte ist lauter geworden. Auch innerhalb der Regierungskoalition gibt es widerstreitende Meinungen.

Der Sonntagsökonom

Gier ist gut - sonst müßt Ihr Eicheln essen

„Herr A et al.”

Vor 300 Jahren erschien die Bienenfabel von Bernard de Mandeville. Der Arzt für Nerven- und Magenleiden erklärte, warum Tugend allein die Wirtschaft nicht voranbringt. Ein Lehrstück für die Kapitalismusdebatte.

Hedge-Fonds

Wen die SPD wohl meinte, aber nicht nannte

Mit Übernahmen, die auf Wertsteigerung abzielen, läßt sich heute mehr Geld verdienen als durch blankes Zerschlagen von Unternehmen. Doch längst sind neue Firmenjäger auf den Plan getreten: die Hedge-Fonds.

Kapitalismuskritik

Am Tag der Arbeit Eklat um Müntefering

Müntefering in Duisburg: Schutz vor Eiern (und nicht Heuschrecken)

Der Kapitalismuskritik „Taten folgen zu lassen“, das forderten die Gewerkschaften am 1.Mai von der Schröder-Regierung. Auch der SPD-Vorsitzende Müntefering sprach auf einer Kundgebung in Duisburg - und wurde mit Eiern beworfen.

Kapitalismusdebatte

Die Verheißung

Noch ein beliebtes Bild: das Kapital als “scheues Reh“

Bei der Kapitalismusdebatte geht es um den Spielraum des Staates. Münteferings Polemik ist eine Verheißung von Freiheit, davon, daß demokratisch gewählte Instanzen die Gesellschaft gestalten - und keine abstrakten Prozesse.

Kapitalismusdebatte

Die „Heuschrecken" wehren sich

Die Beteiligungsgesellschaften, die in der „Heuschrecken-Liste“ der SPD auftauchen sind entsetzt. „Wenn das nach dem Wahlkampf so weitergeht, wird das neue Investoren abschrecken“, heißt es aus der Branche.

Kommentar

Zählappell

Seit Münteferings Kapitalismuskritik ziehen die Gewerkschaften zum ersten Mal nach Jahrzehnten wieder mit der Partei des Bundeskanzlers an einem Strang. Doch nach den Zählappellen am 1. Mai sieht es nicht danach aus, daß der DGB imstande wäre, zu den Wahltagen wieder alle seine Mitglieder zu mobilisieren.

Kapitalismusdebatte

„Wir Unternehmer sind empört“ - Die Wirtschaft schlägt zurück

Bankenmetropole Frankfurt - für viele ein Symbol des Kapitalismus

Die deutsche Wirtschaft will sich die Vorwürfe in der Kapitalismusdebatte nicht gefallen lassen und wehrt sich heftig gegen die Kritik der SPD. Ein bekannter Unternehmensberater warnt sogar davor, die Debatte könnte eine neue Terrorismuswelle auslösen.

Kaptialismusdebatte

„Müntefering ist ein Neandertaler-Sozialist“

Müntefering: Kritik ohne Konsequenzen?

Einen „unqualifizierten Angriff auf die Wirtschaft“ im Wahlkampf, nennt CDU-Politiker Pofalla die jüngsten Ausagen des SPD-Vorsitzenden Müntefering. Derweil spaltet sich die SPD in der Frage, konkrete Konsequenzen aus der Kaptalismusdebatte zu ziehen.

Kapitalismusdebatte

SPD gibt den Heuschrecken Namen

Die SPD hat Unternehmen benannt, um den von ihrem Vorsitzenden Müntefering getroffenen Vergleich von Finanzinvestoren mit Heuschrecken zu belegen. Arbeitgeberpräsident Hundt kritisierte die Debatte scharf: „Ich finde es zum Kotzen.“

Trotz Kapitalismuskritik

SPD verliert in Umfragen

Die Kapitalismuskritik des SPD-Vorsitzenden Müntefering hat sich trotz der Zustimmung in weiten Teilen der Bevölkerung für die SPD bislang in Umfragen nicht ausgezahlt. Die Grünen konnten sich hingegen trotz der Visa-Affäre leicht verbessern.

Kommentar

Macht und ökonomisches Gesetz

Der internationale Wettbewerb reißt das Kartenhaus des deutschen Wohlfahrtsstaats ein. Die Angst der Deutschen vor der Veränderung ist verständlich. Sie ist aber unbegründet.

Kapitalismusdebatte

Wirtschaft macht Politik

Proteste gegen Entlassungen und Hartz IV

Mit seiner „Kapitalismuskritik“ hat der SPD-Vorsitzende Müntefering ein Tabu angerührt und zudem einen empfindlichen Nerv getroffen: das Gerechtigkeitsempfinden weiter Teile der lohnabhängig Beschäftigten und erst recht das der Unbeschäftigten.

Kapitalismusdebatte

„Zum Kotzen, was in dieser Republik abläuft“

Kann sich kaum zügeln: Arbeitgeberpräsident Hundt

Der Ton in der Kapitalismusdebatte verschärft sich. Arbeitgeberpräsident Hundt kritisierte die öffentliche Diskussion mit scharfen Worten. Der frühere SPD-Vorsitzende Lafontaine forderte von der Regierung Taten.

Kapitalismuskritik

Schröder: Unternehmer dürfen nicht nur Gewinne im Auge haben

Setzt auf Dialog mit der Wirtschaft: Kanzler Schröder

Bundeskanzler Schröder hat die Kritik von SPD-Parteichef Müntefering an mangelnden sozialer Verantwortung deutscher Firmen unterstützt, zugleich aber positive Gegenbeispiele aufgezählt.

SPD-Programm

Kapitalismuskritiker ohne „Illusionen“

Müntefering und Steinbrück; Wahlkampfschlager “Kapitalismuskritik“

Welche Folgen hat die von Parteichef Müntefering angestoßene Kapitalismusdebatte? Offenbar keine kurzfristigen Gesetzesinitiativen. Es gebe keinen Ruf „nach rechtlichen Instrumenten“, sagt auch NRW-Ministerpräsident Steinbrück.

Arbeitgeberschelte

SPD will Kapitalismus-Kritik Taten folgen lassen

Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Wieczorek-Zeul fordert höhere Erbschafts...

Nach der Kritik von SPD-Chef Müntefering an Auswüchsen des Kapitalismus hat die SPD-Linke Taten gefordert. So hat die stellvertretende SPD-Vorsitzende Wieczorek-Zeul die Debatte über eine höhere Steuerlast für Reiche neu belebt.

SPD

Die lancierte Programmrede

Müntefering: “Es gibt Fehlentwicklungen“

Franz Müntefering ist mit seiner Rede wider die Macht des Kapitals zufrieden. Angesichts der Reaktionen aus der eigenen Partei kann er das auch sein. Es hätte aber auch anders kommen können.

Kapitalismuskritik

Schröder gibt Müntefering Rückendeckung

Schröder stützt Müntefering: Andere Worte gewählt?

In der Debatte um die Kapitalismus-Kritik des SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering hat jetzt auch der Kanzler eingegriffen und die Wirtschaft gemahnt, Macht des Kapitals sei auch mit gesellschaftlicher Verantwortung verbunden.

Kritik am Kapital

SPD verschreckt die Wirtschaft

SPD-Chef Müntefering verschärft seine Kritik

Münteferings Kritik am Kapital stößt in Nordrhein-Westfalen auf offene Ohren. Wirtschaftsvertreter Thumann aber sieht im Mißtrauen der SPD fatale Konsequenzen für das Land. Die Kluft zwischen Wirtschaft und Regierung weitet sich.